FC Ingolstadt Zurück aus Rhodos

Der Luxemburger Jeff Saibene soll den Zweitliga-Absteiger Ingolstadt neu aufbauen: Für Saibene ist es ein riskanter Schritt - auch weil noch offen ist, wie das Gesicht der Mannschaft aussieht.

Von Thomas Gröbner

Als Michael Henke den Luxemburger Jeff Saibene vor einigen Tagen am Telefon erreichte, da rauschte es in der Leitung. "Ich hatte die Füße im Meer, das weiß ich noch", erinnert sich Saibene. Seine Beine wurden von den Wellen umspült, die an die Küste von Rhodos schwappen. Im Kopf aber war er schon weit weg.

Zwei Tage nach dem Anruf verließ er die Insel, um sich mit Henke, dem neuen Sportdirektor des FC Ingolstadt, zu treffen, dann ging alles sehr schnell. Am Montag drängten sich Saibene und Henke auf einer schmalen Couch im grauen Funktionsbau neben dem Ingolstädter Stadion. Die beiden sollten erklären, wie Saibene den Neuanfang in Liga drei bewerkstelligen soll - und warum diese Reisegemeinschaft länger halten soll als die anderen.

In Ingolstadt waren ja zuletzt einige Trainer vorgestellt worden. Stets war man überzeugt, genau den Richtigen gefunden zu haben. Und trotzdem endete die vergangene Saison katastrophal: Der FCI stieg aus der zweiten Liga ab.

Früh hatten die Verantwortlichen die erfolglose Identifikationsfigur Stefan Leitl durch den freundlichen, aber ebenfalls erfolglosen Alexander Nouri ersetzt. Danach folgte Jens Keller, der die Mannschaft mit Härte aufrütteln wollte. Doch auch das verfing nicht. In größter Not wurden Thomas Oral und sein Co-Trainer Michael Henke installiert. Der Neue band seinen Spielern weißes Tape um die Handgelenke, das ihnen Energie verleihen sollte. Und tatsächlich: Plötzlich bäumte sich die Mannschaft auf. Doch es war zu spät, auch wenn es noch für den Relegationsplatz reichte. Gegen Wehen Wiesbaden verspielte Ingolstadt das 2:1-Polster aus dem Hinspiel, verlor 2:3 und stieg in die dritte Liga ab. Fast-Retter Oral wollte diesen Weg nicht mitgehen, er verlies, wie auch Sportdirektor Thomas Linke, den Verein.

Es blieb Co-Trainer Henke, der zum neuen Sportdirektor befördert wurde - und nun einen neuen Trainer finden musste. Schnell habe er sich einen Wunschkandidaten ausguckt, sagte Henke: "Ich hatte eine große Liste mit Trainern. Jeff war aber von vornherein ganz oben."

Saibene, 50, hatte bis zum vergangenen Winter Arminia Bielefeld trainiert. Dort hatten sie ihn zwischenzeitlich in den Heldenstatus gehoben, nachdem er die Arminia in scheinbar aussichtsloser Lage übernommen, den Verein in der zweiten Liga gehalten und in der Saison 2017/2018 auf den vierten Rang geführt hatte. Er galt in der zweiten Liga als etabliert, deshalb hatte auch Henke seine Zweifel, ob er Saibene das Engagement in Ingolstadt würde schmackhaft machen können: "Ich war mir nicht sicher, ob er den Schritt in die dritte Liga macht."

"Ich bin fußballbesessen": Jeff Saibene ist der neue Trainer des Zweitliga-Absteigers FC Ingolstadt.

(Foto: Stefan Bösl/imago)

Auch Saibene dürfte wissen: Wer in Liga drei scheitert, der dürfte es nicht leicht haben im umkämpften deutschen Trainermarkt. "Das ist ein Schritt mit Risiko", sagte Henke. Andererseits ist der Schritt auch eine Chance: "Ingolstadt ist kein normaler Drittligist", sagte Saibene. "Ich habe noch nie so gute Bedingungen gehabt." Außerdem sei er froh, dass er in Deutschland bleiben könne. Oder, wie er es bei einem luxemburger Radiosender gesagt hatte: "Ech sinn erëm voll motivéiert."

Auf Rhodos hatte sich Saibene von den zehrenden Jahren erholen wollen: "Ich war acht Jahre lang ununterbrochen angestellt, das ist eine sehr lange Zeit, das ist ungewöhnlich." Nachdem er in Bielefeld im Dezember entlassen worden war, hätte er eigentlich frei gehabt. Doch so ganz ohne Fußball hatte er es ohnehin nicht ausgehalten. Saibene hospitierte bei Marco Rose, dem künftigen Gladbacher Trainer, und reiste mit Salzburg ins Trainingslager nach Portugal. Er flog mit seinem ältesten Sohn, einem Tottenham-Fan, nach London zum Halbfinale der Champions League, mit dem jüngeren Sohn ging er zu Chelsea in Stadion. Saibene sagt über Saibene: "Ich bin fußballbesessen."

Früher war er Stürmer, spielte in Belgien und der Schweiz. Heute gilt er dem Tischtennissport und dem Pokerspiel zugeneigt. Es heißt, er könne sein Blatt gut einschätzen. In Ingolstadt fällt das gerade schwer. Der Abstieg hat den Verein auf links gedreht. Welche Spieler bleiben? Welche gehen? Konstantin Kerschbaumer, den Saibene "Kerschi" nennt, hat gerade hinterlegt, den Verein verlassen zu wollen. Unter Saibene war der Österreicher in Bielefeld aufgeblüht. "Wenn er bleiben wird, wäre es super. Wenn er geht, gehört das zum Geschäft", sagt Saibene.

Michael Henke über Jeff Saibene

"Ich war mir nicht sicher, ob er den Schritt in die dritte Liga macht. Er hat sich ja in der zweiten Liga etabliert."

Von Saibenes Ideen ist der Sportdirektor schon begeistert. "Er will nicht in Schönheit sterben", beschreibt Henke den Stil seines Trainers. "Das kam mir gut zupass." Saibene spricht von hohem Pressing und viel Mut: "Bei Arminia haben wir viele Tore geschossen." Dafür wolle er mit seiner Mannschaft auch in Ingolstadt stehen. Dass der quälend lange Abstiegskampf seine Spuren im Team hinterlassen haben könnte, befürchtet er hingegen nicht. "Die Älteren, die bleiben werden, das sind Typen, das sind Persönlichkeiten. Ich habe da keine Bedenken."

Vieles ist ungewiss in diesen Tagen in Ingolstadt. Klar ist, dass sie nicht mehr auf die Dienste des besten Torschützen, Sonny Kittel, zählen können. Er hat einen Vierjahresvertrag beim Zweitligisten Hamburger SV unterschrieben. Es wird geraunt, dass auch Dario Lezcano seinem Kollegen zum HSV folgen könnte. Christian Träsch, 2012 als Leitfigur geholt, bekommt in Ingolstadt keinen neuen Vertrag angeboten. Auch das Interesse aus Fürth an Innenverteidiger Mergim Mavraj hat sich herumgesprochen. Ob er nach seinem Urlaub nach Ingolstadt zurückkehrt, ist ungewiss.

Der Pokerspieler Saibene kann im Moment nicht wissen, welche Karten er in der Hand hält.