Süddeutsche Zeitung

FC-Bayern-Reise nach Saudi-Arabien:Gegen die eigene Geschichte

Lesezeit: 3 min

Die Kritik an der Reise des FC Bayern nach Saudi-Arabien reißt nicht ab. Auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, wundert sich über die mangelnde Sensibilität der Klubspitze - der Einfluss eines Sponsors scheint groß.

Von Benedikt Warmbrunn, München

Karl-Heinz Rummenigge war nicht mit an Bord der Maschine, die von Doha nach Riad und dann nach München geflogen ist, er war nicht dabei bei diesen 21 Stunden, die dem FC Bayern noch eine halbe Woche später nachhängen. Rummenigge, der Vorstandsboss, wird erst nächsten Montag, 11 Uhr, wieder öffentlich auftreten. In der Erlebniswelt des FC Bayern wird er die Sonderausstellung "Kicker, Kämpfer und Legenden - Juden im deutschen Fußball und beim FC Bayern München" eröffnen, Rummenigge wird dabei einen FC Bayern präsentieren, wie dieser sich selbst gerne sieht: sozial, weltoffen, liberal. Ganz anders also, als sich der Klub in den 21 Stunden von Doha über Riad zurück nach München gezeigt hat.

Der FC Bayern war am Samstag nach dem achttägigen Trainingslager in Katar zu einem Freundschaftsspiel gegen Al-Hilal nach Saudi-Arabien geflogen. In ein Land, in dem der Blogger Raif Badawi zuletzt öffentlich ausgepeitscht wurde. In ein Land, in dem Frauen nicht ins Fußballstadion dürfen. Und in ein Land, in das Juden nicht einreisen dürfen.

Der FC Bayern hat eine jüdische Tradition, sehr schön dargestellt wurde diese in dem Film "Landauer - Der Präsident", der im vergangenen Oktober im deutschen Fernsehen lief. Kurt Landauer legte 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens das Amt als Präsident des FC Bayern nieder, 1938 wurde er vier Wochen lang im Konzentrationslager Dachau interniert, er floh in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr 1947 wurde er noch einmal für vier Jahre der Präsident des Vereins, es war ein frühes Zeichen für die Weltoffenheit des FC Bayern.

Landauer hat damals viel angestoßen, im November 2013 hat ihn der Klub posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt. Zuvor hatte die Ultra-Gruppierung "Schickeria" in zahlreichen Aktionen an Landauer erinnert; dafür wurde sie im vergangenen Herbst mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet, mit dem der Deutsche Fußball-Bund das Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung würdigt. All die Aktionen erzeugten das Bild von einem toleranten Verein, von einem Verein, der trotz seiner Wirtschaftskraft, trotz seiner Größe weiter nah dran ist an den Gedanken und Gefühlen seiner Anhänger, von einem Verein, der sich seiner Geschichte bewusst ist.

Ein paar Monate später hat sich der Verein von seinem eigenen Idealbild entfernt. Spätestens durch diese Reise, die gerade einmal 21 Stunden gedauert hat.

Die Ausstellung in der Erlebniswelt wird Rummenigge am Montag gemeinsam mit Charlotte Knobloch eröffnen, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Knobloch betont nach der Reise erst mal diplomatisch, dass der Sport "verbindende Strukturen" habe. Sie teilt in einem Statement aber auch mit: "Im Falle dieser Reise hätte man vorab auf die grausamen Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien mit treffsicheren Statements hinweisen können."

In der Fanszene diskutieren sie schon länger über Reisen wie jene nach Katar oder Saudi-Arabien, viele hätten sich etwas mehr Gespür von der Vereinsspitze erhofft und wundern sich über die fehlende Sensibilität. Ein Sprecher einer einflussreichen Gruppierung sagt: "Hätte es eine Abstimmung unter den Fans gegeben, wäre diese Reise nach Riad nicht zustande gekommen." Einige Anhänger fragen sich zudem, wer im Klub überhaupt eine moralische Grenze setzt.

Der Ausflug nach Riad gewährt aber auch einen Einblick in das Innenleben des Vereins, er zeigt, wie groß der Einfluss von Volkswagen inzwischen beim FC Bayern ist. Der Konzern ist über die Audi AG zu 8,33 Prozent Anteilseigner am FC Bayern, die Reise nach Katar und Saudi-Arabien hat er als Partner begleitet. Die Entscheidung, sich in Katar auf die Rückrunde vorzubereiten, hat der Verein selbst getroffen - in dem Wissen, dass Volkswagen dieses sponsern würde. Anders als zum Beispiel ein Trainingslager in der Türkei oder in Spanien. Auch nach Dubai, wo der FC Bayern bis in den Dezember ein Hotel für die Trainingslagerwoche gebucht hatte, wäre der Konzern vermutlich nicht als Partner mitgeflogen.

Der Ausflug nach Saudi-Arabien war dagegen ein expliziter Wunsch der dortigen Volkswagen-Vertretung, VW ist Hauptsponsor bei Al-Hilal und wollte über den Auftritt des FC Bayern seine Markenbekanntschaft stärken. Dem kam der FC Bayern gerne nach, Trainer Pep Guardiola sagte: "Es ist eine Ehre, hier zu sein." Nach dem Test schimpfte Prinz Abdulrahman bin Musaid, weil Al-Hilal nicht zum Bankett in den Saal mit dem FC Bayern hineingelassen wurde, entgegen der ursprünglichen Abmachung. Zumindest dazu äußerte sich der Verein über einen Sprecher schnell: "ein Missverständnis".

Auch die nächste längere Reise wird der VW-Konzern begleiten: Im Sommer fliegt der FC Bayern wohl nach Guangzhou, der Klub will sich stärker auf dem umkämpften chinesischen Markt positionieren. Und 20 Kilometer entfernt, in Foshan, im Delta des Perlflusses, steht ein Audi-Werk.

Der FC Bayern selbst reagierte auf keine weiteren Anfragen zu der Saudi-Arabien-Reise, im Verein warten sie ungeduldig auf den 30. Januar. Dann beginnt die Bundesliga-Rückrunde, es wird wieder andere Themen geben, leichte Themen wie die Aufstellung, das Spielsystem, der Vorsprung auf Platz zwei. Erster Gegner in der Rückrunde für den FC Bayern wird der VfL Wolfsburg sein. Der Verein, der zu 100 Prozent zum VW-Konzern gehört.

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SZ vom 21.01.2015
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