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FC Ingolstadt 04:Ein Einhorn sagt Servus

FC Ingolstadt 04 - RB Leipzig

Höhepunkt als Kapitän: Marvin Matip (mit der Meisterschale) feiert mit dem FC Ingolstadt den Zweitliga-Titel 2015 und den damit verbundenen Aufstieg..

(Foto: Armin Weigel/dpa)

In zehn Jahren beim FC Ingolstadt 04 hat Marvin Matip, 35, Aufstiege und Dramen mitgemacht. Nun geht er auf Weltreise.

Von Johannes Kirchmeier

Es geht in diesen Tagen vor allem darum, noch fix die Wohnung auszuräumen. In der kommenden Woche ist schon der Übergabetermin für Marvin Matip - und am 30. November wird er Ingolstadt erst einmal verlassen. Neun Jahre lebte der ehemalige Fußballer in der Unterkunft, zehn Jahre arbeitete er für den ansässigen Profiverein FC Ingolstadt 04, da schwingt jetzt schon etwas Wehmut mit, berichtet der 35-Jährige. Dieses komische Gefühl, das Abschiede eben so mit sich bringen. Andererseits wächst Matips Vorfreude auf die nächste Zeit gerade ebenfalls mächtig: Er erfüllt sich mit seiner Frau Elsie einen lange gehegten Traum, den sie nach seiner Karriere und noch ohne Kinder nun mal gut verwirklichen können - die beiden gehen ein halbes Jahr auf Weltreise.

Es gibt sicherlich Leichteres in der von einer Pandemie geprägten Zeit, als durch die Welt zu touren, doch die Matips haben vorgesorgt und sich zumindest für den ersten Monat einen groben Plan zurechtgelegt: Mit je fünf Stoff- und zehn FFP2-Masken fliegen sie nach Mexiko-Stadt. Für vier Tage haben sie dort eine Unterkunft, dann reisen sie durchs Land, in dem auch Bekannte wohnen. Später soll es nach Südamerika gehen. "Wir hoffen auf den Sommer auf der Südhalbkugel. Im Sommer hatte sich ja auch hier die Lage beruhigt", sagt Matip. Es ist nicht das allergewöhnlichste Kapitel nach einer Fußballerkarriere, das er da gerade aufschlägt. Aber eine heutzutage gewöhnliche Fußballerkarriere hatte Matip ja auch nicht unbedingt - zumindest nachdem er den Bundesligisten 1. FC Köln im Sommer 2010 gen Oberbayern verließ: "Die grundsätzliche Idee war damals am letzten Transfertag, dass ich für zehn Monate nach Ingolstadt wechsle, um wieder Bock auf Fußball zu bekommen."

Der sechs Jahre junge FCI befand sich gerade im Aufbau: Trainiert wurde im alten ESV-Stadion, wo die Duschen mal warmes Wasser für die Kicker übrig hatten - mal aber auch nicht. Kraftraum und Physiotherapie waren in Containern untergebracht; und der Sportpark - das heutige Stadion, neben dem mittlerweile eine der modernsten Trainingsanlagen des Landes gewachsen ist -, war gerade neu errichtet worden. "Und na ja, dann bin ich irgendwie kleben geblieben", sagt Matip über das, was folgte. Neun Jahre spielte er für den FC Ingolstadt, ein Jahr hängte er als Trainee dran, eher so "Einhorn-mäßig" sei das im Fußball, findet er selbst: "Aber so gab es die Möglichkeit, seinen Platz in den Geschichtsbüchern des Vereins einzunehmen. Ich glaube, dass mir das gelungen ist." Mit 278 Einsätzen ist Matip Rekordspieler des Klubs. Unter dem Trainer Ralph Hasenhüttl führte er ihn 2015 als Kapitän und Abwehrchef in die Bundesliga. "So einen verschworenen Haufen von Nummer eins bis 23 habe ich selten erlebt", erinnert sich der gebürtige Bochumer.

Zwei Spielzeiten waren seinen Ingolstädtern als krasse Außenseiter dort vergönnt, ehe nach diesem Hoch die zehrenden Jahre für Matip folgten: Zwei Jahre nach dem Abstieg in die zweite Liga folgte 2019 der Sturz in Liga drei und Matips Karriereende. Zuvor wurde er in einer Saison mit insgesamt fünf Trainern eine Zeit lang in die zweite Mannschaft degradiert - und auch mit den Fans gab es Knatsch: "Das gibt es in den besten Familien", sagt er und lacht. "Ich glaube, dass das alles in einer schwierigen Phase war." Nach einem Treffen war alles ausgeräumt - und Matip wurde gebührend verabschiedet. Und trotzdem blieb er erneut "kleben" und erlebte im vergangenen Sommer das nächste Ingolstädter Drama mit: bei der Relegation gegen Nürnberg, als der Wiederaufstieg in der letzten Minute der Nachspielzeit noch misslang.

Matip war nicht mehr in vorderster Front tätig, sondern als Trainee im Klub im Rahmen seines Sportbusiness-Management-Studiums; in einem Jahr will er es abgeschlossen haben. Im Anschluss könnte er sich, anders als viele ehemalige Fußballer, gut vorstellen, den Sport zu verlassen und in die freie Wirtschaft zu wechseln: "Im vergangenen Jahr habe ich die Vorteile von freien Wochenenden kennengelernt", sagt er. "Ich werde mich kreuz und quer bewerben und schaue, dass ich was finde, was mich wirklich ausfüllt."

Allzu viele Gedanken verschwendet er noch nicht an die Bachelorarbeit und das Berufsleben danach, es gilt ja nun, andere Länder zu erkunden. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der ehemalige Fußballer das Privileg, wie er sagt, sich einen derart langen Urlaub zu gönnen. Seine Frau nimmt sich ein Sabbatical. Ganz ohne Fußball wird ihr Trip aber wohl nicht verlaufen - zumindest wenn es in der Zeit einmal die Möglichkeit gibt, als Zuschauer ein Spiel zu besuchen. Am liebsten wäre dem früheren Verteidiger ein Derby in Buenos Aires oder Rio de Janeiro, aktuell spielen die Vereine aber auch dort vor leeren Rängen.

Natürlich wird Matip auf der Reise auch ein wenig das Schicksal seines ehemaligen Klubs verfolgen. Kann man nach zehn Jahren, nach all den Höhen und Tiefen, überhaupt noch mit einem anderen Verein mitfiebern? "Schwer", sagt Matip und überlegt kurz, ehe er anfügt: "Da mein Bruder Joel ja noch in Liverpool spielt, fiebere ich da natürlich weiter mit." Die Ingolstädter belegen aktuell wieder den Relegationsrang drei in der dritten Liga, verloren aber zuletzt 1:4 bei Waldhof Mannheim: "Es will halt nicht so richtig Konstanz reinkommen", sagt Matip, "aber ich glaube, das ist dieser Zeit geschuldet." Er ist aber immer noch sehr optimistisch, dass der FCI nach dem letzten Spieltag am 22. Mai 2021 wieder in die zweite Liga zurückkehren könnte. Es würde dann der erste Vereinsfeiertag seit Langem ohne Marvin Matip sein. Auch das wäre schlicht ungewöhnlich.

© SZ vom 19.11.2020

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