FC Schalke 04:Letzte Hoffnung: Hoffenheim

Bundesliga - Hertha BSC v Schalke 04

Christian Gross in Berlin.

(Foto: Annegret Hilse/Pool via Reuters)

Schalke verliert auch mit dem vierten Trainer der Saison 0:3 in Berlin. Nur noch ein Spiel trennt den Klub vom ewigen Negativrekord - Stürmer Mark Uth fordert von den Verantwortlichen Verstärkung.

Von Boris Herrmann, Berlin

Die Idee mit Christian Gross wurde aus der Not geboren. Nach monatelanger, fast schon bizarrer Erfolglosigkeit wurde ein Nachfolger für Huub Stevens gesucht. Einer, dem zuzutrauen war, gegen alle Wahrscheinlichkeit doch noch den Klassenerhalt zu sichern. Der Schweizer Fußballlehrer Gross gelangte unter anderem deshalb auf die Kandidatenliste, weil in seiner Vita eine erfolgreiche Rettungsmission beim Premier-League-Klub Tottenham Hotspur stand. Am Ende hat ihn Hertha BSC dann aber doch nicht verpflichtet. Die Berliner haben sich damals, im Jahr 2004, schließlich von Hans Meyer vor dem Abstieg retten lassen.

Knapp 17 Jahre später ist Christian Gross, 66, nun also doch noch als Nachfolger von Huub Stevens im Berliner Olympiastadion vorstellig geworden. Diesmal allerdings in ungleich komplizierterer Mission, im Notarzteinsatz für die Gäste von Schalke 04. Gross, der für diese Aufgabe seinen Ruhestand abbrach, war lange genug dabei, um zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat. Aber dass es gleich so deprimierend losgehen würde, mit einem 0:3 gegen Hertha BSC? "Unser Job beinhaltet eben auch Negatives", sagte Gross.

Christian Gross ist bereits der vierte Trainer der Schalker in dieser Saison, nach seinen ersten 90 Minuten konnte er sich gleich mal in dem Woche für Woche vorgetragenen Zweckoptimismus seiner Vorgänger üben. "Wir sollten mit erhobenem Haupt aus dem Stadion gehen, aber nicht wegen der Leistung, sondern wegen des nächsten Spiels in Hoffenheim", sagte Gross.

In der Branche wird er der Kategorie der sogenannten harten Hunde zugerechnet. Darauf, dass Gross mit dieser Kernkompetenz die Mannschaft wachbellt, gründeten sich die Hoffnungen in Gelsenkirchen, ungeachtet der Tatsache, dass sein siegloser Vorgänger Huub Stevens auch nicht unbedingt als weicher Hund verschrien war. So oder so, nach dieser Premiere in Berlin dürfte sich das mit dem Hoffen ohnehin vorerst wieder erledigt haben.

Gross setzt auf Fährmann und Hoppe

Gross unternahm erst gar nicht den Versuch, in seiner ersten Spielanalyse als Schalke-Coach die in ihm angestaute Ernüchterung zu verbergen. Seine Stimme wirkte zittrig, seine Sätze liefen ins Leere. Er rieb sich die Hände, als ob er sie in Unschuld waschen wollte. Da war aber weit und breit kein Wasserhahn auf dem Podium dieser denkwürdig tristen Pressekonferenz. "Vielleicht wird sich das eine oder andere noch lösen", sagte Gross. Ob sich da nun der ein oder andere Knoten beim bestehenden Personal lösen soll oder vielleicht auch das ein oder andere Finanzproblem im Verein, um die Mannschaft doch noch zu verstärken, das war aus diesem Vortrag nicht herauszuhören.

Deutlich deutlicher äußerte sich der Angreifer Mark Uth, der drei Wochen nach seiner Gehirnerschütterung als einziger Schalker halbwegs überzeugen konnte an diesem Abend. Das Tor traf er bei seinen beiden sehr guten Gelegenheiten allerdings auch nicht. Uth forderte jedenfalls direkt nach dem Abpfiff neue Spielkameraden. "Die Verantwortlichen müssen auf dem Transfermarkt unbedingt tätig werden. Wir brauchen Spieler, die uns sofort helfen", sagte er: "Wenn wir so spielen, sind wir einfach nicht wettbewerbsfähig." Dem war nicht zu widersprechen, besonders mit Blick auf die zweiten Halbzeit, in der sich die Schalker fast schon gewohnheitsbedingt in ihre Niederlage zu fügen schienen.

Die ersten 30 Minuten seien gar nicht mal so schlecht gewesen, fand Christian Gross, womit er gar nicht mal so falsch lag. Wie es sich für einen neuen Trainer gehört, hatte er auch den einen oder anderen überraschenden Akzent in seiner Startelf gesetzt. Im Tor stand nicht Frederik Rönnow, sondern der erfahrene Ralf Fährmann. Im Sturm spielte dafür der umso unerfahrenere US-Amerikaner Matthew Hoppe, 19 Jahre alt. Hoppe war mit zwei frühen Strafraumaktionen dafür verantwortlich, dass Schalke etwas besser in dieses Duell der Enttäuschten startete. Auch der Einsatz von Fährmann schien sich zunächst zu bewähren. Einmal klärte er gegen den einsam auf ihn zustürmenden Dodi Lukebakio gar im Stile einer unangefochtenen Nummer Eins.

Hätte Mark Uth bei seiner erstbesten Torgelegenheit nach rund einer halbe Stunde getroffen anstatt knapp vorbei zu zielen, wer weiß, vielleicht wäre dieser Abend ganz anders verlaufen. So nahm das Unheil aber wenige Minuten später seinen Lauf. Nach einem Hertha-Einwurf und reichlich Gewusel im Schalker Strafraum hüpfte der Ball vor die Füße von Mattéo Guendouzi, und der vom FC Arsenal ausgeliehene Franzose schlenzte ihn um den schuldlosen Fährmann herum ins lange Eck.

Hertha BSC - FC Schalke 04

Fröhlicher Wuschelkopf: Matteo Guendouzi erzielt das 1:0 für Hertha BSC.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Wer nach diesem Gegentreffer so etwas wie ein aufbäumendes Hundegebell der Schalker erwartet hatte, sah sich getäuscht. Die Berliner bauten nicht nur ihre Dominanz aus, sondern auch gleich noch die Führung. Nach einem hübschen Spielzug über Matheus Cunha und Vladimir Darida schob der nach langer Pause genesene Kolumbianer Jhon Cordoba den Ball aus sechs Metern ins Netz. Damit war nach gut 50 Minuten der Widerstand der Schalker endgültig gebrochen. Das dritte Berliner Tor besorgte kurz vor dem Ende der eingewechselten Krzysztof Piatek.

Nur Hoffenheim kann Tasmanias Rekord retten

Saisonübergreifend haben die Schalker nun 30 sieglose Spiele in Serie angesammelt. Und wer von solchen Zahlen spricht, der kann von Tasmania schwer schweigen. Der heutige Oberligist aus Berlin-Neukölln ist ja fürs Verlieren etwa so berühmt wie der FC Bayern fürs Gewinnen. Tasmania trug sich 1965/66 mit 31 sieglosen Spielen hintereinander in die Annalen der Bundesliga ein. Der Rekord gehört in Neukölln längst zum Nationalstolz und lange Zeit galt er auch als unsterblich. Bis eine Mannschaft aus Gelsenkirchen Anfang 2020 einfach aufhörte, zu gewinnen. Und es plötzlich Anfang 2021 war.

Jetzt kann am kommenden Wochenende nur noch die TSG Hoffenheim mit einer Niederlage gegen Schalke den Stolz von Tasmania retten.

© SZ/schm
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