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FC Ingolstadt:Wechsel nach den Wechselspielen

3. Liga - Hallescher FC - FC Ingolstadt 04 - Cheftrainer Jeff Saibene (FCI) 3. Liga - Hallescher FC - FC Ingolstadt 04 S

„Hier hat mich der spezielle Moment gereizt, dass es einen regelrechten Neuanfang geben würde.“ – Jeff Saibene muss nun hinnehmen, dass der FC Ingolstadt schon wieder neu anfängt – ohne ihn.

(Foto: Stefan Bösl/imago)

Sie wollten gemeinsam "längerfristig etwas aufbauen" - daraus wurde nichts: Nach dem 1:1 in Halle trennen sich die Schanzer von Trainer Jeff Saibene.

Es waren eindrückliche Szenen am Sonntagnachmittag. Sie zeigten einerseits, wie viel Last in einem Moment des Glücks abfallen kann von Fußballspielern und ihren Trainern, und andererseits, wie sehr Menschen in neun Monaten zusammenwachsen können. Als der FC Ingolstadt 04 nach etwa 400 Minuten Wartezeit wieder ein Tor in der dritten Fußball-Liga erzielte, da folgte auf den Rückwärtssalto des Torschützen Caniggia Elva der kollektive Jubel nach dem zwischenzeitlichen 1:0 beim Halleschen FC: Einige Spieler liefen auf eine energische Anweisung ihres Kapitäns Stefan Kutschke hin zum Trainerteam Jeff Saibene und Carsten Rump. Sie umarmten sich und schrien ihre Freude heraus. Wenn man nun weiß, dass die Ingolstädter Fußballer im Normalfall immer vor der Fantribüne statt an der Trainerbank jubeln, dann wurde schnell klar, dass Kutschke und seine Kollegen vor allem eine Botschaft in die Welt hinausschicken wollten: "Der Trainer und wir, wir gehören zusammen." Sie mussten schon gespürt haben, dass das im Verein nicht mehr jeder so sah nach zuvor vier Niederlagen in Serie. Letztlich konnten sie aber auch in Halle nicht gewinnen, in der Nachspielzeit kassierten sie das 1:1.

Die Emotionen nach dem Tor haben die Verantwortlichen des Vereins dann auch weniger berührt als das simple Ergebnis gegen den abstiegsbedrohten HFC. Am Montagvormittag gab der Verein bekannt, dass er "die Zusammenarbeit mit Trainer Jeff Saibene und Co-Trainer Carsten Rump mit sofortiger Wirkung" beende. Was dann doch überraschte, denn die Ingolstädter stehen auf Platz fünf und haben nur zwei Punkte Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz. Seit Mitte Juni 2019 war Saibene im Amt, zum 1. Juli bekam er Unterstützung von Rump, der ihm bereits in Bielefeld in der zweiten Liga assistiert hatte.

Eine wegweisende Englische Woche steht an, gegen Bayern II, Unterhaching und Großaspach

Dem Plan von Sportdirektor Michael Henke nach sollte Saibene den Verein nach dem Zweitliga-Abstieg vor einem knappen Jahr eigentlich langfristig wiederaufrichten. "Hier hat mich der spezielle Moment gereizt, dass es einen regelrechten Neuanfang geben würde", sagte der Coach vor dem Restrundenstart im Januar. "Ich hatte sofort das Gefühl, dass ich hier längerfristig etwas aufbauen kann. Ich wäre nicht zu jedem Drittligisten gewechselt." Und tatsächlich etablierte er den gestürzten FC Ingolstadt schnell in der neuen Liga auf den oberen Tabellenplätzen. Nur: Anders als im Januar, als die Ingolstädter nach elf Spielen ohne Niederlage noch auf Rang zwei lagen, fielen sie in den vergangenen Wochen durch die Niederlagen etwas hinter die Spitze zurück.

Wie schon in der turbulenten Vorsaison, als der Klub insgesamt vier Trainer für eine Spielzeit benötigte, kam der Verein, der sich von seinem Selbstverständnis her eh nicht wie "jeder Drittligist" fühlt, nun zu dem schnellen Entschluss, sich vom Coach zu trennen. Diese Entscheidung sei den Verantwortlichen nicht leichtgefallen, gab Henke an, doch sie monierten, "dass die Mannschaft in den bisherigen Partien des Jahres nicht mehr, beziehungsweise nur noch vereinzelt, an ihre Leistungsgrenze kommt. Sich mit jeder Faser gegen alle Widerstände zu wehren, darum geht es."

Die Ingolstädter ließen seit der Winterpause sowohl die Spielstärke als auch die Effizienz aus der Hinrunde vermissen. Gegen Viktoria Köln hatte der FCI vor einer Woche deutlich mehr Spielanteile, aber keine echte Torgelegenheit, Köln gewann mit der einzigen Chance 1:0. Was den Verantwortlichen zudem missfallen haben dürfte, waren Saibenes etwas kurios anmutende Wechselspiele zuletzt: Spieler wie Maximilian Wolfram oder Patrick Sussek rotierte er etwa von der Tribüne in die Startelf - und bald darauf wegen mangelnden Erfolgs wieder aus dem Team.

Nun steht in der dritten Liga eine durchaus wegweisende Englische Woche an, der FCI trifft am Samstag auf den formstarken FC Bayern II, am Mittwoch auf den Aufstiegskonkurrenten SpVgg Unterhaching und am Samstag darauf auf Sonnenhof Großaspach. Wer das Team dann als Trainer führt, ist noch unklar, es soll jedoch bereits vor dem Spiel gegen den FC Bayern II eine Entscheidung fallen. Zumindest als interne (Interims-)Lösung böte sich etwa der erfolgreiche U19-Trainer Roberto Pätzold an, der das Team bereits im Dezember 2018 für ein Spiel gegen den Hamburger SV (1:2) interimsmäßig betreute und damals überraschenderweise auf den Torhüter Fabijan Buntic oder den Angreifer Fatih Kaya setzte, die damals beide in der zweiten Mannschaft spielten, aber gegen den HSV prompt überzeugten. Mittlerweile gehören die beiden zum Profikader.

© SZ vom 10.03.2020
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