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FC Ingolstadt 04:Das Lehrerzimmer geflutet

FC Ingolstadt 04 - VfL Osnabrück

Drei Protagonisten der drei Relegationen: Robin Krauß, Stefan Kutschke und Fatih Kaya (v.l.).

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Nach dem 3:0 im Relegations-Hinspiel gegen Osnabrück ist der FC Ingolstadt bereits dem Aufstieg in die zweite Fußball-Bundesliga nahe. Nach einem Abend, an dem sich einstige Enttäuschte als Gewinner präsentierten.

Von Johannes Kirchmeier, Ingolstadt

Robin Krauße hob seinen Zeigefinger, er diskutierte, er schimpfte, er zeterte richtig. Erst mit einem Linienrichter, dann eilte er seinem Kapitän Stefan Kutschke zu Hilfe und stellte sich den ebenfalls zeternden Nürnberger Fußballern entgegen. Im Wissen um die Ereignisse des vergangenen Donnerstagabends lohnt es sich, noch einmal auf diese älteren Bilder zurückzublicken. Sie stammen vom 11. Juli 2020, in Krauße arbeitete es gerade heftig, das muss man zu seiner Entschuldigung anführen, eigentlich ist er ja ein ruhiger Kerl. Nur war das der Tag, an dem er die bitterste Niederlage seiner Profikarriere erlebte - und sein Klub, der FC Ingolstadt 04, die bitterste in seiner damals 16-jährigen Vereinsgeschichte.

Eine halbe Stunde vor dem Gezeter hatte Krauße noch das 3:0 geköpft, das den Aufstieg in Liga zwei in der Relegation bedeutet hätte. Doch in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, der defensive Mittelfeldspieler war schon ausgewechselt, erzielte Fabian Schleusener den entscheidenden Treffer zum 1:3 (0:0) für den 1. FC Nürnberg, der seinem Team zum Klassenverbleib reichte. Es folgte: Ekstase im mittelfränkischen Lager, Frust im oberbayerischen.

Am Donnerstagabend war dann ein anderer Krauße zu sehen. Einer, der sich freute, der jubelte und der Kutschke nach dem Tor zum 2:0 zugrinste wie der Abiturient, der beim Abi-Streich gleich den Wasserhahn aufdreht, um das Lehrerzimmer zu fluten. Es sah so aus, als hätte sich all das gelöst, was da vor einem Jahr so sehr in ihm arbeitete. Sein FC Ingolstadt hat nach einer überzeugenden Leistung 3:0 (2:0) gegen den VfL Osnabrück gewonnen, es ist der höchste Hinspielsieg seit der Wiedereinführung der Zweitliga-Relegation 2009. Zwei Jahre nach dem Abstieg sind die Oberbayern schon vor dem Rückspiel am Sonntag (13.30 Uhr) der Rückkehr in die zweite Fußball-Bundesliga nahe.

Zwischenzeitlich spielte Krauße mit Turban, die blutende Wunde darunter hatte er selbst nicht bemerkt

Robin Krauße hat großen Anteil daran. "Als elf Freunde auf dem Platz" sei seine Mannschaft aufgetreten, sagte er: "Wir haben als Team überragend verteidigt und waren nach vorne mutig." Er sprach dabei über genau die Dinge, die ihn selbst als Sechser auszeichnen. Vielleicht ist er also ein wenig der Prototyp eines Fußballers, den es in diesen Relegationsspielen braucht: ein unbändiger Zweikämpfer, der mit seiner Kampfeslust andere anstecken, aber auch selbst große Momente entwerfen kann. Und der nicht aufgibt: Zwischenzeitlich spielte er mit Turban, weil er neben seinem linken Auge heftig blutete. In der Halbzeit wurde die Wunde genäht. Krauße selbst hatte sie nicht bemerkt, er wurde vom Schiedsrichter Sascha Stegemann darauf hingewiesen.

Auch diesmal war der 27-Jährige an einem Tor beteiligt, er verlängerte die erste Ecke von Marc Stendera auf Tobias Schröck, der den Ball ins Tor grätschte (2. Minute). Es war die so wichtige Führung, auch Schröck traf schon 2020 gegen Nürnberg per Kopf. Krauße ist ja nur der Bassist dieser Band, die seit zwei Jahren durch die Lande zieht und nach enttäuschenden Gigs endlich wieder durchstartet. Mit dabei sind auch Frontmann Kutschke, Paulsen an den Pauken, Schlagzeuger Schröck, Gitarrist Gaus, Keyboarder Kaya. Und natürlich ihr Coach Tomas Oral.

Alle waren sie schon bei der verlorenen Relegation 2019 gegen den SV Wehen Wiesbaden dabei. Gemeinsam wollen sie nun den Makel des Abstiegs endlich tilgen und als Gewinner in die Liga zurückkehren, in der sie mit Ingolstadt anfingen. Neben Schröck trafen Fatih Kaya nach einer blitzsauberen Kombination (35.) und der eingewechselte Dennis Eckert Ayensa per Außenrist-Lupfer (81.). Orals Team bestimmte die Partie, führte wichtige Statistiken an: 6:1 Torschüsse, 114:110 Kilometer Laufstrecke, 204:172 Sprints. Der VfL hatte dagegen 60 Prozent Ballbesitz, er wusste jedoch außer ein paar missglückten Weitschüssen nichts damit anzufangen.

Am Donnerstag waren daher schon die Worte, "dritte Liga - nie mehr", zu vernehmen im Sportpark. Von Fans, nicht von Spielern: "Wir wissen am Besten, dass nach einem Hinspiel noch nichts passiert ist", sagte Krauße, so, als ob er sich die Bilder des Vorjahres eigens als Euphoriebremse ins Gedächtnis rief. "Das Wichtigste ist, dass wir auch im Rückspiel so reingehen, wie wir es heute getan haben." Demütig bleiben will auch Oral - "im Moment ist Osnabrück noch Zweitligist".

Sollte sich Letzteres am Sonntag ändern, dürfte er vermutlich auch noch einmal das Gespräch mit Robin Krauße suchen. Nach drei Spielzeiten läuft dessen Vertrag in Ingolstadt in einem Monat aus. Und nach den Bildern, die die vergangenen Zweitliga-Relegationsabende erschaffen haben, wäre es wohl keine allzu schlechte Nachricht für Oral, Krauße weiter in seiner Mannschaft zu wissen.

© SZ/pps
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