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Liverpool in der Premier League:Klopps sieben Minuten des Grauens

Leicester City - FC Liverpool

Nehmen Abschied vom Gedanken an eine erfolgreiche Titelverteidigung: Trainer Klopp mit Torjäger Mohamed Salah (links) vom FC Liverpool.

(Foto: Michael Regan/dpa)

Vor dem Champions-League-Achtelfinale gegen Leipzig verliert Jürgen Klopp sein 300. Spiel als Liverpool-Coach. Ozan Kabak unterläuft beim Debüt ein folgenschweres Missverständnis.

Von Johannes Kirchmeier

Erst grinste Jürgen Klopp nur ein wenig bitter in die Wintersonne von Leicester, so als wollte er zeigen: Mei, so ein Ausgleich im Premier-League-Spitzenspiel seines FC Liverpool, der passiert halt. Schwamm drüber, geht weiter. Doch wenig später wütete der Coach dann fuchsteufelswild durch seine Trainerzone vor den leeren Tribünen. Ganz ohne Emotionen geht's nicht bei ihm - der Ausbruch hatte einen guten Grund: Binnen sieben Minuten verspielte Klopps Mannschaft am Samstag den Sieg, gar 1:3 verlor sie beim Konkurrenten um einen Champions-League-Rang. Und das auch noch zum Jubiläum - es war Klopps 300. Spiel als Liverpool-Trainer. "Wir spielen bis ungefähr zur 75. Minute hervorragend, führen und verlieren doch noch 1:3. Das zeigt, in welch schwieriger Situation wir sind", sagte der Coach.

Schon am Montag könnten Thomas Tuchel mit dem FC Chelsea und West Ham United vorbeiziehen. Der Titelverteidiger wäre dann nach knapp zwei Saisondritteln nur noch Sechster. Nur drei Siege gelangen den Liverpoolern in den vergangenen zwölf Partien, zuletzt verloren sie dreimal in Serie. Der (vorerst) bittere Tiefpunkt war daher letztlich nicht das 1:4 im Duell mit Tabellenführer Manchester City, das den Abstand in der Premier League auf zehn Punkte vergrößert hatte. Sondern nun die Niederlage eine Woche darauf beim Zweiten Leicester City, gegen den Liverpool seit 2017 nicht mehr verloren hatte. ManCity ist nach einem 3:0 gegen Tottenham am Samstagabend nun schon 13 Zähler weg.

"Fußball ist wie ein Haus. Wenn das Fundament nicht stimmt, dann wird's ein bisschen wacklig", hatte Klopp vor der Partie beim TV-Sender Sky gesagt. Da bleibt die Frage: Was ist bloß mit dem Fundament seines bis Mitte Dezember noch so unwiderstehlichen Teams passiert, dass das Haus nun in sieben grauslichen Minuten in sich zusammenzufallen vermag? Hat Baumeister Klopp doch auf zu weichem Boden gebaut? Schon am Dienstag spielt Liverpool in der Champions League das wegen Einreiseverboten nach Budapest verlegte Achtelfinale gegen RB Leipzig. Es scheint, als käme das Duell nun zur Unzeit.

Klopps Hoffnung Kabak hält sich lange schadlos - und bringt den Coach dann doch in Rage

Die von Klopp angesprochenen Probleme mit dem Fundament manifestieren sich in einer bröckelnden Abwehr: Fast alle erfahrenen Innenverteidiger fallen gerade aus. Neben den lange verletzten Virgil van Dijk, Joel Matip und Joe Gomez fehlte in Leicester auch Fabinho wegen einer Muskelverletzung kurzfristig. Ob er gegen Leipzig mitspielen kann, ist unklar. Und der Kroate Dejan Lovren war vor der Saison als überzähliger Verteidiger nach St. Petersburg abgegeben worden.

Klopps Hoffnung hieß daher Ozan Kabak. Der 20-Jährige war am letzten Wintertransfertag per Leihe mit Kaufoption vom Bundesliga-Abstiegskandidaten FC Schalke 04 an die Merseyside gewechselt. In den sozialen Netzwerken pappte der Klub Kabak positionsgerecht in Türsteher-Pose auf sein Aufstellungsbild - mit in die Seite gestützten Armen und angestrengt strengem Blick. Es werde "ein bisschen tricky" für Kabak beim Debüt gegen die starke Leicester-Offensive um Jamie Vardy oder Harvey Barnes, fand Klopp, aber er werde das schon hinkriegen. Neben Kabak verteidigte der eigentliche Mittelfeldspieler und Kapitän Jordan Henderson. Nathaniel Phillips, im Vorjahr an den damaligen Zweitligisten VfB Stuttgart ausgeliehen, traute der Coach die Aufgabe noch nicht zu.

Knapp eine Hälfte lang machte Kabak seine Sache tatsächlich gut, gewann fast alle seine Zweikämpfe und ließ Vardy lediglich zweimal ziehen, doch der lupfte den Ball weit übers Tor (11. Minute) und schoss ihn aus abseitsverdächtiger Position an die Latte - einer Überprüfung des Videoassistenten bedurfte es nach der vergebenen Chance nicht (42.). Klopp und Kabak konnten also bis weit in die zweite Hälfte zufrieden sein - und dann brachte Mohamed Salah den Klub nach einer gewieften Sohlenvorlage von Roberto Firmino auch noch in Führung (67.).

Das Tor beflügelte allerdings nicht den Gast, sondern weckte den Kampfeswillen beim Gastgeber, der den Meister in sieben Minuten dreimal uralt aussehen ließ: James Maddison schoss einen Freistoß vom linken Sechzehnmetereck aus flach ins Tor zum Ausgleich (79.). Liverpools Torwart Alisson Becker wurde dabei irritiert von einigen Leicester-Spielern, die standen allerdings nicht im Abseits, wie der Videoassistent überprüfte.

Drei Minuten darauf profitierte Vardy davon, dass sich Kabak und der herausstürmende Becker nicht absprachen, sondern sich stattdessen fast über den Haufen rannten. Als lachender Dritter schoss der Engländer den Ball ins leere Tor, schnappte sich die Eckfahne und funktionierte sie zur Gitarre um. Klopp schimpfte dagegen: "Das zweite Tor war ein Missverständnis, bei dem wir mit Zurufen arbeiten müssten und niemand zu hören war, das ist nicht so cool." Das Debüt seines neuen Türstehers war nun doch misslungen. Und der war dann auch nur Zuschauer beim 1:3: Nach einem schlampigen Ballverlust von Salah im Mittelfeld und dem flinken Konter danach jubelte Barnes über sein Tor zum Endstand (85.).

Es waren also exakt jene Spieler, die die Partie entschieden, die Klopp schon vor der Partie explizit angesprochen hatte. In der Pressekonferenz nach der Partie fragte ihn dann ein Journalist, ob er die Titelverteidigung damit aufgegeben habe. Klopp wartete ein bisschen mit der Antwort, blickte zu Boden, fasste sich an die Nase. Dann sagte er: "Ja ... Ich kann es nicht glauben, aber ja."

© SZ/tbr
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