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FC Bayern:Nix fix mit Thiago

Geht Thiago im Sommer, oder bleibt er doch?

(Foto: AFP)

Trotz all des Lobes von Trainer Hansi Flick sieht es plötzlich so aus, als verlasse der spanische Mittelfeldspieler den FC Bayern im Sommer.

Es gibt über Thiago Alcántara do Nascimento diese Videos, die als Best-of-Zusammenschnitte im Internet Begeisterung auslösen. Zu sehen sind Übersteiger, No-Look-Pässe, Streicheleinheiten am Ball im Höchsttempo, Jongliereinlagen über entnervt abdrehende Gegenspieler hinweg, Seitfallzieher und Tore, Tore, Tore. Die Clips aus seinen sieben Jahren beim FC Bayern sind eine Freude für Ästheten, die sich für die technisch hochwertigen Elemente des Fußballs begeistern. Und es gibt auch in München kaum jemanden, der Thiago, 29, nicht als herausragenden Stilisten bezeichnen würde.

Als "Ausnahmekönner" hat Hansi Flick seinen Mittelfeldspieler erst in der vergangenen Woche zum wiederholten Male geadelt: "Er ist einfach ein exzellenter Fußballspieler, der jeder Mannschaft ein tolles Spielniveau gibt und Spielintelligenz einbringt." Dass der Trainer sich Thiagos Verbleib und zudem dessen Vertragsverlängerung über 2021 hinaus wünscht, hätte Flick nicht hinzufügen müssen. Doch es galt wohl, eine Botschaft an Thiago öffentlich zu platzieren, weil dieser seit einem Vierteljahr mit seiner Unterschrift unter das ausgehandelte Arbeitspapier zögert. Laut Bild aber könnten die Zeichen vor dem letzten Ligaspiel in Wolfsburg auf Trennung im Sommer stehen. Thiago soll das bereits in der Kabine angekündigt haben, da es ihn in die Heimat Spanien oder nach England zieht, wo Jürgen Klopps FC Liverpool als interessiert gilt.

Für circa 25 Millionen Euro kam Thiago 2013 vom FC Barcelona

Es wäre auch deshalb eine überraschende Wende, weil Thiago zuletzt gesagt hatte, Bayern wäre "ein wunderbarer Klub, um eine Karriere zu beenden". Und ebenso, weil der Hochbegabte unter Flick jenes Versprechen zu erfüllen schien, als das er seit seinem Wechsel 2013 aus Barcelona galt. Der damalige Bayern-Coach Pep Guardiola hatte sich mit seinem legendären "Thiago oder nix" vehement für ihn eingesetzt. Geprägt war Thiagos Zeit bei Bayern aber überwiegend davon, dass er seine Fähigkeiten nur gelegentlich so gewinnbringend einsetzte wie vor einem Jahr, als er mit seinen circensischen Einlagen beim 3:0 im Berliner Pokalfinale gegen RB Leipzig der Spieler war, dem der größte Beifall galt.

Oft aber stand sein Wirken in den Augen der Kritik unter dem Motto: Kunst oder nix. Und Tore, Tore, Tore, wie die Best-of-Clips suggerieren, waren auch in dieser Saison nur wenige zu bestaunen: Auf drei Treffer und zwei Vorlagen in 35 Pflichtspielen kam Thiago 2019/20, seiner dennoch wohl besten Spielzeit beim FC Bayern. Jüngst wurde er an der Leiste operiert; in Wolfsburg und im Pokalfinale in Berlin am 4. Juli gegen Bayer Leverkusen wird er fehlen, und plötzlich heißt es: Thiago - nix fix! Bestätigt ist sein Abschied noch nicht und wohl auch noch nicht entschieden, Flick hofft weiter auf einen Verbleib des Mittelfeldspielers. Voraussetzung für einen Wechsel wäre, einen Abnehmer zu finden, der trotz Corona-Einbußen in der Lage ist, die Ablöseforderung zu erfüllen. Der Poker scheint begonnen zu haben: Laut Kicker stellen sie sich beim FC Bayern 60 bis 80 Millionen Euro vor, mehr als den geschätzten Marktwert (knapp 50 Millionen). Neben einem Abnehmer aber müssten die um mehr qualitative Breite im Kader bemühten Bayern für Thiago Ersatz engagieren. Dessen Preis wäre ebenso auszuhandeln. Erster Kandidat: Kai Havertz, 21, doch Leverkusens Forderung ist wohl weiterhin - zumindest nahezu - dreistellig.

Für Wunschspieler Leroy Sané, 24, muss mit Manchester City eine etwa halb so hohe Ablöse ausgepokert werden. Hinzu kommt Ajax Amsterdams Rechtsverteidiger Sergino Dest, 19, der als favorisierte Lösung gilt und für den rund 25 Millionen Euro aufgerufen werden. Angeworben worden sein soll zudem Defensivtalent Tanguy Kouassi, 18, ablösefrei von Paris Saint-Germain. Laut Kicker sind die Bayern auch ins Wettbieten um Birmingham Citys Achter-Talent Jude Bellingham, 16, eingestiegen, mit dem sich Borussia Dortmund einig sein könnte, bei dem aber von 22 bis 33 Millionen Euro Ablöse die Rede ist. Corona, war da was? Offiziell fix ist bisher nur der ablösefreie Bayern-Transfer von Schalkes Torwart Alexander Nübel, 23.

Schnelle Einigungen sind in den meisten Fällen nicht zu erwarten. Zumal auch in Bezug auf mögliche Weggänge viele Fragen zu klären sind. Reservetorwart Sven Ulreich und Mittelfeldspieler Javier Martínez (beide 31) gelten als Abschiedskandidaten, womöglich auch Mittelfeldspieler Corentin Tolisso, 25, und vor allem Abwehrchef David Alaba, 27, der wie Thiago schon lange zögert. Zudem gelten die Abschiede der Leihspieler Philippe Coutinho (28, Barcelona) und Álvaro Odriozola (24, Real Madrid) spätestens nach dem Champions-League-Turnier im August als sicher. Auch die Trennung von Inter Mailands Leihspieler Ivan Perisic, 31, ist wahrscheinlich.

Bestätigt vor der Reise nach Wolfsburg ist nur, dass die Münchner dort ihre Meisterschale zurückbekommen. Die kennen sie: Der Name FC Bayern wird zum achten Mal in Serie eingraviert.

© SZ vom 26.06.2020/ebc
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