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FC Ingolstadt:Anker am Arm

Zwei Spiele, vier Punkte: Mit Gebrüll und Esoterik hat Trainer Tomas Oral beim Zweitliga-Vorletzten vieles auf den Kopf gestellt.

"Was denn?", brüllte Tomas Oral seinem 20 Meter entfernten Gegner zu. Nach einer halben Stunde krachte es zwischen den Charaktertypen Oral vom FC Ingolstadt 04 und Tim Walter, Coach bei Holstein Kiel. Für Oral war das eine gute Nachricht: Er ist wieder in seinem Element. Knatsch kann er, auch wenn es hier nur um einen zwei Meter zu weit vorne ausgeführten Kieler Einwurf ging. Ein bisschen Emotion sei bei ihm halt immer dabei, sagte er später im Kabinentrakt. Der Fußball-Trainer, der mehr als zwei Jahre lang keine Mannschaft trainieren durfte, bestritt am Sonntag sein erstes Heimspiel für den FC Ingolstadt seit fast sechs Jahren. Er hat nun wieder eine Mission: den abgeschlagenen Tabellen-Vorletzten der zweiten Fußball-Bundesliga noch irgendwie zum Klassenverbleib führen. Es ist die letzte Chance in dieser Saison für seinen taumelnden Verein, aber vermutlich auch eine der letzten für Oral, den die Fußballbranche zuletzt vergaß.

"Der neue Trainer hat diese Aufgabe mit Begeisterung angenommen, und das vermittelt er uns", sagte Torwart Philipp Tschauner am Sonntag. Positiv sei auch, dass er "diese Aufgabe schon gemeistert hat" - 2012 rettete Oral Ingolstadt schon vor dem Abstieg, 2015 den FSV Frankfurt. Er geht den Job mehr an wie ein Psychologe, und weniger wie ein taktikgetriebener Trainerausbildungsabsolvent. Oral ist ja bekannt dafür, Dinge auf den Kopf zu stellen - und auch mit der Tabelle ist ihm das schon so ein bisschen gelungen. Der FCI steht nach dem 1:1 (1:0) gegen Kiel auf Rang zwei in der Oral-Tabelle. Nach dem Sieg beim Letzten Duisburg zum Einstand folgte nun der Charaktertest gegen den Sechsten. Und am Ende fand Oral zu Recht: "Mit ein bisschen Glück gewinnst du."

FC Ingolstadt 04 - Holstein Kiel

Entsetzt trotz Energie-Armband: Der Ingolstädter Sonny Kittel trauert einer vergebenen Torchance nach.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

In Frankfurt ließ der Coach seine Spieler durch eine Waschstraße laufen, in Ingolstadt unterließ er das zunächst, dagegen band er seinen Kickern weißes Tape ums Handgelenk, das ihnen Energie vermitteln soll. Er sieht im Armband einen "Anker, aus dem jeder Kraft holt". Der zweite Anker ist er selbst: Wie ein zwölfter Mann auf dem Platz bewegte er sich am Rasenrand. Das Spiel verfolgte er stehend, plappernd, klatschend, gestikulierend und schreiend, eine Jacke brauchte er lange nicht. Hauptsache, er rührte sich. Mal nervte ihn dann "Paulo!" Otavio, dann Kollege Walter, dann der Vierte Offizielle Nicolas Winter.

Auf dem Platz überraschte Oral mit einer wagemutigen Aufstellung. Statt zu viel Absicherung gegen die Kieler, baute der Trainer des Teams mit den zweitmeisten Gegentoren der Liga auf eine 4-4-2-Formation mit Mittelfeldraute. Sein Plan: den spielstarken Kielern mit eigener Offensivwucht begegnen.

Eine Hälfte lang ging das gut. Ingolstadt konterte mit Wucht - zu sehen etwa beim Führungstor: Nach einem langen Ball von Marcel Gaus spekulierte Stefan Kutschke gegen die Kieler Abwehr richtig, rannte mit dem Ball in den Strafraum und spielte quer zu Dario Lezcano, der den Ball zum 1:0 ins Tor drosch (16. Minute). Kutschke legte sein drittes Tor vor im zweiten Oral-Spiel, Lezcano traf zum dritten Mal und schoss später noch an den Pfosten (30.). Alleine rieb sich der Angreifer zuletzt auf, scheiterte oft kläglich, in Orals Zweier-Sturm entwickelt er plötzlich eine lange nicht gekannte Torgefahr. Und Kutschke, mit dem der Trainer schon vor neun Jahren bei RB Leipzig zusammengearbeitet hat, ist zur unverzichtbaren zweiten Sturmspitze geworden. Nach intensiven Gesprächen erkannte Oral im Training wieder "Glanz" in Kutschkes Augen.

Zum Abschluss Heidenheim - Das Restprogramm im Abstiegskampf

SV Sandhausen (15., 30 Punkte): Duisburg (A), Kiel (H), Heidenheim (A), Bielefeld (H), Regensburg (A).

1. FC Magdeburg (16., 27 Punkte): Regensburg (A), Fürth (H), Bochum (A), U. Berlin (A), Köln (H).

FC Ingolstadt (17., 23 Punkte): Bielefeld (A), Dresden (H), Hamburger SV (A), Darmstadt (H), Heidenheim (A).

MSV Duisburg (18., 23 Punkte): Sandhausen (H), Bielefeld (H), Kiel (A), Heidenheim (H), HSV (A)

Doch wie so oft in der Saison wurden die 15 Minuten Halbzeitpause zum Ingolstädter Wellenbrecher. Das Team des Taktiktrainers Walter übernahm die Spielgestaltung. Gerade der flinke Japaner Masaya Okugawa setzte sich ein ums andere Mal auf der rechten Seite durch. Aber anders als seine Flügelläufe erwies sich die lange Flanke von Arne Sicker in den Strafraum als effektiv, Mittelfeldspieler Atakan Karazor verlängerte sie mit einer Mischung aus Kopf- und Schulterball ins Tor (53.). "Wir haben in den letzten zwölf Monaten einiges zertrümmert", sagte Oral. "Die Chance, die wir jetzt noch bekommen, die müssen wir nutzen." Vier Punkte sind es nun auf den Relegationsplatz, den Magdeburg belegt. Der alte Retter Oral weiß: In den fünf verbleibenden Partien geht es auch für ihn persönlich darum, seine Chance als Trainer zu nutzen.