Süddeutsche Zeitung

FC Ingolstadt:Die Rückkehr der Leichtigkeit

Vor den Relegationsspielen gegen Wiesbaden hat der Vorstandsvorsitzende des FC Ingolstadt Peter Jackwerth aufgehört, ans Verlieren zu denken - wegen Trainer Tomas Oral.

Nun sei der Patient auf der Normalstation, berichtet Peter Jackwerth am Telefon. Man hört ihn einmal durchatmen, bevor er zufrieden anfügt: "Wir warten auf die Entlassung." Vor sieben Wochen sah der Vorstandsvorsitzende des FC Ingolstadt 04 seinen Verein, der in diesem Fall der Patient ist, als abgeschlagenen Tabellenletzten im Leichenschauhaus der zweiten Bundesliga. Ein paar Tage darauf brachte ihn der aktuelle Trainer Tomas Oral mit dem Sieg in Duisburg wieder zurück auf die Intensivstation, so beschrieb Jackwerth es damals. Und so turbulent sich dieser Saisonverlauf anhört, war er auch: Zwei Relegationsspiele gegen den SV Wehen Wiesbaden am Freitag und am Dienstag (je 18.15 Uhr) klären nun, ob die Ingolstädter den späten Klassenverbleib noch schaffen. "Oder es geht wieder zurück", sagt Jackwerth etwas bedrückter. Ins Leichenschauhaus? "Ja, so ungefähr."

In den sieben Spielen mit Thomas Oral holte das Team 16 Punkte - zuvor waren es 19 in 27 Partien

Der 61-Jährige hat in dieser Saison vier Chef- und einen Interimstrainer erlebt. "Das ist jetzt aber egal", sagt er. "Wir haben zwei Spiele vor der Brust. Die wird ein Trainer machen und die gleiche Mannschaft." Er lacht, das hat vor allem mit der zurückgekehrten Leichtigkeit unter Oral zu tun. Der hat das Team im Gespann mit den Co-Trainern Michael Henke und Mark Fotheringham sowie dem Sportverantwortlichen Thomas Linke stabilisiert. Während die Ingolstädter zuvor ein aufs andere Mal Führungen noch abgaben und so schon erkämpfte Punkte noch verloren, ergreifen sie unter Oral ihre Chancen beherzt. "Er kann eine Mannschaft zusammenschweißen", sagt Jackwerth über die Trendwende unter Oral. "Eine Einheit waren sie schon zuvor. Jetzt sind sie eine zusammengeschweißte Einheit."

In den sieben Partien holte das Team 16 Punkte (zuvor 19 in 27 Partien), es verlor unter Oral nur das letzte Saisonspiel in Heidenheim. Mittlerweile hetzt der FCI wieder so seinem Gegner nach, wie vor drei Jahren in der Bundesliga, als man ihm den Zusatz "eklig" gab, diese Eigenschaft war durchaus anerkennend gemeint. Die meiste Zeit hat zwar nun der Gegner den Ball, doch die Tore schießt Ingolstadt. "Tomas Oral hat von Anfang an darauf geachtet, Fehler zu vermeiden", sagt Jackwerth. Es sei für die Mannschaft eine "Bewusstseinsöffnung" gewesen, auf Ergebnis zu spielen statt nach schönen Spielen zu verlieren. Ans Verlieren denkt Jackwerth ohnehin nicht mehr: "Wir können jeden schlagen in unserer Liga, dann denke ich, dass wir auch Wehen Wiesbaden schlagen können." Seit 2009 spielt der Gegner in der ein Jahr zuvor gegründeten eingleisigen dritten Spielklasse, er ist damit der Liga-Dino, führt auch die ewige Tabelle an und blickt auf eine starke Saison unter dem Trainer Rüdiger Rehm zurück. Von den zehn bisherigen Relegationsrunden gewann zudem siebenmal der Drittligist. Doch Oral sieht dieses Jahr eine neue Ausgangssituation: "Es ist nicht üblich, dass beide Teams einen positiven Lauf haben." Normalerweise reist ja ein geknickter Zweitligist an, doch nun sagt auch Jackwerth: "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir am 29. Mai noch in der Liga sind." Am 28. Mai findet das Rückspiel im Ingolstädter Sportpark statt.

Es sind ja wegweisende Partien, die auf den Verein zukommen und die eben auch zwei mögliche Zukünfte in sich bergen: Klappt es gegen Wehen nicht, könnte der ambitionierte Klub erstmals seit neun Jahren aus den ersten beiden Ligen verschwinden. Das ist auch der Grund, wieso die Ingolstädter bislang keinen Nachfolger für den Geschäftsführer Harald Gärtner, der sich im März einvernehmlich vom Verein trennte, präsentieren konnten. Ohne gesicherte Ligazugehörigkeit ergeben konkrete Verhandlungen wenig Sinn, auch wenn der FCI bisher mit mehreren Kandidaten Gespräche führte. Eines steht ohnehin fest: Der Sportverantwortliche Linke wird seine Arbeit wie vereinbart nach der Saison beenden und sich wieder zurückziehen, vielleicht bleibt er dem Klub als Berater des Aufsichtsrats erhalten.

Eigentlich sollte Trainer Oral nur bis Ende Juni bleiben. Das könnte sich nach der Relegation ändern

Trotzdem treibt der Klub die Planungen für 2019/20 voran, in welcher Liga er die Saison auch bestreiten wird. Aktuell trifft sich Jackwerth selbst mit Spielern. Denn trotz der unerwartet holprigen Saison drohen auch Abschiede von Stützen des Klubs: Thomas Pledl wechselt zu Fortuna Düsseldorf, auch Topscorer Sonny Kittel oder Zehn-Tore-Angreifer Darío Lezcano könnten den Verein verlassen.

Einen Sinneswandel deutet Jackwerth dagegen mit dem möglichen Verbleib des Trainers Oral an, dessen Vertrag bis Ende Juni gilt und der eigentlich nur bis dahin eingeplant war. "Wenn er die Relegation schafft, werden wir uns zusammensetzen. Dann ist es eine 50/50-Sache", sagt er, gibt jedoch zu bedenken, dass es bei einem Veto des neuen Sportchefs wohl keine Zukunft für Oral gäbe. Man merkt Jackwerth an, wie bemüht er darum ist, seinem Patienten nun endlich wieder die dringend benötigte Ruhe zu verschaffen.

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SZ vom 24.05.2019
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