FC Sion und die Uefa:Erinnerungen an den Bosman-Erdrutsch

Langsam dämmert den Funktionären, dass auch sie dem Zivilrecht unterstehen. Die ersten zittern. "Soll der Sportstandort Schweiz gefährdet werden, weil der FC Sion einen unzulässigen Transfer getätigt hat und der Präsident aufbegehrt, statt die verhängte Strafe zu respektieren?" jammert SFV-Verbandschef Peter Gilliéron. Er sitzt auch im Uefa-Vorstand. "Mit genau dieser Arroganz hat die Uefa damals gesagt, der Fall Bosman interessiert uns nicht", analysiert hingegen ein Schweizer Verbandsinsider. Tatsächlich sind die Parallelen evident.

Auch damals löste ein Bagatellfall, der Wechsel des belgischen Zweitligakickers Jean-Marc Bosman, einen Erdrutsch aus: Die Gerichte urteilten, dass die damaligen Transfersummen, die bei Vertragsende fällig waren, den freien Personenverkehr unzulässig einschränkten. Diesmal ist das Szenario schlimmer. Die Verbände drohen die Autonomie über ihre Rechtsverfahren einzubüßen, eine Riesengefahr für den gesamten Sport.

Piermarco Zen-Ruffinen, Sportrechtler an der Universität Neuenburg, prognostiziert im Onlinedienst swissinfo Dramatisches: "Verliert die Uefa den Prozess, wird es eine Explosion geben. Im Bosman-Urteil stand nur der freie Personenverkehr auf dem Prüfstand. Jetzt riskiert die Uefa eine Verurteilung wegen Missbrauch einer marktbeherrschenden Position. Die Dimension eines solchen Urteils kann niemand abschätzen."

Dass Constantin nicht zum Sportgerichtshof Cas geht, versteht der Experte nur zu gut: Der Cas sei nicht unabhängig, da sind "gewisse Richter mit Sportverbänden verbunden". Zudem leiste er "bei weitem" nicht die Garantien der normalen Justiz: "Vor einem Sportschiedsgericht hätte Bosman nie gewonnen."

Constantin macht Druck auf allen Kanälen. Er fordert Bundesratsmitglieder auf, den Verbänden ihre Steuerprivilegien zu entziehen, weil sie richterliche Entscheide ignorieren. Und gleich das nächste Sakrileg: Aus demselben Grund stellte er, wie er nun auf SZ-Anfrage sagt, bereits letzten Freitag Strafanzeige: Gegen Uefa-Chef Michel Platini, Generaldirektor Gianni Infantino und die involvierten Uefa-Richter. Von Klagen sei ihr nichts bekannt, teilte die Uefa am Mittwoch mit. Aber es werde am Kantonsgericht Waadtland nächste Woche eine "erste Anhörung" in der Zivilsache Sion geben.

Später am Tag übten Europas 53 Nationalverbände per Deklaration den Befreiungsschlag: volle Rückendeckung für Platini, Infantino, Vorstand und Sportjustiz für ihr Bemühen, "Statuten und Reglemente des Fußballs hochzuhalten". Und, feierlich: "Das unabhängige Sportjustizsystem ist für alle im Sport der beste Garant für Gerechtigkeit und Fairness." Manche hören da schon ein Pfeifen im Walde.

© SZ vom 22.09.2011/jbe
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