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Bundesliga:Schalke führt einen Kulturkampf am Abgrund

FC Schalke 04

Schalkes Malick Thiaw (r) und Schalkes Benito Raman hocken nach dem Spiel gegen Bielefeld auf dem Platz.

(Foto: dpa)

Im Heimspiel gegen Hoffenheim kann S04 den Negativ-Rekord von Tasmania einstellen. Hinter den Kulissen des Klubs wird immer noch über das Tönnies-Millionenangebot gestritten.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Mit den komplizierten innerfamiliären Verhältnissen beim FC Schalke 04 war Christian Gross nicht vertraut, als er vor knapp zwei Wochen nach Gelsenkirchen kam, bis dahin hatte er auf sicherlich angenehme Weise im Engadin in der Schweiz gelebt, weit weg von Gelsenkirchener Befindlichkeiten. Im Laufe dieser Woche aber konnte der 66 Jahre alte Trainer einen erhellenden Einblick nehmen in das sehr spezielle Innenleben des Klubs, und trotz mehr als vierzig Jahren Erfahrung im Fußballgeschäft dürfte ihn der Kulturkampf in den königsblauen Kulissen mindestens erstaunt haben: Tatsächlich ist es wohl wenigstens ungewöhnlich in der Welt des Profisports, wenn ein weitgehend mittelloser Verein, dessen Team nach einer Serie von 30 sieglosen Ligaspielen abgeschlagen am Tabellenende steht, aus vornehmlich gefühlsmäßigen Gründen die Überlebenshilfe eines Geldgebers ausschlägt.

Zehn oder auch zwölf Millionen Euro hatte das vormalige Vereinsoberhaupt Clemens Tönnies über einen Sponsoring-Vertrag für die Verstärkung des Teams zur Verfügung stellen wollen, doch der Verein brachte nicht die Einigung zustande, um die Soforthilfe anzunehmen. Tönnies hatte seine Offerte an eine einstimmige Zusage des elf Köpfe zählenden Aufsichtsrates geknüpft, am Ende der Debatte stand aber lediglich ein Votum von 9:2. Tags darauf nahm der westfälische Unternehmer das Angebot verärgert zurück.

Das Geschäft an sich wäre zweifellos ein besonders gutes Geschäft gewesen, zumal in der gegenwärtig prekären Lage: Der Verein hätte zwar als Werbeträger eine Gegenleistung für die Zahlung erbracht, aber keinerlei belastende Verpflichtung eingehen müssen, doch wie so oft, wenn Schalker miteinander diskutieren, ging es weniger um die eigentliche Sache als um Emotionen, Stil- und Geschmacksfragen, Weltanschauliches. Tönnies, verbittert über seinen umstrittenen Leumund nach 25 Jahren Funktionärsarbeit für den Verein, verlangte das bedingungslose Bekenntnis zu seiner gnädigen Abschiedsgabe. Auf der anderen Seite fand der Verein nicht zur Geschlossenheit: Zwei seiner Repräsentanten, die über die Tragweite ihres abschlägigen Votums Bescheid wussten, verweigerten sich aus Prinzip.

Der Aufsichtsrat habe am Mittwochabend sehr lang und sehr intensiv diskutiert, heißt es aus seiner Mitte, am Ende hätten bei den beiden Betroffenen die Bedenken überwogen. Sie äußerten die Überzeugung, dass zumindest ein Teil der Klub-Gefolgschaft von Tönnies kein Geld mehr annehmen wolle. Man kann in dem Geschehen etwas von der Grundsatzdebatte erkennen, die generell im Hintergrund des Profifußballs geführt wird, der Schalker Fall bleibt dennoch besonders: Der Preis der moralischen Ablehnung der Tönnies-Millionen kann sehr, sehr hoch sein, denn für die nötigen Verstärkungen im Abstiegskampf fehlt nun das Geld. Viel Verantwortung haben die beiden pflichtbewussten Aufsichtsräte da auf sich genommen.

Christian Gross kennt die Finanzlage des Klubs, dennoch hat er schon am ersten Tag seiner Tätigkeit angemahnt, dass sein Kader Verstärkungen benötigt, um die halsbrecherische Mission Klassenerhalt zu bewältigen. Die Auseinandersetzung um die möglichen Subventionen aus Rheda-Wiedenbrück hat der schweizerische Coach verfolgt, wäre es nach ihm gegangen, hätte Schalke sofort zugegriffen: "Wenn sich Herr Tönnies bereit erklärt, dem Verein zu helfen, selbstverständlich gern", sagte er und hob subtil belehrend hervor, ein bisschen Geld täte einem Fußballverein "allgemein immer gut".

Ganz aufgegeben hat Gross die Hoffnung, dass ihm der Vorstand noch den dringend benötigten Rechtsverteidiger und den ebenso schmerzhaft fehlenden Mittelstürmer besorgt, immer noch nicht. "Jochen Schneider arbeitet Tag und Nacht daran", sagte er, "die Zeit drängt. Das weiß ich, das wissen alle hier." Da es an finanziellem Spielraum mangelt, hofft man in Kreisen der Klubführung insgeheim auf das Wohlwollen und kreative Entgegenkommen der Liga-Konkurrenz. Landauf, landab und auch beim alten Erzrivalen Borussia Dortmund wird Anteil genommen am Niedergang der Königsblauen, und nicht nur bei der DFL in Frankfurt befürchtet man einen Schaden für die Marke Bundesliga, wenn Schalke 04 auf womöglich unbestimmte Zeit in der zweiten Liga verschwinden würde. Mit dem Ernstfall Abstieg beschäftigt sich der Aufsichtsrat notgedrungen schon etwas länger. Es herrscht Zuversicht, dass man die Lizenz für den Spielbetrieb in der zweiten Klasse erhalten würde.

Zumindest einen Zugang konnte Trainer Gross begrüßen: Kolasinac ist zurück auf Schalke

Noch ist es aber nicht soweit, und zumindest einen prominenten Neuling hat Gross beim Training begrüßen dürfen. Sead Kolasinac, 27, hat Anfang der Woche seinen Dienst aufgenommen. Ein halbes Jahr wird er bei dem Verein aushelfen, bei dem er einst in die Lehre ging, auch er betritt gewissermaßen als Wohltäter die Bühne in Gelsenkirchen. Seine Heimkehr ist eine Art Wohlfahrtsakt, der FC Arsenal verzichtet auf die Leihgebühr und Kolasinac auf die Hälfte des Honorars, das ihm die Londoner in dem bis 2022 laufenden Vertrag garantieren. Wenn der Eindruck der ersten Tage nicht trügt, dann wird er auf Schalke nicht nur als Linksverteidiger und Linksaußen eingesetzt, sondern auch als Vorbild, Mentalcoach und Zugmaschine. "Er kann Hilfestellung leisten, er ist eine Persönlichkeit", hob Gross hervor, "Spieler von seinem Kaliber und Format könnten wir noch viele brauchen."

Wenn Kolasinac am Samstag gegen die TSG Hoffenheim sein Comeback gibt, dann wird er gleich in eine Schlacht von historischer Bedeutung ziehen. Den Namen Tasmania mag zwar in Gelsenkirchen niemand mehr hören, aber der Negativrekord der Liga, den Schalke mit einem weiteren sieglosen Spiel einstellen könnte, wird am Samstag trotzdem stets präsent sein. "Das weiß ich, das wissen alle", bestätigt der Trainer. Aber vielleicht sei ja genau diese Herausforderung der passende Wendepunkt, Gross will am Samstag den Angriff befehlen: "Ballsicherung ist gut -, aber es geht darum, dass wir den Ball vors gegnerische Tor bekommen und ein Spiel gewinnen." Notfalls auch ohne Rechtsverteidiger und Mittelstürmer.

© SZ/hoe
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