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Mittelfeld des FC Bayern:Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

FC Bayern: Joshua Kimmich und Leon Goretzka im Herbst 2020 gegen Schalke 04

Am besten zusammen, aber vorerst getrennt: Joshua Kimmich fällt aus, auf Leon Goretzka kommt noch mehr Verantwortung zu.

(Foto: MICHAEL DALDER/REUTERS)

Thiago ist weg, Kimmich verletzt und Tolisso angeschlagen: Der FC Bayern muss mit einem geschwächten Zentrum in der Champions League antreten. Im Spiel gegen Salzburg hängt nun umso mehr an Leon Goretzka.

Von Sebastian Fischer

Es war kalt, es regnete, es war ziemlich ungemütlich in Salzburg, es waren also die perfekten Voraussetzungen, um etwas zu beweisen. 2:2 stand es vor drei Wochen kurz vor Ende der Partie des FC Bayern beim Außenseiter aus Österreich, dessen Punktgewinn ein paar Minuten lang wie das passende Endergebnis aussah. Doch es waren diese Minuten, die Hansi Flick später zu einem Lob für einen seiner Spieler bewegten: Joshua Kimmich, sagte Flick, sei "einfach ein Mentalitätsmonster". Kimmich hatte zunächst das 3:2 in der 79. Minute mit einem Eckstoß vorbereitet, dann vier Minuten später das 4:2 mit einem Ballgewinn und einem Steilpass eingeleitet. 6:2 gewannen die Münchner.

An diesem Mittwoch trifft der FC Bayern erneut auf RB Salzburg, mit einem Sieg wäre der Titelverteidiger bereits nach dem vierten Spieltag fürs Achtelfinale der Champions League qualifiziert. Sollte es allerdings wieder ungemütlich werden, dann könnte das erneut etwas belegen: wie groß die Lücke ist, die der Ausfall des am Außenmeniskus operierten Nationalspielers Kimmich, 25, ins defensive Mittelfeld der Bayern gerissen hat. Erst im neuen Jahr wird Kimmich zurückerwartet.

Flick hat neulich nochmals erklärt, was sein Grundgedanke war, als er die Elf vor einem Jahr von Nico Kovac übernahm: Es ging ihm darum, das Zentrum des FC Bayern wieder stark zu machen. In die Mitte der inzwischen berühmten Achse zwischen Torwart Manuel Neuer und Angreifer Robert Lewandowski, vor Innenverteidiger David Alaba und hinter Thomas Müller, dorthin positionierte er den ehemaligen Rechtsverteidiger Kimmich. Mit ihm spielte damals, im Frühjahr 2020, der inzwischen zum FC Liverpool gewechselte Thiago. Rückblickend wurde damals wohl kaum mit der angemessenen Aufregung hingenommen, wie stark dieses Zentrum des späteren Triple-Gewinners war.

Kimmich ordnete und strukturierte das Bayern-Spiel

Was Thiago angeht, haben sie beim FC Bayern im Sommer noch einmal verdeutlicht bekommen, wie besonders seine Fähigkeiten einzustufen sind. Denn falls sie darüber nachdachten, wie der Spanier zu ersetzen sein könnte, mussten sie zu dem simplen Schluss gelangen, dass dies im Grunde nicht gelingen kann. Einen Spieler mit den speziellen Fähigkeiten Thiagos, der sich wie ein Entfesselungskünstler mit dem Ball am Fuß der Bewachung unzähliger Gegenspieler entziehen kann, war auf dem Markt schlichtweg nicht zu finden. Seine charakteristische Links-rechts-Körpertäuschung, seine Dribblings und zahlreichen Pässe, die dem FC Bayern im Ballbesitz auch in engen Spielen die Luft zum Atmen gaben, sind keine Bewegungen, die durch Nachahmen eingeübt werden können.

Umso bemerkenswerter war es zu sehen, wie es Kimmich mit seinen Mitteln trotzdem gelang, dass in den ersten Wochen und Monaten der Saison nicht von Thiago die Rede war. Kimmich baute das Spiel aus der Defensive auf, dribbelte weniger, oft so gut wie gar nicht, suchte dafür aber mit den wiederum für ihn charakteristischen Chipbällen häufiger den direkten Weg zum Tor - und auch öfter und erfolgreicher als Thiago den Abschluss. Wenn Kimmich nicht am Ball auffiel, war es trotzdem unmöglich, seine herausragende Präsenz zu übersehen, mit der er das Bayern-Spiel ordnete und strukturierte.

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