FC Schalke 04 Auch ein Geheimtreffen rettet Weinzierl nicht

Nicht mehr in einem Team: Markus Weinzierl und Christian Heidel.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der FC Schalke 04 trennt sich von Trainer Markus Weinzierl. Nachfolger wird Domenico Tedesco von Erzgebirge Aue.
  • Im Verein klagten Spieler über mangelnde Kommunikation von Weinzierl, er sei Gesprächen aus dem Weg gegangen.
  • Tedesco ist ein anerkanntes Trainertalent, aber auch in der Bundesliga unerfahren.
Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Es war eines dieser Geheimtreffen, die zu den unvergänglichen Mythen der Fußball-Kultur gehören. Vor knapp zwei Wochen trafen sich Christian Heidel, 54, und Markus Weinzierl, 42, "irgendwo in Mainz", wie Eingeweihte erzählen, und besprachen drei Stunden lang sachlich, friedlich und einvernehmlich, wie es in der kommenden Saison besser laufen könnte beim FC Schalke 04.

Vor der Unterredung war sich Weinzierl nicht ganz sicher gewesen, wie die Sache enden würde. Ein paar Tage zuvor hatte Heidel vor Journalisten wiederholt und deutlich Kritik an Weinzierls Trainerarbeit geübt, ein taktisches Konzept habe er "bisher nicht erkannt", sagte der Manager unter anderem, woraufhin es auf allen Medienkanälen hieß, der Coach sei "angezählt" worden, mindestens. Nun aber, nach dem Geheimtreffen in Mainz, fuhr Weinzierl einigermaßen beruhigt nach Hause und startete mit der Familie in den Urlaub auf Sardinien.

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Auf Sardinien ist er immer noch, aber Trainer des FC Schalke 04 ist Weinzierl nicht mehr. Dass ihm sein Vorgesetzter, Sportvorstand Heidel, das Mandat entziehen möchte, hatte sich schon angedeutet, als am Donnerstag Bild nicht nur die bevorstehende Ablösung des Amtsinhabers, sondern auch den Namen des Nachfolgers ins Gespräch brachte: Domenico Tedesco, 31, der den Zweitligisten Erzgebirge Aue im Frühling vor dem mutmaßlich sicheren Abstieg bewahrte. 2015 war Tedesco im Lehrgang der Hennes-Weisweiler-Akademie Kommilitone des heutigen Hoffenheimer Cheftrainers Julian Nagelsmann, schloss den Kurs mit Bestnote ab. Er gilt nach knapp zehn Dienstjahren in den Jugend-Abteilungen des VfB Stuttgart und der TSG Hoffenheim als großes Trainertalent. Aber genügen drei Monate Praxiserfahrung im Profifußball für ein Kommando im ständigen Krisengebiet Schalke 04? Heidel scheint überzeugt zu sein.

Über den erstaunlich hohen Wahrheitsgehalt der Gerüchte erhielt Weinzierl in der Nacht zum Freitag Gewissheit, als ihn die Meldung von der Beurlaubung erreichte. Eine der Fragen, die er sich automatisch stellt: War das Geheimtreffen also nur eine Inszenierung? Und wenn ja, welchem Zweck sollte das Theater dienen?

Christian Heidel hat darüber am Freitag keine Auskunft gegeben. Schalke 04 bestätigte den Vorgang, der Heidel "nicht leichtgefallen" sei, erst am frühen Abend. Man müsse Veränderungen vornehmen, "um die von uns gewollte Entwicklung vorantreiben zu können", sagte Heidel. Da hatte die Neuigkeit, dass sein Verein abermals den Trainer wechselt, längst im Rang einer amtlichen Nachricht die Runde gemacht. Selbst der Bundestrainer hatte Stellung genommen. "Ist nicht ganz so einfach dort", stellte Joachim Löw wahrheitsgemäß fest. Seit im Sommer 2002 Huub Stevens sein Engagement beendete, nach fast sechs Jahren Amtszeit - Weltrekord in Gelsenkirchen -, hat Schalke zwanzig Cheftrainer beschäftigt. Zuletzt wechselten sich die sogenannten Wunschtrainer im Akkordtempo ab: Roberto Di Matteo, André Breitenreiter, jetzt Weinzierl.

Das ist nicht gerade das, was Heidel versprochen hatte, als er im vorigen Sommer den Dienst in Gelsenkirchen aufnahm. Kontinuität und Geduld, das seien die wichtigsten Voraussetzungen für langfristigen Erfolg, lehrte der neue Manager und konnte dabei auf seine erfolgreichen Erfahrungen als Chefintendant in Mainz verweisen, wo er einst in Jürgen Klopp und Thomas Tuchel zwei Koryphäen mit Langzeitwirkung beschäftigt hatte. Die Fakten in Gelsenkirchen sind nun allerdings folgende: Nachdem Schalke rund vier Millionen Euro bezahlte, um Weinzierl aus dessen Vertrag beim Liga-Konkurrenten FC Augsburg herauszukaufen, dürfte jetzt eine ähnlich hohe Summe anfallen, um den teuren Mann wieder loszuwerden. Weinzierls Vertrag gilt bis 2019.

Nachdem es trotz der missratenen, in der Chefetage sogar als "durchweg katastrophal" empfundenen Saison bemerkenswert ruhig geblieben war auf Schalke, waren in der vorigen Woche erstmals grelle Klagen über Weinzierls Arbeitsweise laut geworden. Die Quelle schien zunächst allerdings zweifelhaft zu sein. Urheber der Kritik war der ukrainische Flügelstürmer Jewhen Konopljanka, den Heidel auf die Schnelle kurz vor Transferschluss in Sevilla besorgt hatte und der sich bisher als 15 Millionen Euro teures Missverständnis erwiesen hat (was auch Heidel nicht bestreitet). Konopljanka warf Weinzierl vor, ein "Feigling" zu sein, und er schilderte eine Szene, in der er dem ungeliebten Vorgesetzten ankündigte, dass dieser sowieso bald nicht mehr im Dienst sein werde. Weinzierl hatte den Profi zuvor wissen lassen, dass er in den Planungen für die kommende Saison keinen Platz mehr habe.

Was nach der Tirade eines frustrierten Reservisten klingt, drückt allerdings nach Ansicht von Kennern des Betriebs beispielhaft die Probleme aus, die Weinzierl im Binnenverhältnis entstanden.

Mit Spielern aus der zweiten Reihe des Kaders habe sich der Trainer kaum mehr beschäftigt, generell sei er Gesprächen mit Spielern zielstrebig aus dem Weg gegangen, heißt es. Konopljanka etwa, dem Wesen nach beileibe kein "Rüpel-Profi", wie versichert wird, habe monatelang auf Rückmeldung gewartet, warum er so gar nicht zum Einsatz komme. Tatsächlich saß er meistens auf der Tribüne. Dann gehörte er am drittletzten Spieltag in Freiburg plötzlich zur Startelf und versagte bis zur Auswechslung auf ganzer Linie - was für den Rest der Mannschaft aber genauso galt (Endstand 0:2). Weinzierl sei zuletzt unzugänglich und verschlossen gewesen, wird auf Schalke erzählt. Die Zweifel nahmen zu, dass der Trainer noch imstande sein würde, die nötige Begeisterung für den nächsten Anfang zu wecken.

Heidels Botschaften nach dem letzten Spieltag gaben diese Zweifel zu erkennen. Warum er nach dem Meeting in Mainz trotzdem zwei Wochen brauchte, um die Trennung zu beschließen? Politik, meinen Kritiker. Nun greift er auf eine Lösung zurück, die alten Mainzer Erfolgsmustern folgt. Tedesco, der in Kalabrien geboren wurde und im Alter von zwei Jahren mit der Familie nach Deutschland übersiedelte, ist wie Klopp und Tuchel ein Talent mit anerkanntem Aufsteigerpotenzial. Doch Schalke ist nicht Mainz, und Tedesco ist keine Lösung nach Art des Hauses, sondern eine Import-Lösung.

Dass Aue als "Schalke des Ostens" firmiert und "Glückauf" im Erzgebirge wie im Ruhrgebiet als Tagesgruß dient, das ändert nichts daran, dass Heidel einen äußerst riskanten Neustart initiiert hat.

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