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FC St. Pauli:Den Finger in der Nase gebrochen

Marvin Friedrich Union Sami Allagui St Pauli 14 04 18 Hamburg FC St Pauli vs 1 FC Union Berl

Rutschpartie: Der später vom Platz gestellte Berliner Marvin Friedrich (vorne) und St. Paulis Sami Allagui gehen zu Boden.

(Foto: Thorsten Baering/imago)

Der Zweitligist findet selbst in Überzahl keine Lösung gegen den gut organisierten 1. FC Union Berlin. Durch das 0:1 rutschen die Hamburger auf den Abstiegs-Relegationsplatz.

Den alten Kiez-Humor hat sich das St. Pauli-Urgestein Helmut Schulte auch in seiner Eigenschaft als Leiter der Lizenzspielerabteilung beim 1. FC Union Berlin bewahrt. Als der Fernsehsender Sky vor der Partie am Hamburger Millerntor mal wieder die Frage stellte, ob Trainer André Hofschneider das Saisonende bei Union erlebe, konterte Schulte: "Diese originelle Frage will ich nicht durch eine Antwort beschädigen." Immerhin hatte Hofschneider, der die Mannschaft Anfang Dezember nach der Entlassung von Jens Keller auf Rang vier übernahm, direkt in den Abstiegskampf geführt. Zuletzt hatte der selbsternannte Aufstiegskandidat fünfmal nacheinander nicht gewonnen.

Die Frage, ob nach dem 1:0-Sieg der Berliner beim FC St. Pauli nun Hofschneiders Kollege Markus Kauczinski um seinen Job fürchten muss, würde St. Paulis Sportchef Uwe Stöver vermutlich ähnlich beantworten wie Schulte, vielleicht nicht ganz so originell. Mit dem Auswärtserfolg hat Union den anderen Kultklub der zweiten Liga heftig in die Bredouille gebracht. Mit nunmehr sechs sieglosen Partien nacheinander ist der FC St. Pauli, der sein Erstliga-Ziel nicht ganz so offensiv verkauft hatte wie die Köpenicker, wieder in jene Zone gerutscht, bei der man sich eher mit Liga drei auseinandersetzen muss: auf Platz 16, dem Relegationsplatz im Abstiegskampf. Und das, obwohl noch Anfang März einige Fans vom Aufstieg geträumt hatten.

Immerhin sind St. Paulis Spieler selbstkritisch: "Wir waren viel zu passiv", gibt Kapitän Sobiech zu

So ist das in diesem Jahr in der zweiten Liga mit etwa 15 gleichstarken Teams, bei der den Tabellen-16. St. Pauli nur sieben Punkte von dem auf Rang vier liegenden SSV Jahn Regensburg trennen. Dort müssen die Hamburger am kommenden Samstag antreten. Wie aber kam es, dass St. Pauli trotz 35-minütiger Überzahl - Union-Verteidiger Marvin Friedrich sah in der 56. Minute die gelb-rote Karte nach einem Foul an Christopher Buchtmann - fast keine Torchance mehr herausspielte?

"Wir haben uns da den Finger in der Nase gebrochen", versuchte sich St. Paulis Manager Stöver mit einer ebenfalls unterhaltsamen Antwort. Das bedeutete, wie es Kauczinski genauer beschrieb, man habe keine Lösungen "gegen gut organisierte Berliner" gefunden. Und dann hat der Trainer das getan, was man in prekärer Situation macht, und die positiven Aspekte hervorgehoben. Er habe ein "gutes Spiel beider Mannschaften" gesehen und lobte sein eigenes Team, "das zusammengehalten hat". Auch Manager Stöver hat die nach dem 1:3 in Aue aufgekommene Mentalitäts-Debatte für beendet erklärt. Einstellung und Kampfkraft haben diesmal gestimmt.

Nur die beiden Aluminium-Treffer der Berliner - Steven Skrzybski in der 11. und Simon Hedlung in der 50. Minute - wurden nicht erwähnt. Und nach dem entscheidenden Treffer in der 80. Minute, als Hedlund in Ruhe Maß nehmen konnte, haben dann auch die Hamburger Spieler Selbstkritik geübt. "Da waren wir in dieser Situation viel zu passiv", sagte Kapitän Lasse Sobiech. Vorne habe man viel zu leicht "die Bälle hergegeben", zudem haben auch präzise Flanken auf die Stürmer Sami Allagui und Jan-Marc Schneider gefehlt. Eine Rüge, die besonders der Kreativabteilung mit Buchtmann, Mats Möller-Daehli und Johannes Flum galt.

Jetzt müssen sich die Hamburger, besonders Geschäftsführer Andreas Rettig, mal wieder mit schlimmen Szenarien auseinandersetzen. Die dritte Liga gilt ja als Klasse, in der schon viele Klubs erhebliche finanzielle Probleme bekommen haben bis zur Insolvenz. Etwa, weil man statt mehr als zehn Millionen Euro wie in der zweiten Liga nur noch eine Million vom Fernsehen kassiert. Oder, weil die meisten Profis ablösefrei gehen können. Denn sie haben meist keinen für die untere Liga geltenden Vertrag. Da nützt dann auch nicht ein volles Millerntor-Stadion, das auch diesmal mit 29 546 Zuschauern ausverkauft war.

Man darf gespannt sein, was die Paulianer sich für die letzten vier Spiele überlegen. In Köpenick hatte man sich in dieser Woche Training ohne Öffentlichkeit und eine Art Presseboykott ausgedacht. Präsident Dirk Zingler ist zudem im Fan-Bus mitgefahren. Das scheinen ja erfolgreiche Anti-Abstiegs-Rituale zu sein.