Nach dem Abpfiff der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem SC Paderborn gingen die Meinungen im heimischen Publikum auseinander. Die einen brachen in solchen Jubel aus, als hätte Schalkes 2:1-Erfolg soeben das ewige Menschheitsglück verwirklicht, das Friedrich Schiller in der Ode an die Freude beschworen hatte. Die anderen – es war nur eine sehr kleine Minderheit – wunderten sich über die ungeheure Ekstase nach einem Etappensieg am 14. Spieltag.
Erstaunt sahen sie, wie die Schalker Spieler liebestoll auf die Fankurve zuliefen, und wie sich der Abwehrchef Nikola Katic mit Schwung und Tempo vornüber auf den Rasen warf, als würden ihn die Arme von 1000 Freunden schützend aufnehmen. Andere Profis eilten an die Seitenlinie und ließen sich ihre Kleinkinder reichen, damit diese auf keinen Fall die Feier verpassten. Manche der Kleinen knatschten jämmerlich, andere trugen Kopfhörer gegen den brutalen Lärm, aber vermutlich werden sie sich der frühkindlichen Prägung dieses Feier-Abends nicht mehr entziehen können.

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Schalker bleibt man ja, allem typischen Verdruss zum Trotz, ein Leben lang. Das hatte auch Kaiserslauterns Trainer Torsten Lieberknecht anerkannt, als er das Vormittagstraining am Freitag vor der Abfahrt zum Auswärtsspiel in Braunschweig um eine halbe Stunde vorverlegte. Grund: Kapitän Marlon Ritter, in Essen in eine Schalke-Familie geboren, wollte abends im Teamhotel unbedingt das Spiel der Knappen sehen.
Zwar hat der FCK am nächsten Tag 0:2 verloren, doch das Fernseh-Spiel am Vorabend war ausgezeichnet. Schalke, Nummer zwei in der Tabelle, und Paderborn, Nummer eins, lieferten sich eine Auseinandersetzung auf gutem Niveau. Zunächst mit spielerischen Vorteilen und der Führung für den SCP, dann aber – auch dank des gerade rechtzeitigen Ausgleichs durch Kenan Karaman kurz vor der Pause – mit deutlicher Schalker Vorherrschaft. Die zweite Halbzeit sei klar an den Gegner gegangen, konzedierte der Paderborner Trainer Ralf Kettemann gelassen. Trotz der null Punkte bliebe ihm und seinen Spielern von diesem Abend ein Vermächtnis, sagte er – und meinte das Stadionerlebnis.
Über dieses Schalke staunen im Moment sogar die ständigen Beobachter, die Aufstieg und Fall des königsblauen Reiches im 21. Jahrhundert live verfolgt haben. Die Spieler des aktuellen Teams sind nicht so begabt, dass man sie bald in der Champions League wiedersehen wird. Aber sie sind seit Saisonbeginn in fast jeder Partie in der Lage, das Beste herauszuholen, was in ihren Fußballer-Beinen und -Köpfen steckt. Teilweise sogar noch mehr. Ein paar Könner schauen aus dem Kader hervor, vorneweg Kapitän Karaman, der junge Mittelfeldmotor Soufiane El-Faouzi, Abwehrspieler Hasan Kurucay und Torwart Loris Karius. Die Erfolgsformel besteht jedoch vor allem darin, dass dieses Schalke-Team als Kollektiv auftritt. Mit außergewöhnlicher Arbeitsmoral realisiert es den schlichten, aber in allen Belangen anstrengenden Taktikplan von Trainer Miron Muslic. Die Einheit im „Innenleben“ sei eines der Erfolgsgeheimnisse, sagte der Coach am Freitag: Man habe „eine Mannschaft aus 13, 14 verschiedenen Nationen, die fünf, sechs, sieben Sprachen sprechen. Sogar einen Veganer haben wir dabei – aber jeder Einzelne zerreißt sich für Königsblau“.
Wahrscheinlich würden die Profis ihrem gründlich, präzise und mit Wortgewalt arbeitenden Coach sogar in einen brennenden Wald folgen. „Der Trainer lebt unsere Art vor“, erklärte Mittelfeldspieler Ron Schallenberg, „am Seitenrand jubelt er nach Grätschen und gelungenen Verteidigungssituationen.“ So wie es gegen Ende der Partie Abwehrchef Katic und alle anderen Schalker machten, sobald ihnen etwas gelungen war, das den Paderborner Spielfluss störte. Platz eins ist die Belohnung – aber vorerst noch kein Grund für Spieler und Offizielle, das Ziel Bundesligaaufstieg auszurufen. Ein Thema ist es, logisch, allemal.
Vorsicht ist angesagt, die Resultate sind immer knapp. Diesmal fiel Schalkes Siegtreffer in der 86. Minute, der eingewechselte Bryan Lasme erzielte es. Der 27 Jahre alte Franzose kam im Sommer 2023 aus Bielefeld nach Gelsenkirchen und empfing bald nach der Ankunft eine niederschmetternde Diagnose. Lasme habe „eine Lederallergie“, bescheinigte der damalige Chefcoach Thomas Reis. Das war zwar keine ermutigende Ansprache, aber auch nicht die Unwahrheit. Lasmes Ballbehandlung ließ zu wünschen übrig.
Am Freitagabend dann aber das Zeugnis einer weiteren Verwandlung: Gleich nach der Einwechslung spielte der vermeintliche Allergiker Lasme einen Zauberpass auf den 17-jährigen Mika Wallentowitz, einen von inzwischen drei Stammspielern aus dem hauseigenen Internat. Und beim erfolgreichen Konter in der 86. Minute fühlte sich Trainer Muslic gar an den großen Ex-Schalker Raúl erinnert, als Lasme den Ball so kaltblütig wie präzise über Paderborns Torwart Dennis Seimen ins Ziel lupfte. Der Gag dabei: Ebendiese Lupfer hatte Lasme auf Anweisung von Muslic während der Trainingswoche geübt. Auch Fußballwunder haben meistens vernünftige Gründe.

