FC Schalke 04 9000 freie Plätze am Champions-League-Abend

Nicht voll: Die Arena in Gelsenkirchen.

(Foto: REUTERS)
  • Beim 1:1 zum Champions-League-Auftakt gegen den FC Porto bleiben knapp 9000 Plätze in der Arena frei. Manager Christian Heidel will das durch die späte Anstoßzeit (21 Uhr) erklären.
  • Konstruktiven Fußball spielt das Team von Domenico Tedesco wieder nicht - sondern versucht es mit langen Bällen und Kontern.
  • Am Ende führt allerdings eine Schwalbe von Porto zum Elfmeter und zum Ausgleich. Verteidiger Naldo kommentiert es sarkastisch.
Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Ronaldo Aparecido Rodrigues, der Welt unter dem Namen Naldo bekannt, ließ sich Zeit mit dem Heimgehen, obwohl er angeblich noch ein wichtiges Anliegen hatte. Er müsse dringend zum Besuch seines verletzten Gegenspielers ins Krankenhaus, erklärte er. Im Bergmannskrankenhaus in Buer, dem Schalker Stammhospital, war allerdings kein Patient namens Moussa Marega eingeliefert worden. Natürlich nicht. Naldo hatte ja bloß einen sarkastischen Scherz gemacht.

"Ich habe ihn nicht berührt, es war einfach eine Schwalbe."

Weder hatte das Foul, das Naldo nach Ansicht des spanischen Schiedsrichters im Strafraum an Portos Angreifer begangen hatte, Maregas Gesundheit beeinträchtigt noch hatte es sich überhaupt um ein Foul gehandelt. "Ich habe ihn nicht berührt, es war einfach eine Schwalbe", versicherte Naldo. Eine leichte Berührung gab es wohl, ein Foul allerdings nicht, "davon fällt man nicht um, das war ein bisschen Comedy", wie Manager Christian Heidel befand.

Beim Elfmeter-Entscheid (75. Minute) blieb es trotzdem, der FC Porto schoss das 1:1 und verdarb damit den Schalkern die gute Laune bei ihrer Rückkehr in die Champions League dreieinhalb Jahre nach dem legendären 4:3 bei Real Madrid im März 2015. Zum Abschied spendete das Publikum höflichen Applaus, und ein paar Anhänger sangen in Erwartung des nächsten Gegners - am Samstagabend kommt der FC Bayern - das wirklich sehr, sehr alte Lied von den Lederhosen, aber zur befreienden Ekstase reichte es nicht.

"Da fehlt momentan eine kleine Explosion. Wir hatten gedacht, dass sie gegen Porto schon da war, bevor es auf der anderen Seite noch mal explodiert ist", stellte Heidel kurz vor Mitternacht ernüchtert fest.

Auf Abende wie diesen hatte man sich in Gelsenkirchen den ganzen Sommer über gefreut. Hieß es zumindest überall. Das ganze Jahr habe sich die Mannschaft dafür "zerrissen", meinte Trainer Domenico Tedesco. Bis 2015 war die Champions League ja jahrelang ein angestammtes Revier der Schalker, doch beim Wiedersehen gab es auf den Rängen viele Lücken, und das lag sicher nicht an der mangelhaften Anziehungskraft des FC Porto, der zudem von einer stattlichen Anhängerschaft unterstützt wurde. Langjährige Beobachter mussten Begegnungen im seligen Intertoto-Cup heranziehen, um an Gelsenkirchener Europapokal-Abende mit ähnlich geringem Besuch zu erinnern. 45 755 Menschen kamen in die Arena, mit anderen Worten, knapp 9000 Plätze blieben leer. Heidel tat, als sei's ihm erst mal egal und verwies auf den dichten Spielterminkalender und die späte Anstoßzeit.

Bei den meisten Besuchern dürfte der Abend zwiespältige Eindrücke hinterlassen haben. Im Vergleich mit den drei verlorenen Bundesligapartien gab es die Tendenz zur Besserung, aber abzüglich des absolut tadellosen, manchmal übereifrigen Einsatzwillens gab es wenige erhebende Momente. Als Heidel über einzelne Spieler sprach, hob er zwar jedes Mal hervor, dieser wie jener habe sich "richtig reingehauen", aber Komplimente für konstruktives Fußballspielen fielen ihm nicht ein.

Letzteres war, wie Tedesco berichtete, auch nur bedingt beabsichtigt. Dass auch diesmal die Abwehrspieler einen langen Pass nach dem anderen in die gegnerische Hälfte schaufelten, das hielt der Trainer für die richtige Idee, um die sogenannten zweiten Bälle zu erobern. Hier hatte er in Portos defensivem Mittelfeld Schwächen ausgemacht. Ein Motiv, das typisch ist für Tedescos Strategien: Der Umgang mit den Eigenarten des Gegners bestimmt seine Spielidee, und dabei ist es einerlei, ob der Widersacher portugiesischer Meister oder niederbayerischer Zweitligist ist.

Tedescos Schalke pflegt - wie am Dienstagabend - sowohl den Gegner als auch den (neutralen) Betrachter zu strapazieren. Tore fallen üblicherweise nicht nach Ballstafetten oder ausgetüftelten Spielzügen, sondern nach einzelnen räuberischen Attacken wie gegen Porto. Der Neu-Schalker Suat Serdar, wie die meisten Kollegen ein Champions-League-Anfänger, hatte Porto den Ball entwendet, und Breel Embolo krönte den Überfall, indem er die Kugel in Iker Casillas' Tor schob.

Im vorigen Jahr sind die Schalker mit ihrem für jedermann anstrengenden Stil sehr erfolgreich gewesen, und daran wollen sie nach dem im Sommer erzwungenen Umbau auf die gleiche Weise anknüpfen.

Torwart Ralf Fährmann gab mit einem Lächeln seine Kapitäns-Interviews, wichtiger als das letztlich dürftige 1:1 war ihm der Wiedererkennungswert: "Man hat wieder das Gesicht der letzten Saison gesehen." Auch Naldo fand, der Auftritt führe in eine "sehr, sehr gute Richtung: So müssen wir weitergehen". Die spielerischen Momente werden auch gegen die Bayern weniger gefragt sein, der junge Spielgestalter Amine Harit saß wieder auf der Bank, weil er offenbar erst die privaten Turbulenzen des Sommers verarbeiten muss, und der potenzielle Ober-Techniker Nabil Bentaleb macht jetzt laut Heidel "das, was der Trainer von ihm verlangt: Er spielt sehr, sehr solide."

Bentaleb ist ein Beispiel für das neue Defensivdenken

Bentaleb neigte früher zum Prinzip Genie & Wahnsinn, und dass er nun auf Kosten des Genies den Wahnsinn gezähmt hat, das hat ihm erst mal einen Stammplatz beschert. Naldo fand ihn gegen Porto "überragend", obwohl Bentaleb durch wenig mehr als Disziplin und Einordnung auffiel. Auch ein Beleg dafür, wie die Priorität der Defensive inzwischen das Schalker Denken bestimmt.

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