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FC Schalke 04:Ein Hilfsangebot wird zum Politikum

Fußball, DFB Pokal, Saison 2019/2020, Viertelfinale, FC Schalke 04 - FC Bayern München am 03.03.2020 in der Veltins-Are; Tönnies

Bot Schalke seine Hilfe an: Clemens Tönnies.

(Foto: Neundorf/Kirchner-Media/Imago)

Weil zwei der elf Aufsichtsräte dagegen stimmen, verzichtet Schalke 04 auf eine Millionen-Zuwendung des früheren Klubchefs Clemens Tönnies. Dabei werden dringend Winter-Verstärkungen für das sieglose Team gesucht.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Viele Schalker beobachten seit Monaten mit Wehmut den Karriereweg des vormaligen Königsblauen Daniel Caligiuri beim FC Augsburg. In Gelsenkirchen hatte man dem 32 Jahre alten Profi aus finanziellen und sportlichen Gründen nicht den Vertrag angeboten, den er haben wollte. Zudem sah man in ihm nicht den Spielertyp, der im Kader am dringendsten fehlte und der bis heute nicht gefunden ist. Tatsächlich gibt es kein Bundesligateam, das auf der rechten Abwehrseite so unzureichend besetzt ist wie das des Tabellenletzten. Versuche, die verhängnisvolle Lücke im Sommer zu schließen, scheiterten: Für den Schweizer Nationalspieler Silvan Widmer fehlte das Geld, Eintracht Frankfurts Danny da Costa sagte im letzten Moment ab. Stattdessen kam, zum Selbstkostenpreis, der 20-jährige Kilian Ludewig, der noch eine Menge lernen muss, und jetzt nicht mal mehr als Lehrling zur Verfügung steht, weil er bis Ende März eine Verletzung kuriert.

Nun deutete sich eine Sofort-Lösung für die vakante Stelle an: Bayer Leverkusens Mitchell Weiser war als Kandidat für ein Mietgeschäft ausersehen, aber bevor sich die Klubs verständigen konnten, meldete Bayer einen Muskelfaserriss bei dem 26-Jährigen. Typisch Schalke? So darf man das sehen in einer Zeit, in der das Glück scheinbar grundsätzlich Abstand hält zum Traditionsverein. Dazu passt ein Satz von Clemens Tönnies, den er auf einer seiner letzten Sitzungen als Vorsitzender des Aufsichtsrates äußerte: "Wenn wir anfangen würden, mit Särgen zu handeln, dann stirbt keiner mehr."

Typisch Schalke. Das wäre dann auch der passende Titel für die mutmaßlich letzte respektive allerletzte Episode der 25 Jahre währenden Liaison zwischen dem Traditionsklub und dem westfälischen Unternehmer. Clemens Tönnies, der im vorigen Sommer sein Amt im Verein niedergelegt hatte und nach eigenen Angaben emotional auf Distanz gegangen war, hatte Ende des Jahres dem notleidenden Klub finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt. Es ging um einen Betrag von zehn bis zwölf Millionen Euro, der jetzt im Januar zur Verstärkung der Mannschaft im Abstiegskampf hätte verwendet werden können. Auch eine Spende an die Nachwuchsschule war im Gespräch.

Genaueres war noch nicht verabredet, der 64-jährige Fabrikant hatte lediglich bereits klargestellt, dass er kein Darlehen geben wollte, das der Verein mit Zinsen hätte zurückzahlen müssen. In Rede stand ein Handel im Sponsoring, um sofort Liquidität zu schaffen - und umgehend auf dem Transfermarkt für Abhilfe zu sorgen. Doch am Mittwochabend sagte der Verein Nein zu der zweifellos großzügigen Offerte, die als eine Art Abschiedsgabe gedacht war.

Genau besehen, hat jedoch nicht der Verein mit seinen 160 000 Mitgliedern die Tönnies-Unterstützung abgelehnt, sondern eine Minderheit im elf Köpfe zählenden Aufsichtsrat. Zwar hatten neun Mitglieder für die Offerte gestimmt, zwei Angehörige des Gremiums aber ließen sich nicht für die Annahme des Geldes gewinnen. Die beiden Männer wussten, was sie taten, denn es stand von vornherein fest, dass Clemens Tönnies ein einstimmiges Votum im Rat zur Bedingung erhoben hatte. An dieser Forderung hatte sich auch am Donnerstag nichts geändert. Ein 9:2-Sieg ist Tönnies nicht genug.

Ein Abstieg in der Corona-Krise wäre für Schalke fatal

Andererseits nehmen die beiden Vertreter der Gegenpartei eine enorme Verantwortung auf sich: Schon der gewöhnliche Abstieg in die zweite Liga wäre für einen Großklub wie Schalke 04 schlimm. Aber ein Abstieg mitten in der Corona-Krise, die seit Monaten für drastisch sinkende Einnahmen sorgt, ist mehr als nur eine mittlere Katastrophe. Wenn man lieber auf Geld verzichtet, um eine Mannschaft zu verstärken, die seit 30 Bundesligaspielen nicht gewonnen hat, dann muss man dafür schon triftige Gründe benennen. Und sich am Ende der Saison womöglich dafür rechtfertigen.

Dem Vernehmen nach hatte sich Tönnies (in einem RTL-Interview) öffentlich zurückgemeldet, nachdem sich der Schalker Aufsichtsrat während der Debatte über die letzten Optionen im Abstiegskampf auch mit einem "geordneten Rückzug in die zweite Liga" beschäftigt hatte. Er werde Schalke nicht hängen lassen, gab Tönnies daraufhin zu verstehen. Verschiedene Fan-Gruppen hörten es mit Misstrauen. Sie befürchteten eine Rückkehr des einstigen Machers durch die Hintertür, auch wenn Tönnies versicherte, dass er auf Schalke kein Amt mehr anstrebe - und auch nicht als Investor einsteigen möchte, sollte sich der Verein eines Tages für externe Geldgeber öffnen. Dass er in dem TV-Interview für eben diese Öffnung warb, trug allerdings nicht zur Beruhigung der Skeptiker bei. Tönnies' Rückmeldung stellte ein Politikum dar.

Zu den Nein-Stimmen äußert sich der Klub nicht

Warum es nun im Aufsichtsrat die beiden Nein-Stimmen gab, hat der Klub nicht erläutert. Eine Anfrage der SZ blieb ohne Antwort. Kenner der vereinspolitischen Verhältnisse wunderten sich über das Votum. So hatte ein Vertreter des Gremiums, der Tönnies erklärtermaßen kritisch gegenübersteht, für die Annahme seines Hilfsangebotes gestimmt.

Einen gewissen Bewegungsspielraum scheint der Verein aber noch zu haben. Für Sead Kolasinac, der für ein halbes Jahr vom FC Arsenal zurückkommt, um im Abstiegskampf auszuhelfen, bringt Schalke aus eigenen Reserven rund zwei Millionen Euro auf. Ein Mittelstürmer als Ersatz des langzeitverletzten Goncalo Paciencia wird aber noch mindestens ebenso dringend benötigt wie der seit Saisonbeginn vermisste Rechtsverteidiger. Die Suche hätte man sich erleichtern können.

© SZ/mok/schm
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