bedeckt München 24°

Schalke 04:Wenigstens pfeift keiner

Ratlos: Daniel Caligiuri.

(Foto: AFP)

Nach der glänzenden Hinrunde kassiert Schalke 04 beim 0:3 gegen den FC Augsburg die nächste peinliche Niederlage. Die Analyse von Trainer Wagner macht kaum Hoffnung auf baldige Besserung.

Was hätten die Schalker Zuschauer gemacht an diesem trüben und kühlen Sonntagnachmittag? Wie viele von ihnen wären wohl noch zugegen gewesen, als Schiedsrichter Sascha Steegemann nach drei Minuten Nachspielzeit dem Spiel gegen den FC Augsburg ein Ende machte? Sicher ist: Von Beifall hätten die verbliebenen Besucher ausdrücklich abgesehen. Die Schalker Spieler dürften froh gewesen sein, dass sie sich den Gang vor die Fankurve mangels Fans sparen durften - allenfalls sprachlose Erschütterung über die außergewöhnlich missglückte Darbietung hätte sie vor Pfiffen und Buhrufen bewahrt: Nach dem 0:4 beim Derby in Dortmund in der Vorwoche setzten die Schalker gegen den vormaligen Tabellenvierzehnten noch einen drauf und gingen mit einer 0:3-Niederlage vom Platz.

Über die unvermutete Deutlichkeit des Resultats brauchte nicht diskutiert zu werden, es entsprach dem Spielverlauf. Während Heiko Herrlich sein verspätetes, aber umso erfreulicheres Debüt als FCA-Trainier mit dem Austausch zünftiger Ellbogenchecks feierte, verschwanden die Profis in Königsblau zügig im Kabinentunnel, mancher Sympathisant wünschte sich vermutlich, dass sie nie wieder hervorkämen.

Erinnerungen an die Rückrunde des Vorjahres, als Schalke unter der Führung von Domenico Tedesco einen vollendeten Absturz hinlegte und um den Klassenverbleib zittern musste, sind naheliegend und berechtigt, gehen aber am Tatbestand vorbei. Zumindest den Abstieg müssen die Schalker nicht fürchten, ihr Punktestand bewahrt sie davor. Das wirft aber die Frage auf, warum die Mannschaft nach der glänzenden Vorrunde nun ein absolut gegenteiliges Bild auf den Rasen bringt. 2:22 lautet die vielsagende Torbilanz der jüngsten acht Ligaspiele.

Die Probleme seien "vielschichtig", erklärte Trainer David Wagner und zählte einige bekannte Phänomene auf: "Eklatante individuelle Fehler", "die Psyche", "sie spielen nicht mehr mit der gleichen Freiheit und Leichtigkeit wie in den guten Zeiten". Auch seiner Analyse war nicht unbedingt Vertrauen und Zuversicht in baldige Besserung zu entnehmen. Wie Herrlich, dessen Akzeptanz nach der unseligen Zahnpasta-Exkursion schon in Frage gestellt worden war, musste zuletzt auch Wagner bereits Flankenschutz gewährt werden. Sportvorstand Jochen Schneider verbat sich Diskussionen über den Coach. Herrlich durfte nun immerhin feststellen: "Wir waren Letzter der Rückrunden-Tabelle, das war jetzt der Turnaround." Eine lustige Rückreise wollte er jedoch nicht prophezeien: "Wir müssen still feiern, wir haben drei Tage Regeneration bis zur nächsten Aufgabe, und es war ein sehr kraftaufwendiges Spiel."

Schalke kommt auf 74 Prozent Ballbesitz - aber nur zu einer Tor-Chance

Die "Woche der Vorentscheidung" hatte Trainer Wagner am Freitag ausgerufen, binnen acht Tagen sollte es Schalke mit drei Gegnern des unteren Tabellendrittels zu tun bekommen, der Spielplan schien Schalke nach zuletzt sieben sieglosen Saisonspielen die Chance auf eine Trendwende zu bieten und womöglich auch die Rückkehr auf einen Europacup-Platz, der dem finanziell notleidenden Klub dringend guttäte. Aber die Erwartung auf Genesung erlitt schon nach knapp sechs Minuten einen Dämpfer, als Eduard Löwen aus 25 Metern Torentfernung zum Freistoß Anlauf nahm und den Ball mit Tempo in die Ecke schlenzte. Torwart Markus Schubert streckte sich vergeblich.

Dieses hübsche Tor machte den Augsburgern die Arbeit einfach. Sie zogen sich in voller Mannschaftsstärke zurück und überließen dem Gegner die Mühe der Spielgestaltung. Dass die Schalker damit ihre Mühe haben, ist bekannt im ganzen Land. Bis zur Pause erwirtschafteten sie zwar eine Ballbesitz-Bilanz, die eines Pep-Guardiola-Teams würdig war, sie lag bei 74 Prozent. Aber ihre Präsenz im Augsburger Strafraum lag bei ungefähr 0,74 Prozent, Michael Gregoritsch stand als Sturmspitze auf verlorenem Posten. Eine einzige Torchance brachten die Knappen zustande: Rabbi Matondo hatte dank seiner Sprinterqualitäten ausnahmsweise die FCA-Deckung hinter sich gelassen, an Torwart Andreas Luthe kam er jedoch nicht vorbei.

Schalkes Offensivspiel wirkt harmlos, gar unbeholfen

Während Wagner die erste Halbzeit erstaunlicherweise "in Ordnung" fand, war Herrlich trotz der Führung nur bedingt zufrieden. "Wir haben viel zu schnell die Bälle weggeben", monierte er später, aber die zweite Hälfte sollte ihm besser gefallen. Die Augsburger begnügten sich jetzt nicht mehr damit, den Gegner an ihrem Strafraum zu empfangen, sie verlagerten die Linien ein Stück nach vorn und verschafften sich gegen die nervösen und unsicheren Schalker Ballgewinne.

Nun stellten sich auch die erwähnten individuellen Fehler ein. Weston McKennie, Salif Sané und Jonjoe Kenny standen Pate, bevor Sarenren Bazee das 2:0 erzielte (76.). Zwar hat man im Fußball schon viel gesehen, aber dass die Schalker mit ihrem unbeholfenen und harmlosen Offensivspiel der Niederlage noch entgehen könnten, das schien nur beim Eintreten des X-Faktors, zum Beispiel eines Meteoriteneinschlags, denkbar. Es änderte sich auch nichts mehr - außer dass nach einem Fehler des eingewechselten Levant Mercan der ebenso eingewechselte Cordova in der Nachspielzeit das 3:0 hinzufügte.

© SZ vom 25.05.2020/schm
1.Bundesliga FC BAYERN MUENCHEN - EINTRACHT FRANKFURT Muenchen, Deutschland, 23. Mai 2020, Thomas MUELLER, MÜLLER, FCB; Müller

FC Bayern
:"Hey, Schiri, die gehen immer auf den Jungen los"

In einem leeren Stadion wird der Fußball zum Hörspiel, man bekommt plötzlich die Kommandos aller Spieler mit. Beim 5:2 gegen Frankfurt stechen zwei Münchner Akteure besonders heraus.

Von Christof Kneer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite