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FC Ingolstadt:Geschichte mit Bart

2 Bundesliga Fußball FC Ingolstadt 04 Trainerwechsel Tomas Oral kommt zurück als Cheftrain

Thomas Linke ist beim FCI bis zum 30. Juni für den Leistungssport verantwortlich. Zuletzt war er externer Berater des Klubs.

(Foto: Stefan Bösl/Imago)

Nach der Entlassung von Trainer Jens Keller soll die alte Band mit Sportchef Thomas Linke, Trainer Tomas Oral und Assistenztrainer Michael Henke den Klub ein zweites Mal retten.

Bislang war es für die Spieler des FC Ingolstadt eine gute Nachricht, dass sich auf dem Weg aus der Stadt zum Trainingszentrum am Sportpark so viele Waschanlagen befinden. Schaumwäsche und sportliche Betätigung verknüpft man in der Autostadt.

Seit dem Dienstagvormittag hat sich das mit dem fröhlichen Wagenwaschen allerdings schlagartig verändert. Da wurden die Spieler von ihrem neuen sportlichen Verantwortlichen Thomas Linke darüber informiert, dass sie nun der Trainer Tomas Oral anleitet. Von Jens Keller trennte sich der Klub nach einer Aufsichtsratssitzung am Montagabend, es ist die dritte Trainerfreistellung der Saison beim Tabellenletzten der zweiten Liga. Schon am Mittag trainierte der FCI unter dem neuen Coach. Auf dem Vereinsgelände. Das muss man dazusagen, wenn man Orals Vergangenheit kennt: Die Spieler des FSV Frankfurt ließ er bei seinem ersten Training 2015 allen ernstes durch eine Waschanlage laufen, um sie von allem Schlechten reinzuwaschen. Und so retteten sie sich tatsächlich vor dem Zweitliga-Abstieg.

Trainer Oral hatte seit dem Rauswurf beim KSC 2016 keine Anstellung

Das soll Oral nun auch in Ingolstadt gelingen, wo er bereits 2012 im Tandem Tomas/Thomas den Klassenverbleib ermöglichte. "Wir glauben, dass wir mit der neuen Konstellation bessere Chancen haben", sagte Linke über Oral und seinen Assistenten Michael Henke, der einst jahrelang unter Ottmar Hitzfeld, aber auch beim FC Ingolstadt arbeitete. "Der Verein kann nichts mehr machen", sagte Kapitän Almog Cohen am Sonntag nach der bitteren Niederlage im Kellerduell gegen Sandhausen. "Sportdirektor, Harald (Gärtner, Geschäftsführer, Anm.), Trainer, alle weg. Wir Spieler haben die Schuld." Aber da hatte Cohen den Klub unterschätzt. Der erlebte einen sehr turbulenten Dienstag in einer ohnehin turbulenten Saison. Als Aufstiegskandidat war der FCI in die Saison gestartet, nun herrscht Existenzangst beim fünf Punkte vom Relegationsplatz entfernten Letzten. Bereits am Morgen teilte der Klub den Fans mit, dass sie zum Training später erscheinen sollten. Kurz darauf verschickte er die Mitteilung über die Keller-Trennung: "Die Entscheidung kommt für mich überraschend, schließlich wurde vor kurzem noch über eine Verlängerung gesprochen", sagte er. Ihm ist wohl zum Verhängnis geworden, dass er nach der fünften Niederlage in Serie Durchhalteparolen explizit vermeiden wollte. Nach Aufbruch klang er sieben Spiele vor Schluss nicht mehr. Linke fand: "Es fehlte uns an der Überzeugung, dass wir doch noch die Wende schaffen." Linke selbst wurde eine halbe Stunde nach der Keller-Nachricht in einer weiteren Mitteilung als sportlicher Verantwortlicher bis zum 30. Juni vorgestellt. Vorgänger Harald Gärtner und der Klub hatten sich am Donnerstag nach zwölf Jahren einvernehmlich getrennt. In diesem Krimi trägt Gärtner also keine Schuld, er weilte nicht mehr am Tatort.

Die vierte Mitteilung betraf kurz darauf die Anstellung Orals, der ebenfalls einen Vertrag bis zum 30. Juni erhält. Vor mehr als sieben Jahren, als sie beide mit deutlich weniger Barthaar beim FCI starteten, sagte Linke: "Wir ticken auf der gleichen Wellenlänge und ergänzen uns sehr gut. Er ist der forsche und ehrgeizige Typ, der gerne voranprescht. Ich bin eher der Ruhige, der ihn auch einmal einbremsen kann." Damals kamen der Forsche und der Bremser nach Anstellungen beim ebenfalls ambitionierten Fußball-Projekt Leipzig.

Ihre Zusammenarbeit zeigt, wie klein die Fußballwelt (zumindest in Ingolstadt) ist. In der bedrohlichen Situation vertraut der Vorstandsboss Peter Jackwerth auf Bekannte. Wie der Sänger einer in die Jahre gekommenen Rockband kämpft er darum, mit den alten Weggefährten noch einmal die ganz großen Hallen zu rocken. Er ignoriert dafür sogar sein Vorhaben, einen langfristigen Gärtner-Nachfolger in dieser Saison vorzustellen. Es ist allerdings einiges anders als 2011: Nun kommen die Mitstreiter aus dem Nichts, Oral war zuletzt arbeitslos, Linke nach seinem Rückzug als Sportdirektor 2017 seit einem halben Jahr wieder externer Berater des FCI-Aufsichtsrats, ohne öffentliche Präsenz. Am Sonntag schauten sich der Thomas und der Tomas gemeinsam das Spiel gegen Sandhausen im Sportpark an.

Oral hat in der Branche nach seinen geglückten Einsätzen zwar einen Ruf als Retter, doch seit dem Rausschmiss in Karlsruhe 2016 erinnerte sich die Branche trotzdem nicht an ihn. Damit ihm diese Mission nun nicht gleich zu Beginn entgleitet, muss Ingolstadt beim Vorletzten Duisburg am Samstag (13 Uhr) gewinnen. Sonst droht die Konkurrenz zu enteilen. "Wir wissen alle, dass das eine schwere Aufgabe ist", sagt Oral. "Wenn alle an einem Strang ziehen und das Eigene in den verbleibenden sieben Wochen hinten anstellen, haben wir eine realistische Chance."

"Es sollte sich mal jeder darüber klar werden, worum es hier geht, nämlich um den Verein und nicht um Einzelschicksale", hatte am Sonntag bereits der Mittelfeldspieler Robin Krauße gesagt. Das verriet viel über den Zusammenhalt in der sogenannten "Zamrückrunde", wie der Klub die Rückrunde getauft hat. Womöglich hilft jetzt nur noch ein Gang durch die Waschstraße.