bedeckt München 30°

FC Memmingen:Fragiles Gebilde

Daniel WEIN TSV1860 Nr 17 Spielszene Strafraumszene Szene vor dem Tor Torraum Tim BUCHMANN FCM

Das Archivbild zeigt das Spiel der Memminger gegen den TSV 1860 München vor drei Jahren und vollen Rängen in der Regionalliga. Auf das nun anstehende Spiel gegen 1860 - vor leeren Rängen - hat der FCM verzichtet.

(Foto: Peter Schatz/imago)

"Wir haben neun bis zehn Leistungsträger verloren": Der FC Memmingen verzichtet daher auf das anstehende Toto-Pokal-Halbfinale gegen den TSV 1860 München - der kündigt dafür ein "Solidaritätsspiel" an.

Von Christian Bernhard

Der DFB-Pokal ist der Sehnsuchtsortwettbewerb aller deutschen Fußball-Amateurvereine, alleine für die Teilnahme an der ersten Runde wurden in der vergangenen Saison 175 500 Euro pro Klub ausgeschüttet. Der FC Memmingen hatte diesen Traum in greifbarer Nähe, als Halbfinalist des Toto-Pokals hätte ihm Anfang September womöglich schon ein Sieg dafür gereicht, da die Würzburger Kickers - neben Memmingen, dem TSV 1860 München und Viktoria Aschaffenburg einer der vier Halbfinalisten - als Zweitliga-Aufsteiger bereits für den Pokal qualifiziert sind.

Doch der Regionalligist aus dem Allgäu verzichtet freiwillig auf die Austragung des Halbfinals gegen 1860 München. Die Entscheidung sei auf der Grundlage gefallen, "dass wir überhaupt nicht wissen, wann wir spielen und wie wir spielen dürfen", erklärt FCM-Vorsitzender Armin Buchmann. Da es in Memmingen kürzlich einen Corona-Ausbruch gegeben hat, sah er es als fraglich an, ob die Stadt die Austragung des Heimspiels zugelassen hätte.

Der Hauptgrund für den Rückzug, der laut Buchmann straf- und sanktionsfrei bleibt, ist aber im wirtschaftlichen Bereich zu finden. Im Verein hatten sie darauf gehofft, dass der Bayerische Fußball-Verband (BFV) einen Losentscheid, ohne Austragung der zwei Halbfinalpartien, ermöglicht. Als klar war, dass das nicht passieren wird, konnte Buchmann nicht ausschließen, dass sein Klub ins Münchner Stadion an der Grünwalder Straße hätte ausweichen müssen. In diesem Fall hätten die Allgäuer als Ausrichter die Stadion-Miete mittragen müssen, laut Buchmann hätte das ein Minus im hohen fünfstelligen Bereich zur Folge haben können: "Das kann man einem Amateurverein nicht zumuten."

Die Aussicht des Regionalliga-Vorletzten auf einen sportlichen Erfolg gegen den Drittligisten sah Buchmann ohnehin "Richtung Null" gehen. Das liegt an der personellen Situation. Etliche Spieler, darunter auch Kapitän Lukas Rietzler, verließen zuletzt den Klub. "Wir haben neun bis zehn Leistungsträger verloren", betont Buchmann, einige waren mit dem Stopp der Gehaltszahlungen aufgrund der Corona-Krise nicht einverstanden: "In dieser Hinsicht haben sie mehr auf sich persönlich als auf den Verein geschaut." Anfang Augst soll nun die Saisonvorbereitung beginnen, ab da fließen dann auch wieder die Gehaltszahlungen an die Spieler. Der verspätete Einstieg ins offizielle Mannschaftstraining - viele bayerische Vereine starten bereits rund um den 20. Juli - hat nämlich auch finanzielle Gründe. Buchmann rechnet vor, dass jede Trainingswoche den Verein einen niedrigen fünfstelligen Betrag kostet.

Der Vorstand sieht den Verein wirtschaftlich trotz allem stabil aufgestellt. Er verweist auf die Gewinne, die in den vergangenen Jahren erzielt worden seien und betont: "Unser wirtschaftliches Wohl und Weh hängt nicht am Spielbetrieb." Ungewiss bleibt die Situation aufgrund der Pandemie dennoch. Buchmann spricht von einem "ganz fragilen Gebilde, das wir im Moment nur als Passagier begleiten können". Aktiv könne man in der aktuellen Lage kaum etwas angehen, er schaue "maximal von Woche zu Woche". Eher sogar von Tag zu Tag. Umso dankbarer ist er, dass der TSV 1860 München zugesichert hat, voraussichtlich im Sommer 2021 zu einem "Solidaritätsspiel" in Memmingen anzutreten, dessen Einnahmen dem FCM zugute kommen.

© SZ vom 13.07.2020
Zur SZ-Startseite