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FC Ingolstadt:Spätes Glück

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Antreiber aus der Defensive: Jonatan Kotzke (vorne im Duell mit St. Paulis Alex Meier) vom FC Ingolstadt.

(Foto: Stefan Bösl/imago)

Jonatan Kotzke hatte mit 26 den Gedanken an eine Fortsetzung seiner Profikarriere schon verworfen. Heute überzeugt er als Verteidiger beim Zweitligisten.

Als der Fußballer Jonatan Kotzke im Sommer 2016 einen Vertrag beim Verein mit dem schönen, aber nicht allzu bekannten Namen SC Teutonia Watzenborn-Steinberg unterschrieb, da war er sich bewusst, dass es das jetzt war mit seiner Karriere als Profi. "Als Spieler eines Viertligisten in Hessen kann man auch schlecht verkaufen, dass man alles aufs Profitum setzt", sagt er. Der damals 26-Jährige war Vater einer Tochter geworden, wollte Zeit mit der Familie verbringen und begann ein Sportmanagement-Studium. So ein Schlussstrich tut gut, er entspannt nach Jahren der Verbissenheit.

An diesem Sonntag wird der Fußballer Jonatan Kotzke wohl sein 24. Spiel in der zweiten Bundesliga bestreiten. Mit dem FC Ingolstadt 04 tritt der Innenverteidiger gegen den Spitzenreiter 1. FC Köln an (13 Uhr). Den vor zweieinhalb Jahren noch ambitionierten Verein SC Teutonia Watzenborn-Steinborg gibt es nicht mehr, er heißt jetzt FC Gießen und spielt in der fünften Liga. Und Kotzke hat kürzlich beim 3:0 in Aue sein erstes Zweitligator geschossen. Manchmal kommt manches doch anders.

Er redet jetzt über die Angreifer Anthony Modeste, der seit seiner Verpflichtung alle 19 Minuten ein Tor für Köln schoss, und über Simon Terodde, der mit 23 Saisontreffern so viele aufweist wie der gesamte FCI. Und darüber, wie die Oberbayern die zwei stoppen sollen; sie brauchen als Vorletzte Punkte für den Klassenverbleib: "Wir müssen aggressiv am Mann stehen, ihnen ab der ersten Minute den Spaß am Fußball nehmen", sagt er. Heißt das, einem Terodde auch einmal auf den Fuß zu steigen? "Wenn es mal unabsichtlich vorkommt, dann ja. Absichtlich aber nie." Man weiß bei einem Verteidiger natürlich nie, ob man ihm das so einfach glauben kann. Kotzke aber ist ein entspannter und ruhiger Kerl auf dem Platz. Davon lebt er auch als Verteidiger, vom unbedachten Treten nicht.

Wenn er über sein Fußballerleben spricht, dann merkt man, wie eine Verletzung vorgesehene Pfade zerstören kann - aber auch, dass es im Fußball ungeahnte Abkürzungen gibt. Nach seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg und dem TSV 1860 München mit ersten Profi-Erfahrungen, aber auch mit ersten Wehwechen, etablierte sich Kotzke als 22-Jähriger beim SSV Jahn Regensburg als Zweitliga-Stammspieler. Zur Winterpause hatte der Verein Chancen auf den Klassenverbleib, am 4. Januar erlitt Kotzke einen Kreuzbandriss. Sein Klub holte nur noch sechs Punkte und stieg als Letzter ab, verletzt verpflichtete ihn kein anderer Zweitligist. "Es gibt nie gute Zeitpunkte, sich zu verletzen, aber in meinem Fall war es wirklich ein sehr schlechter", sagt er. Und weil er sich dann beim SV Wehen Wiesbaden wieder einen Kreuzbandriss zuzog, landete er bei Watzenborn-Steinberg. Wo Kotzke einerseits zur Freude am Fußball zurückfand und eine komplette Saison absolvieren konnte, aber andererseits abstieg.

Trotzdem erhielt er lukrative Angebote, konkret wurde jedoch erst einmal nichts. Und so entschied er sich im Sommer 2017 als Familienvater eben für das konkreteste Angebot: das des FC Ingolstadt II, immerhin als Handlanger des Profifußballs. "Ich war in der zweiten Mannschaft eingeplant, mit dem Ziel, die jungen Spieler nach oben zu bringen - aber nicht mich selber." Er wurde Kapitän der zweiten Mannschaft, aber insgeheim hat er schon wieder Lust bekommen auf den Profifußball, als er die Kollegen nebenan trainieren sah.

Und dann hatte er einfach Glück, dass auf seinem Pfad plötzlich die Abkürzung frei wurde. Nach der Entlassung von Trainer Alexander Nouri trainierte der U19-Coach Roberto Pätzold im Dezember interimsweise die Ingolstädter Profis. Vor dem Spiel gegen Hamburg dachte er an Kotzke - nur wäre dem kurioserweise fast wieder eine Verletzung dazwischengekommen. Die medizinische Abteilung kurierte sein Rippenleiden, er überzeugte als Innenverteidiger und kommt nun auch unter Jens Keller zum Einsatz, der seinen Konkurrenten Marvin Matip in die zweite Mannschaft degradierte. Schnell hat sich Kotzke wieder eingelebt, hat sich an die weiteren Auswärtsfahrten als in der Regionalliga Bayern und die Nächte in den Hotels gewöhnt. Man schlafe schon anders als Profi, sagt er und lacht. Die unverhoffte Chance, mit 28 Jahren noch einmal als Profifußballer durchzustarten, genießt Jonatan Kotzke.