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FC Ingolstadt:Worte ohne Taten

Fussball, 2. BL, 2. Bundesliga Relegation, Herren, Deutschland, Saison 2019 2020, 07.07.2020, 1. FC Nürnberg - FC Ingols; Oral

Streitlust am Spielfeldrand: Tomas Oral (links) überlässt Nürnbergs Enrico Valentini nur ungern den Ball.

(Foto: Bernd Müller/Imago)

Anders als ihr Trainer Tomas Oral tritt die Mannschaft des FC Ingolstadt nicht angriffslustig auf.

Von Sebastian Fischer

Drittligatrainern wird nicht oft die bundesweite Aufmerksamkeit der Fußballgemeinde zuteil, und so hatte Tomas Oral eine besondere Gelegenheit, sein Profil zu schärfen. Gleich drei Sender übertrugen am Dienstag ja das Relegationshinspiel des FC Ingolstadt beim 1. FC Nürnberg. Und wer auf den Ingolstädter Coach achtete, der hatte nach der 0:2-Niederlage tatsächlich charakteristische Szenen gesehen.

Oral, 47, ist einem größeren Publikum wohl immer noch dafür bekannt, dass er vor ein paar Jahren die Mannschaft des FSV Frankfurt zu Motivationszwecken durch die Waschstraße laufen ließ; dass er also ein Trainer ist, der wenig unversucht lässt, um zu gewinnen. In Nürnberg versuchte er vor allem in der ersten Halbzeit den Sturmlauf des überlegenen Gegners zu verlangsamen, indem er den Ball in die Hand nahm, wenn er in seine Coaching-Zone rollte - und ihn provokant verbarg, bevor er ihn den Nürnbergern zum Einwurf herausrückte. Das half allerdings wenig.

Schon vor der Partie hatte Oral eine Art Duell eröffnet, er hatte dem Nürnberger Interimstrainer Michael Wiesinger in der Pressekonferenz vorgeworfen, dessen emotionale Appelle an die Ehre der Profis des Zweitligisten entsprächen nicht dessen sonst eher ruhigen "Naturell". Alles nicht so gemeint, sagte Oral nach dem Spiel am Dienstag, auch Wiesinger beschwichtigte: "Alles in Ordnung", denn: "Wir wollen uns doch auch mal fetzen."

Vor allem verfehlten Orals Worte offensichtlich ihre Wirkung, sie verunsicherten niemanden, brachten ihm aber die giftige Replik des Nürnberger Aufsichtsratschefs Thomas Grethlein ein, der das Spiel in ebenfalls durchaus eigenwilliger Manier verfolgte, im Oberrang mit Zigarre im Mund und Bierflasche in der Hand. In einem ausnahmsweise stillen Moment in der ansonsten hitzigen Atmosphäre rief er: "Unser Trainer ist authentisch, Herr Oral!"

Dass Oral in diesen Tagen überhaupt in die sogenannte Trickkiste der Sportpsychologie greifen muss, ist dem Umstand geschuldet, dass diese Relegation aus Sicht des Drittligisten wohl so ungerecht ist wie keine zuvor war und keine danach je wieder sein wird. Erst drei Tage vor dem Spiel am Dienstag war Ingolstadt ja zuletzt in der dritten Liga angetreten, hatte erst in der Nachspielzeit den direkten Aufstiegsplatz an die Würzburger Kickers verloren und spielte gegen Nürnberg zum zwölften Mal in 39 Tagen, während der Gegner acht Tage Pause nach dem Saisonende in der zweiten Liga hatte. Angreifer und Kapitän Stefan Kutschke fehlte verletzt und auch Schlüsselspieler und Flügelstürmer Maximilian Beister musste nach einer halben Stunde angeschlagen raus. Beide haben Probleme am Oberschenkel, über ihre Einsatzmöglichkeiten im Rückspiel am Samstag ist noch nichts bekannt.

Er werde nicht die fehlende Frische beklagen, sagte Oral, das ehrte ihn. Aber trotzdem hatte seine Mannschaft sehr müde gewirkt, eigentlich nur eine Torchance durch Maximilian Thalhammer herausgespielt und ansonsten Glück gehabt, dass die Niederlage nicht höher ausfiel. Der Ansatz, es trotz des fehlenden, 1,94 Meter großen Kutschke mit hohen und weiten Bällen zu versuchen, sei durch das Nürnberger Pressing gezwungenermaßen entstanden, erklärte Oral. Erfolgversprechend hatte das zu keinem Zeitpunkt ausgesehen.

"Wir resignieren nicht, wir müssen uns nur schütteln", sagte er. Doch wie er sagte, seine Mannschaft müsse am Samstag versuchen "irgendwie" in die Partie zurückzufinden, klang nicht die allergrößte Zuversicht aus seiner Stimme. Wiesinger deutete logischerweise eine defensivere Nürnberger Herangehensweise im Rückspiel an, gerade gegen tief stehende Gegner hatte Ingolstadt schon in der dritten Liga Probleme. Und auch seine persönliche Relegationsbilanz mit dem FCI ist nicht die hoffnungsvollste: In der vergangenen Saison war es Oral (der zwischenzeitlich den Verein verließ und erst im März wiederkam), der mit Ingolstadt damals als Zweitligist gegen den SV Wehen Wiesbaden verlor.

Andererseits: Der Trick mit der Waschstraße damals in Frankfurt funktionierte. Und man kann davon ausgehen, dass sich Oral wieder etwas einfallen lässt, auch während des Spiels am Samstag. Michael Wiesinger, der Art und Arbeit seines Kollegen am Dienstagabend sogar lobte, ist darauf auch schon eingestellt: "Wir können uns am Samstag wieder beschimpfen", sagte er. "Alles gut."

© SZ vom 09.07.2020

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