Erik Shuranov weiß nicht weiter. Er würde es ja erklären, wenn er es könnte, aber dann sagt er doch wieder dieses Wort, das Menschen immer sagen, wenn etwas ihren Horizont übersteigt, wenn das, was sie beschreiben wollen, über das Fassbare hinausgeht. Shuranov sagt also: „Das ist Wahnsinn.“
Im Laufe des Gesprächs wird er immer wieder auf dieses Wort zurückkommen. Wenn er über den Krieg spricht, der in Israel tobt. Wenn er die Raketen erwähnt, die er im Himmel über Haifa gesehen hat. Und wenn er von den Bunkern erzählt, die neben dem Trainingsplatz standen, damit die Spieler einen kurzen Weg Richtung Sicherheit hatten. Andererseits: Sicherheit in einem Kriegsland, was heißt das schon?
Ein Nachmittag in Schweinfurt, Shuranov, 23, hat sich auf die Tribüne des Stadions gesetzt. Hier empfängt der Drittligist am Sonntag den SV Wehen Wiesbaden. Es ist das vierte Saisonspiel, die vierte Gelegenheit, erstmals zu punkten oder zumindest ein Tor zu schießen. Bislang hat Schweinfurt nur im Pokal getroffen. Beim 2:4 gegen Düsseldorf hieß einer der beiden Torschützen: Erik Shuranov. Wird in Schweinfurt also alles gut für ihn? Kommt er hier wieder auf die Beine?
Nach zwei Jahren in Israel ist er vor ein paar Wochen nach Unterfranken gekommen, um einfach wieder Fußball zu spielen. Nach zwei Jahren, in denen er die Hölle auf Erden gesehen hat. Trotzdem sagt Shuranov heute, auch das eigentlich ein Wahnsinn: „Ich bin dankbar für die Erfahrung.“
In der Saison, bevor Shuranov vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg nach Haifa ging, spielte Maccabi in der Champions League gegen Juventus Turin, Paris St. Germain und Benfica Lissabon. „Das hat mich angespornt“, aber dann seien es „sehr schwierige Jahre in Israel“ gewesen, sagt Shuranov und meint erst einmal die sportliche Situation. Anfangs habe er noch auf dem Platz gestanden und Tore geschossen, zwei in vier Champions-League-Qualifikationsspielen – doch es sollten die einzigen beiden bis zu seinem Abschied bleiben. Erst warf ihn eine Kreuzbandverletzung für neun Monate aus der Bahn, dann setzte der neue Trainer, der im Sommer 2024 kam, nicht auf ihn.
Als Shuranov dann nach zwei Jahren wieder ging, hatte er es auf gerade einmal 390 Minuten gebracht, verteilt auf 13 Spiele. Zahlen, die im Schatten von alledem liegen, was abseits des Platzes passierte. „Dass wir 2025 immer noch von Kriegen reden“, sagt Shuranov, „ist katastrophal.“ Und er, Schweinfurts neuer Stürmer, redet nicht nur davon – er machte es sogar Tag für Tag mit.
Neben dem Platz standen kleine Bunker, und als es Entwarnung gab, ging es zurück auf den Rasen
Shuranov hat auch familiäre Bezüge in die Ukraine. Seine Eltern und Großeltern leben zwar schon seit Jahrzehnten im Nürnberger Raum, aber einige Onkel und Tanten sind erst nach der russischen Invasion vor dreieinhalb Jahren aus der Region Donezk nach Deutschland gekommen. Alle sind wohlauf, aber auch den Krieg in dem Land, in dem seine Wurzeln liegen, trägt Shuranov mit sich herum – neben seinen eigenen Erfahrungen in Israel.
„Den Krieg hautnah mitzuerleben, war schrecklich“, sagt er. Shuranov hat das alles gesehen und erlebt: Sirenen, die mitten in der Nacht losheulen und ihn in den Bunker rennen lassen, Raketen, die am Himmel fliegen und explodieren, weil sie von der israelischen Luftabwehr abgeschossen werden – und Trainingseinheiten, die unterbrochen werden müssen. Neben dem Platz standen kleine Bunker, und als es Entwarnung gab, ging es zurück auf den Rasen. „Wir haben ganz normal weitertrainiert“, sagt Shuranov und senkt den Kopf. Was ist schon normal in solchen Zeiten?
Sirenen, Raketen, Bunker, „wie soll man da noch an Fußball denken?“, fragt Shuranov und antwortet dann selbst: „Jeder hat Angst, jeder denkt an seine Sicherheit.“ Wenn Shuranov aus Israel erzählt, stockt er immer wieder. Er will die Erinnerungen eigentlich verdrängen, um nicht selbst dem Wahnsinn zu verfallen. Das ist seine Taktik. Im Gespräch merkt man, dass er viel lieber über Fußball sprechen würde, über die Taktik auf dem Rasen, seinen neuen Klub, über das, was er in Schweinfurt vorhat. Aber bei alledem schwingt nunmal das mit, was hinter ihm liegt: Israel.
Draußen, vor dem Aufgang zur Tribüne des Schweinfurter Stadions, hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Richtig Fußball spielen!“ Darunter die Aufforderung: „Tore immer sichern!“ Oder: „Mindestens zu zweit bewegen.“ Es ist eine Anleitung für den ordnungsgemäßen Trainingsbetrieb, auf der Tafel steht beispielsweise auch: „Tore bei Nichtgebrauch abschließen!“
Shuranov weiß, dass Schweinfurt „eine sehr, sehr große Chance für mich“ ist
Wenn man wollte, könnte man die Anweisungen auch auf Shuranov und den Schweinfurter Start beziehen. Die Nullfünfer wären ja gut beraten, wenn sie ihr Tor mal sichern würden – und für Shuranov bedeutet es schon was, dass er hier wieder richtig Fußball spielen kann, ohne dass ständig die Sirenen heulen.
Als Shuranov gegen Düsseldorf getroffen hatte, schien es, als wäre er angekommen. Als würde er seinen Weg jetzt gehen, nachdem er bei seinem Einstand gegen Viktoria Köln noch einen Elfmeter kläglich verschossen hatte. Aber dann, bei einem 0:3 vergangene Woche in Regensburg, blieb er 83 Minuten lang wirkungslos.
Shuranov bleibt also, ebenso wie das gesamte Team, ein Suchender. Er weiß aber, dass Schweinfurt „eine sehr, sehr große Chance für mich“ ist. Er sei fest entschlossen, „den Leuten zu zeigen, dass es den Erik von damals noch gibt“, sagt Shuranov. Damals, da spielte er für den Club und brachte es in der Saison 2022/23 auf sechs Tore und drei Vorlagen in der zweiten Bundesliga. Jetzt sagt er: „Irgendwann will ich in der ersten Liga spielen. Das sind Träume, für die ich jetzt hart arbeiten muss.“
Mag sein, dass die erste Liga gerade ziemlich weit weg ist, aber immerhin: Der Krieg ist es jetzt auch – zumindest geografisch.

