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FC Ingolstadt 04:Die prägende Figur plant um

FC Ingolstadt trennt sich von Aufstiegscoach Oral

"Es gibt eine hochinteressante zweite Liga - und da wollen wir hin", hatte Trainer Tomas Oral gesagt. Nun ist er nicht mehr dabei, wenn es hochinteressant wird.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

"Die Verantwortlichen haben ihre Vorstellungen, ich habe meine": Trainer Tomas Oral und der FC Ingolstadt 04 trennen sich drei Tage nach dem Zweitliga-Aufstieg - und einer der stärksten Spielzeiten in der kurzen Vereinsgeschichte. Der Klub will auch eine Etage höher den Weg der Nachwuchsförderung konsequent fortsetzen.

Von Johannes Kirchmeier

Als der Aufstieg am Sonntag geschafft war, schlug er sich erst einmal die Hände vors Gesicht an der Seitenlinie. Danach drehte er sich um, umarmte seine Kollegen aus dem Trainerteam, den Sportdirektor Michael Henke, ehe er seine Spieler beglückwünschte - aber auch die gegnerischen Fußballer vom VfL Osnabrück tröstete. Er wusste ja, was ihnen da gerade widerfahren war. Eine verlorene Relegation, das hatte Tomas Oral, 48, mit dem FC Ingolstadt 04 in den vergangenen beiden Jahren selbst erlebt. Im dritten Anlauf gewann er nun endlich, stieg mit seinem Team nach dem Abstieg 2019 wieder in Liga zwei auf. Ohne Filter, wie er das nun mal macht, beschrieb er beim übertragenden Sender Dazn die weitere Vorgehensweise: "Wir lassen einfach die Sau raus, wir wollen diesen Aufstieg genießen." Es wirkte auch so, als hätte er ein paar Tränen in den Augen gehabt in diesem Moment.

Das sind die vorerst letzten Bilder von Tomas Oral als FCI-Trainer. Am Mittwochnachmittag, nicht einmal 72 Stunden nach dem Beginn der Sause, gab der Verein das Ende der Zusammenarbeit mit dem Vertragsende Orals am 30. Juni bekannt. "Einvernehmlich", wie der FCI betonte.

Zu Wochenbeginn traf sich Oral wie vereinbart mit der Klubführung, arbeitete die Saison auf und besprach eine mögliche Fortführung seiner Arbeit. Doch danach erklärte der gebürtige Ochsenfurter: "Wir haben Geschichte geschrieben und einen Riesenspirit in den vergangenen knapp eineinhalb Jahren entwickelt. Aber es hat mich auch viel Energie und Kraft gekostet, so dass meine Vorstellungen und Planungen für die Zukunft nun andere sind. Die Verantwortlichen haben ihre Vorstellungen, ich habe meine."

Gut möglich, dass Oral sich für die herausforderndere Liga etwas mehr Verstärkung von außen erhofft hat, als der FCI plant. Der Klub will den in der dritten Liga begonnen Weg mit vermehrten Einsatzzeiten für Spieler aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum weitergehen. Der Relegationstorschütze Filip Bilbija, 21, oder Merlin Röhl, 18, spielten sich unter Oral in den Vordergrund, bei anderen Talenten fiel die Anpassung schwerer. In entscheidenden Partien verzichtete der Coach auf sie.

Der Abschied kommt überraschend - es wirkte vor wenigen Tagen nicht so, als ob Oral seinen Weggang plante

Aber Oral hat den Verein - und das dürfte noch über der Entwicklung der jungen Spieler stehen - in die zweite Bundesliga zurückgeführt. Dorthin also, wo der FCI seinem eigenen Selbstverständnis nach hingehört. Und wo es künftig auch wieder deutlich höhere TV-Gelder gibt. Nicht nur deshalb kommt es überraschend, dass Oral nun geht: "Es gibt eine hochinteressante zweite Liga - und da wollen wir hin", hatte er vor wenigen Tagen noch gesagt. Das wirkte nicht so, als wolle er sich verabschieden.

Bei 17-jähriger Existenz liegt es vielleicht nicht unbedingt nahe, von einer Vereinsgeschichte zu schreiben, die der FCI hinter sich hat. Aber in dem Geschichterl des Vereins ist Tomas Oral schon eine prägende Figur. Er verabschiedet sich bereits zum dritten Mal: Von 2011 bis 2013 arbeitete er in Liga zwei, 2019 erreichte er in den sieben starken Spielen als Feuerwehrmann noch die Zweitliga-Relegation, ehe das Team doch abstieg. Henke verwies nun auf eine der besten Spielzeiten der Klubgeschichte, die Oral zuletzt anleitete. Länger am Stück als Oral jüngst trainierte zuletzt Ralph Hasenhüttl den FCI bis ins Jahr 2016, danach lag der Klub bei seiner Trainerauswahl meist daneben.

Einen Vorwurf wurde Oral nicht los: dass er den Spielstil - lange Bälle auf den wuchtigen Mittelstürmer Stefan Kutschke, der sie ablegte, oder auf dessen flinke Nebenmänner, die sie als Steilpässe in den Strafraum für Torchancen nutzten - nie richtig weiterentwickeln konnte. Offenbar trauen ihm das die Verantwortlichen auch weiterhin nicht zu. "Wir wollen neue Ideen reinbringen", sagte Ingolstadts Geschäftsführer Manuel Sternisa dem Bayerischen Rundfunk.

Sportdirektor Michael Henke will sich "in Ruhe mit der Besetzung der Trainerposition befassen"

Bleibt nur die Frage: Müsste er den Stil, der ja immerhin zum Aufstieg geführt hat, gerade wirklich weiterentwickeln? Schließlich könnte dieser dem Team in Liga zwei, wenn es öfters als Außenseiter auftritt, sogar noch mehr entgegenkommen. Der Nachfolger, der die Ideen reinbringen soll, steht jedenfalls noch nicht fest. "Die Pause hat eben erst begonnen", sagt Henke, "sodass wir uns in Ruhe mit der Besetzung der Trainerposition befassen können." In etwa drei Wochen sollen die Spieler beim FCI wieder zusammenkommen, bis dahin muss der Coach dann feststehen. Die Augsburger Allgemeine schrieb zuletzt vom "Kandidaten" Uwe Neuhaus, der bis März den Bundesligisten Bielefeld anleitete.

Zwei mahnende Beispiele ignorierte Ingolstadt dabei offenkundig: die letztjährigen Zweitliga-Neulinge Eintracht Braunschweig und Würzburger Kickers, die ohne ihre Aufstiegstrainer gleich wieder abstiegen. Andererseits hätten die Oberbayern, wenn sie ins Schlingern gerieten, immer noch einen erprobten Feuerwehrmann in der Hinterhand. Sie haben da ja in den vergangenen Jahren diesen Trainer kennengelernt, der nun erst einmal unbeschäftigt ist und der Mannschaften motivieren kann wie nur wenige andere auf den letzten Metern einer Saison: Tomas Oral.

© SZ/lein/sewi
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