Jetzt, da Luis Díaz gegen Real Madrid in zwei Spielen zwei Tore geschossen hat, darunter das mitentscheidende 3:3, das den roten Teil der Arena im Münchner Norden in eine in dieser Saison einzigartige Ekstase versetzte, lohnt es sich, gedanklich noch mal in den Münchner Süden zurückzukehren. Genauer gesagt in den vergangenen Juli, als Luis Díaz an der Säbener Straße in einer eher leisen Pressekonferenz vorgestellt wurde.
In der Regel stellt der FC Bayern seine neuen Angestellten am Trainingsgelände vor, nur in Ausnahmefällen sperrt er die Arena auf, um den dort größeren Pressesaal zu nutzen. Bei Harry Kane war das so, klar, aber auch bei Sadio Mané. Und der war, heute kaum noch vorstellbar, damals imaginär mit im Raum, als sich Luis Díaz freundlich dem bayerischen Publikum vorstellte. „Mané 2.0?“, war eine Schlagzeile. „Droht Díaz beim FC Bayern das Mané-Schicksal?“, lautete eine andere.
Beide, Mané und Díaz, kamen als Offensivspieler vom FC Liverpool, der beide für entbehrlich hielt, diese Parallelen rechtfertigten die Fragen. Bei Díaz kamen aber noch ein paar weitere hinzu. Ist er mit 28 Jahren nicht schon zu alt für die Ablöse von „70 bis 75 Millionen“ (Eigenauskunft Díaz)? Lassen sich die Bayern nicht doppelt über den Tisch ziehen, weil sie erst Florian Wirtz an Liverpool verlieren und den Transfer dann auch noch zur Hälfte mitfinanzieren? Und hat man nicht gerade erst Leroy Sané ablösefrei nach Istanbul ziehen lassen? Bei aller Skepsis Sané gegenüber – ist dieser Díaz wirklich eine so klare Verbesserung, die 70 bis 75 Millionen wert ist? „Wenn er (der Transfer, Anm. d. Red.) nicht funktioniert, dann kommt’s auf den Tisch“, prophezeite Sportvorstand Max Eberl damals.
Dass diese Themen im notorisch aufgeregten Medienbetrieb rund um den FC Bayern in keiner Saisonphase nochmals thematisiert wurden, beantwortet wohl schon ausreichend die Frage, ob der Transfer funktioniert hat. Wobei man fairerweise sagen muss, dass auch damals schon auf den entscheidenden Unterschied zwischen Díaz und Mané hingewiesen wurde. Mané wurde auch deswegen verpflichtet, weil er zu haben war: Transfer first, Verwendung second. Díaz wurde für exakt die Position und Rolle geholt, die er seitdem ausfüllt.
Der FC Bayern lag bei manchen Transfers in den vergangenen Jahren daneben, oft genug bot die Abteilung Import/Export auch für Außenstehende herausragende Unterhaltung. Aber die Einkäufe für die beiden Außenpositionen sind eingeschlagen wie ihre beiden Schüsse zum 3:3 und zum 4:3 gegen Real Madrid. Letzteren gab mit Schlusspfiff Michael Olise ab, den die Bayern für etwas mehr als 50 Millionen Euro einen Sommer vor Díaz bei Crystal Palace erstanden. Mittlerweile könnten ihn die Bayern für fast das Dreifache verkaufen, wenn sie ihn denn verkaufen wollen würden. Olises Vertrag läuft bis 2029.
Sieben Jahre nach dem gemeinsamen Abschied von Franck Ribéry und Arjen Robben hat der FC Bayern also wieder eine 1A-Flügelzange. 1A deswegen, weil sie es nach Rib/Rob mit Varianten von 1A bis 1C versuchten. Leroy Sané, Serge Gnabry und Kingsley Coman (manchmal auch Sadio Mané, siehe oben) rotierten auf den Positionen, je nachdem, ob ein Trainer zum Beispiel wollte, dass ein Linksfuß mit dem starken Fuß lieber Flanken schlagen oder aufs Tor schießen sollte. Die Zeit erfolglos zu nennen, wäre unfair, allein Comans Tor im Champions-League-Finale 2020 würde das Urteil widerlegen. Aber wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass das Spiel der Münchner jetzt das nächste Level zu erreichen scheint; jetzt, da die Stammbesetzung der Außenbahnen klar ist und Díaz und Olise auch noch Eigenarten der beiden Vereinslieblinge mitbringen, die inzwischen für die Legenden-Mannschaft auflaufen.
Olise zieht wie sein kurzbehaarter Vorgänger von links nach innen und peilt gern, wie dreimal gegen Real, das lange Eck an. Allerdings ist Olises Fintenbaukasten größer als der von Robben. Der Franzose hat auch noch den Vorteil, dass er seinen rechten Fuß nicht nur zum Antritt benutzt. Díaz besitzt im Dribbling eine robuste Durchsetzungsfähigkeit, wie sie Ribéry hatte, Coman aber eher nicht. Von der Torgefährlichkeit ganz zu schweigen. Díaz hat in der Liga 15 Saisontore erzielt, Coman kam nie über acht hinaus, Sané nie über elf. Defensivarbeit ist schwieriger zu messen, aber insbesondere in dieser Kategorie übertrifft der Kolumbianer seine Vorgänger augenscheinlich.
Da der Fußball eine Liebe für ironische Geschichten hat, treffen die Münchner nun im Halbfinale auf eine Mannschaft, die ihre Außenbahn auch mal renoviert hat. Einst spielten bei Paris Saint-Germain, je nach Besetzung, Lionel Messi, Kylian Mbappé und Neymar. In der Champions League erfolgreich ist PSG aber erst, seitdem dort Ousmane Dembélé, Khvicha Kvaratskhelia und Desiré Doué flitzen.


