bedeckt München 24°
vgwortpixel

Fußball in England:Das Sozialfoul des FC Liverpool

Champions League Semi Final Second Leg - Liverpool v FC Barcelona

Zusammenhalt und soziale Verantwortung gehören eigentlich zum Selbstverständnis des FC Liverpool.

(Foto: Action Images via Reuters)

Der englische Arbeiterklub zieht den Antrag auf Kurzarbeit devot zurück. Mit seiner Ignoranz hat er aber die enge Partnerschaft mit den Fans verletzt.

Zum Glück für den FC Liverpool bevorzugt der Klub eine andere Schuhmarke, sonst wäre die Angelegenheit noch peinlicher geworden. Denn die PR-Panne, an der sich der Klub hätte orientieren müssen, hatte sich die Firma Adidas geleistet. Im März verfügte der fränkische Ausrüster, seinen Vermietern in der Corona-Krise die Pacht für die Läden in Europa zurückzuhalten. Der Aufschrei war gewaltig, trotzdem setzte Liverpool ein ähnliches Sozialfoul: Der Klub schickte Angestellte in Kurzarbeit bzw. Zwangsurlaub - natürlich nicht das kickende Personal. Das Motiv bei diesem Modell ist klar: Das Eingesparte kommt direkt vom Staat zurück, also vom Steuerzahler.

Am Montagabend erst ging's in die Rückwärtsbewegung, Liverpools Vorstand entschuldigte sich. Die devoten Vokabeln ähnelten denen der Adidas-Erklärung. Kein Wunder, beide Unternehmen wollen ihre Kundschaft beruhigen. Bei beiden ist das Geschäft eingebrochen, doch beide zählen nicht zu den Bedürftigen. Die Fenway Sports Group aus Boston wies für den ihr gehörenden FC Liverpool in der jüngsten Bilanz 42 Millionen Pfund Gewinn aus. Adidas wiederum ist eine AG, deren Papier erst im Januar ein Rekordhoch erreichte. Adidas zahlt nun die Mieten weiter, Liverpool zieht den Antrag auf Kurzarbeit zurück, aber werden Kunde und Fan die Ignoranz vergessen?

Der Fußballfan hat eine noch engere Markenbindung als jeder Schuhkäufer. Seine Toleranzgrenze scheint endlos zu sein, der Klub ist Lebensinhalt und Religionsersatz. Kommen Erfolg und ein cooles Image hinzu, wird's zum Bund fürs Leben. Leicht kann ein Klub diese Partnerschaft nicht verletzen. Doch dass sie sich verletzen lässt, hat Liverpool gezeigt.

"You'll never walk alone", singen sie dort, es ist die Fußball-Hymne des Planeten. Mancher Fan der Roten dürfte kurz mit dem Gedanken gespielt haben, sie umzudichten. In: "Now you better walk alone". Nun geht ihr besser mal allein ..

.

© SZ vom 08.04.2020/tbr

SZ Plus
Fußball in England
:Was bleibt

Seit fast 50 Jahren ist George Sephton Stadionsprecher beim FC Liverpool. Eigentlich wollte er sich auf die Rente vorbereiten, und klar, auch auf die Meisterschaft. Aber dann kam das Virus. Zeit für eine Ansage.

Von Holger Gertz

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite