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FC Bayern:Eiskalt gegen würdevoll kämpfende Berliner

1. FC Union Berlin - FC Bayern München

Robert Lewandowski jubelt nach seinem Tor zum 0:1 mit Serge Gnabry (l).

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Per Elfmeter, per Kopf und ohne wirkliche Probleme: Der FC Bayern gewinnt mit 2:0 an der verwaisten Alten Försterei und bleibt Tabellenführer vor Borussia Dortmund.

Stadien haben Seelen. Und man tut niemandem Unrecht, wenn man festhält, dass es nur wenige Gemäuer in der Fußballbundesliga gibt, die so viel Seele, so viel Emotion, so viel Ausdruck besitzen wie das Stadion An der Alten Försterei in Berlin. Man muss, um das zu belegen, nicht einmal vor Jahresfrist zugegen gewesen sei, als der 1. FC Union erstmals in seiner Geschichte in die erste Liga aufstieg; als das Stadion einen Vollrausch erlebte. Am Sonntag war alles anders. War das Stadion, wie es der gültige Kanon des Spielbetriebs verlangt: leer. War, anders gesagt, dort bloß noch "das Skelett einer Menschenmenge", wie der verstorbene uruguayische Schriftsteller Mario Benedetti einmal eine Arena ohne Zuschauer definierte.

Es wird sich darüber streiten lassen, ob die Leere einen Einfluss darauf hatte, dass der 1. FC Union sein erstes Pflichtheimspiel überhaupt gegen den FC Bayern mit 0:2 verlor -, durch einen von Robert Lewandowski verwandelten Foulelfmeter (40.) und einen Kopfballtreffer von Benjamin Pavard nach Ecke von Joshua Kimmich (80.). Der FC Bayern festigte seinen Vorsprung an der Tabellenspitze mit vier Punkten auf Borussia Dortmund. Und der weitgereiste Thomas Müller referierte später über eine neue Grenzerfahrung: "Natürlich hat das ein bisschen was von Alte Herren, 19 Uhr, Flutlicht-Atmosphäre. Aber sobald der Ball rollt, ist der Fokus da. Vielleicht war das heute ein kleiner Vorteil für uns, weil die Stimmung hier schon das Zünglein an der Waage sein kann."

Die Unioner gingen nicht nur wegen der fehlenden Zuschauer gehandicapt in die Partie. Zu Beginn der Woche hatte ihr Coach Urs Fischer das Trainingslager im 300 Kilometer entfernten Barsinghausen verlassen müssen; wegen eines Trauerfalls in der Familie blieb er der Partie letztlich fern. Er wurde von seinem Assistenten Marcus Hoffmann vertreten. Und doch war kaum ein Indiz der Verunsicherung zu erkennen, als die letzten Takte der Vereinshymne verklungen waren. Die Unioner legten, als sie aus den Katakomben kamen, nicht bloß ihre Gesichtsmaske ab. Sie steckten sich in altbewährter Manier ein imaginäres Messer zwischen die Zähne. Und bereiteten den Bayern aus einer soliden Ordnung heraus das ein oder andere Problem.

Es war kein Zufall, dass die Berliner zu den ersten Chancen der Partie kamen. Zu guten Chancen. Doch just, als sie die Bayern-Stars anonymisiert hatten und sich die Frage aufdrängte, wo die alle waren: die Müllers, die Lewandowskis, die Gnabrys, erinnerten die Münchner daran, dass nichts sie so sehr auszeichnet wie ihre Unerbittlichkeit. Im Anschluss an eine Ecke wurde ein Abstaubertor von Thomas Müller auf Geheiß des Videoschiedsrichters zunächst annulliert (18.). Kurz danach hatte Unions Torwart Rafal Gikiewicz Glück, dass Robert Lewandowski falsch stand, als er im Fünfmeterraum eine Hereingabe von Alphonso Davies nicht unter Kontrolle bekam (22.). Beim folgenden Duell mit seinem polnischen Landsmann aber hatte Gikiewicz das Nachsehen.

Es fand vom Elfmeterpunkt statt und war einem Unfall geschuldet. Union-Verteidiger Neven Subotic übersah bei einem Befreiungsschlag, dass sich Leon Goretzka in seinem Rücken heranschlich; weil er ihn umtrat, zeigte Referee Bastian Dankert auf den Elfmeterpunkt. Lewandowski verwandelte - und erzielte damit sein 26. Saisontor. Oder das erste seit dem 26. Februar und der folgenden Konvaleszenz wegen eines Anbruchs der Schienbeinkante.

Es war ein Treffer, der die Bayern merklich entspannte. Doch es bedurfte der Halbzeitpause, um das Repertoire des Rekordmeisters um die Aggressivität zu erweitern, die an der Alten Försterei gefordert ist, ob mit oder ohne Publikum. Ein abgefälschter Schuss von Leon Goretzka ging knapp am Tor vorbei (49.), ebenso ein Kopfball von Pavard nach einer Ecke (55.).

Unions Trainer Hoffmann versuchte zur 70. Minute, seiner würdevoll kämpfenden, aber zunehmend zermürbten Mannschaft mit Christian Gentner (für Robert Andrich) und Sebastian Andersson (für Ujah) eine zweite Luft zu verschaffen; Bayern-Coach Hansi Flick konterte mit Kingsley Coman für Goretzka. Es war dann eine Ecke, die das Spiel entschied - Pavard holte sie selbst heraus und verwandelte mustergültig per Kopf. Obendrauf gab es noch eine statistische Kleinigkeit zu feiern: Unter Hansi Flick war es schon das 50. Tor der Bayern, als Cheftrainer stand er zum 16. Mal an der Außenlinie. Der Schnitt von 3,1 Treffern pro Spiel ist aktuell der beste aller Trainer in der Bundesliga-Historie.

Nächste Gelegenheit, diesen zu erweitern: Samstag, 18.30 Uhr, daheim gegen Frankfurt. Es blieb also bei der 0:2-Niederlage, die für die Unioner bedeutete, dass sie nur noch sieben Punkte vor dem Relegationsplatz stehen. Und die auch vor dem Hintergrund des innerstädtischen Bundesligaduells schmerzhaft war. Sie stehen nun erstmals seit Herbst hinter dem Lokalrivalen Hertha BSC, den sie am kommenden Freitag im Berliner Olympiastadion besuchen müssen. Und der hat seit dem 0:1 vom zehnten Spieltag in der Alten Försterei noch so einiges gutzumachen.

© SZ vom 18.05.2020/schm

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