Frank Lampard beim FC Chelsea:Trauriges Comeback des gefeierten Vereinshelden

Frank Lampard beim FC Chelsea: Ein Trainer, der keinen Spieler in die Pfanne haut, obwohl jedes Spiel verloren geht: Frank Lampard, bis Saisonende engagierter Übergangscoach des FC Chelsea.

Ein Trainer, der keinen Spieler in die Pfanne haut, obwohl jedes Spiel verloren geht: Frank Lampard, bis Saisonende engagierter Übergangscoach des FC Chelsea.

(Foto: Matthew Childs/Action Images/Reuters)

Beim schwer kriselnden FC Chelsea endet die erfolgreichste Ära, die auch Frank Lampard als Führungsspieler geprägt hatte. Bei seinem zweiten Engagement als Trainer muss er nun viel Hohn ertragen.

Von Sven Haist, London

Unmittelbar nach Spielende lief Frank Lampard zügigen Schrittes zu den eigenen Fans. Der Interimstrainer des FC Chelsea musste auch sehr schnell sein, weil die meisten Anhänger das demütigende 1:3 (0:3) beim Londoner Stadtrivalen FC Arsenal am Dienstagabend nicht länger hatten ansehen wollen und vorzeitig das Stadion verlassen hatten. Als Lampard vor dem ausgedünnten Chelsea-Fanblock eintraf, bedankte er sich für die Unterstützung und bat um Nachsicht für die enttäuschende Leistung. Vor allem betonte er den Bund mit den Fans, die ihm seit seinem Wechsel als Spieler zu Chelsea - 2001 für 16 Millionen Euro von West Ham United - immerzu die Treue gehalten haben.

Der Publikumsliebling Lampard, der als Rekordschütze des Vereins einst 211 Tore in 648 Pflichtspielen erzielt hatte, streckte den Anhängern symbolisch beide Fäuste entgegen. Zurück kam wohlwollender Applaus, mit dem die Leute signalisierten, dass sie Lampards Verdienste um Chelsea in Erinnerung behalten haben - und dass sie sich auch deshalb wohl nicht von ihm abwenden werden. Trotz des Misserfolgs in der Gegenwart.

Dieser Rückhalt hilft dem erfolgsverwöhnten Lampard, 44, der zu seiner Spielerzeit mit Chelsea alle relevanten Titel gewonnen hatte, nun damit umzugehen, dass er in fünf Jahren als Trainer bisher noch nicht viel gewonnen hat - und momentan nicht mal ein Spiel gewinnt. Alle sechs Chelsea-Matches seit seiner bis Saisonende befristeten Rückkehr als Chefcoach gingen bislang verloren, darunter die beiden Champions-League-Viertelfinals gegen Real Madrid. In der Liga ist der stolze Klub auf den zwölften Tabellenplatz abgerutscht. Zuvor hatte es für Lampard in seiner Zeit als Trainer des FC Everton 24 Niederlagen in 44 Spielen gegeben. Weil er auch dort vor seiner Entlassung im Januar die letzten vier Partien verlor, weist seine persönliche Statistik nun zehn Pleiten in Serie auf. Eine solche Durststrecke hatte unter allen Erstligatrainern Englands zuletzt Arthur Cox bei Derby County zu verantworten - 1988.

Der von sich selbst überzeugte Lampard sieht sich deshalb im durchaus schadenfrohen England derzeit zahlreichen medialen Witzeleien ausgesetzt. Er wird nicht nur als "schlechtester Trainer in der Geschichte der Premier League" klassifiziert. Sondern ihm wird auch sehr unverhohlen nahegelegt, lieber in die TV-Expertenriege zu wechseln - zu seinen ehemaligen Spielerkollegen, die sich zuvor ebenfalls als Trainer versucht hatten. Sein früherer Gegen- und späterer Mitspieler Cesc Fabregas sagte kürzlich, Lampards Mannschaft agiere, als wären "elf Oliven (aus dem Einwegglas) auf dem Tisch" ausgeschüttet worden. Das Massenblatt The Sun titelte in einem Wortspiel mit dem Arsenal-Ergebnis: "Frank's in 3 Fall" - Lampard im freien Fall! Die Häme hängt auch damit zusammen, dass viele Fußballfans rivalisierender Vereine Lampard nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Denn sie hatten unter dem einst mit Chelsea dauersiegenden Lampard sportlich sehr zu leiden.

Trotz der Niederlagenserie erträgt Lampard die teils geschmacklose Kritik an seiner Person mit erstaunlicher Würde. Er zieht sich weder zurück, noch versucht er, sich zu rechtfertigen oder gar zurückzuschlagen. Stattdessen analysiert er die Leistungen seiner Mannschaft sachlich und ruhig, benennt Fehler und Gründe, ohne auf einzelne Spieler einzugehen und sie bloßzustellen. Dabei helfen ihm seine gesammelten Erfahrungen als Führungsspieler.

Bei seiner Zusage hoffte Lampard, dass sich Henkelpott-Geschichte wiederholen ließe

Mit seiner Eloquenz vertritt Lampard den kriselnden Klub derzeit weitaus ehrenwerter und stringenter als die Chefetage um die diffus auftretenden Klubbosse Todd Boehly und Behdad Eghbali. Durch sein Ansehen ist der Übergangstrainer gerade quasi die einzige Schnittmenge, auf die sich alle Interessensgruppen im gespaltenen Chelsea FC verständigen können. Vermutlich wäre die Stimmung im Verein angesichts der beispiellosen sportlichen Misere schon kaum mehr einzufangen, wenn Lampard mit seiner Autorität nicht beschwichtigen würde.

Frank Lampard beim FC Chelsea: Gilt als Gesicht des Misserfolgs: Seit Todd Boehly den FC Chelsea übernommen hat, funktioniert wenig beim stolzen Londoner Klub.

Gilt als Gesicht des Misserfolgs: Seit Todd Boehly den FC Chelsea übernommen hat, funktioniert wenig beim stolzen Londoner Klub.

(Foto: Bradley Collyer/AP)

Sein einziges Manko: Wenn er als Trainer nur fachlich ähnlich gut wäre, wie sich das in den Pressegesprächen bisweilen anhört ... In allen bisherigen Spielen setzte Lampard den Trend seines erfolglosen Vorgängers Graham Potter fort, indem er die ohnehin überfordert und ausgelaugt wirkende Mannschaft mit weiteren Formations- und Personalwechseln überfrachtete und verunsicherte. Zuletzt berief er sogar überraschend den ausgemusterten Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang gegen dessen Ex-Klub Arsenal in die Startelf - erstmals seit dem Hinrundenduell mit Arsenal. Zur Halbzeit wechselte Lampard Aubameyang wieder aus und ersetzte ihn durch DFB-Nationalspieler Kai Havertz.

Bei der Zusage für ein zweites Trainer-Engagement bei seinem Herzensverein ließ sich Lampard insbesondere von der Qualität der einzelnen Spieler leiten - und von dem unrealistischen Gedanken, die in der Premier League längst misslungene Saison mit dem Henkelpott in der Champions League retten zu können. Das hatte Lampard als Spieler selbst miterlebt, als der Italiener Roberto Di Matteo im März 2012 bei Chelsea für den entlassenen André Villas-Boas übernahm - und kurz darauf mit einem Team, das in der Liga durchhing, erstmals die Königsklasse gewann. Fast identisch verhielt es sich mit Thomas Tuchel, der im Januar 2021 Lampard nach anderthalb Jahren auf dem Trainerposten ersetzte - und ebenfalls noch in der gleichen Saison den wichtigsten Vereinswettbewerb Europas gewann. Doch die aktuelle Chelsea-Mannschaft ist mit den erfolgreichen Vorgängermodellen nicht vergleichbar - weil es dem Kader, und darin liegt die bittere Ironie für Lampard, genau an solchen Leadern fehlt, wie er selbst auf dem Platz einer war.

So bringt Lampard nun in gewisser Weise jene zwei Jahrzehnte andauernde Ära zu Ende, die von ihm als Spieler (und Trainer) geprägt und von Vor-Eigentümer Roman Abramowitsch finanziert worden war. Das ist schön und traurig zugleich. Was überwiegt? Die Fans haben nicht vergessen, dass jene Zeit die bisher erfolgreichste in der mehr als 100-jährigen Vereinsgeschichte war. Und welche Rolle Lampard dabei spielte.

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