Thiago und Coman Zwei Zutaten, die Bayern Hoffnung geben

Thiago (links) und Kingsley Coman bejubeln das dritte Münchner Tor, das letztendlich den Gruppensieg bedeutete.

(Foto: John Thys/AFP)
  • Die Bayern erholen sich allmählich von ihrer Krise.
  • Noch immer hat das Team von Trainer Niko Kovac allerdings mit Selbstzweifeln zu kämpfen.
  • Die zuletzt vermissten Thiago und Kingsley Coman präsentieren präzise Antworten auf dem Platz.
Von Philipp Selldorf, Amsterdam

Was für ein listiger Mann Robert Lewandowski ist, das lässt sich auch an der Abwehrarbeit erkennen, die er in der vordersten Linie für seine Mannschaft leistet. Die zeitgemäße Lehre schreibt bekanntlich vor, dass ein Angreifer der erste Abwehrspieler zu sein hat, auch Lewandowski hat offensichtlich Kenntnis von dem Dogma, was allerdings nicht heißt, dass er es bei jeder Gelegenheit für geboten hält.

Am Mittwochabend beim Treffen des FC Bayern mit Ajax Amsterdam im Johan-Cruyff-Stadion bestand eine der Attraktionen zunächst darin, Lewandowski beim Vortäuschen von Defensivbemühungen zuzusehen: Wie er den Anschein erweckte, gegnerische Passwege zu blockieren oder Gegner anzulaufen, und wie er dabei nicht mehr Energie aufwendete als jemand, der seinen alten Dackel ausführt, das war wirklich sehr amüsant anzuschauen.

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Der ökonomische Einsatz des Mittelstürmers reihte sich in das Bild zweier Parteien ein, die das Spiel nicht ohne Engagement und trotzdem eher wie eine Nebensache als wie ein Finale um den Gruppensieg angingen. Nach der Führung durch Lewandowski (13.) begnügten sich die Bayern gegen ein arg verspieltes Ajax damit, auf den endgültigen Konter zu warten, und so entstand der Verdacht, das Vorprogramm sei mal wieder der aufregendste Teil des Abends gewesen (unter anderem gehörte dazu eine Blaskapellenhymne, die so klang, als hätten die Musiker psychedelische Pilze gegessen).

Die Bayern kämpfen immer noch mit inneren Gegensätzen

Bis die Partie in der zweiten Halbzeit explodierte und zur Freude des Publikums eine inflationäre Menge an Unterhaltungselementen ausschüttete - fünf weitere Tore, zwei Platzverweise, zwei Elfmeter, alles gerecht aufgeteilt, sodass Karl-Heinz Rummenigge in seiner Bankettrede ein weises Urteil fällte: "Es ist korrekt, dass wir keinen Verlierer gesehen haben."

Unentschieden, das war in jeder Hinsicht die Bilanz, mit der die Bayern nach Hause fuhren. Fest stand lediglich, zumindest für ihn selbst, dass Robert Lewandowski als Held des Abends davonging. Weniger wegen seiner Abwehrarbeit als wegen der beiden Tore, die ihn mit acht Treffern zum Schützenkönig der Champions-League-Vorrunde machten, vor einem gewissen Lionel Messi (sechs Tore). Das mache ihn stolz, erklärte Lewandowski, und das war gewiss keine Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Andererseits hatte auch Lewandowski durch seine nicht nur beim Vorneverteidigen trägen Momente Anteil daran, dass Hasan Salihamidzic die Gelegenheit wahrnehmen durfte, das Rollenprofil als Sportdirektor zu schärfen. Nachdem Niko Kovac von einem "absolut guten Fußballspiel" auf beiderseits hohem Niveau geschwärmt und lächelnd das Haus verlassen hatte, trat Salihamidzic im alten Matthias-Sammer-Gewand des Mahners und Warners in Erscheinung. Er habe das Bayern-Spiel "nicht gut gesehen". Und während der Trainer den ersten Platz als Erfolgsmeldung feierte ("Wir haben unser Ziel erreicht"), teilte der Sportbeauftragte betont streng mit: "Gruppensieger - aber wir wissen, dass es besser geht." Recht hatten irgendwie beide.

"Heute - das ist ein sehr gutes Spiel zum Analysieren", deutete Lewandowski elegant den Zwiespalt an. Auf der Tribüne dürfte der Vorstandschef Rummenigge seine Ansprache fürs Mitternachtsmahl mehrmals umgeschrieben haben, von der Lobeshymne zur Brandrede und zurück und abermals aufs Neue, als Nicolás Tagliafico den Ausgleich erzielte.