Die Bayern-Basketballer sollten Handball-Nationalspieler Johannes Golla seit dieser Prophezeiung schleunigst mit einer Dauerkarte auf Lebenszeit ausstatten. Jedenfalls durfte der 27-Jährige am Dienstagabend Mitte des zweiten Viertels als Ehrengast des Euroleague-Spiels im Münchner SAP Garden gegen Real Madrid ein paar Worte ins Mikrofon sprechen (und das Handball-Länderspiel an selber Stelle gegen Island am Sonntag bewerben). Dabei outete sich Golla als noch nicht ganz kundiger Basketball-Fan, sagte dann aber „einen Heimsieg“ für die Münchner vorher. 35:34 stand es da für den deutschen Meister vor 11 500 Zuschauern in ausverkaufter Halle – und Gollas mutige Prognose, nach zuletzt drei Münchner Niederlagen in vier Spielen, sollte sich als richtig erweisen. Die Bayern bezwangen Real mit 90:84 (44:57), nachdem sie kurz vor der Halbzeitpause schon fast aussichtslos zurückgelegen waren.
Die Partie hatte eine ganz seltsame Dramaturgie, denn nach einer 10:0-Führung der Münchner waren es die Spanier um ihre Größen Walter Tavares, Sergio Llull und den mit 662 NBA-Spielen ausstaffierten Trey Lyles, die die ersten beiden Viertel dominierten. Doch Madrids Topscorer Lyles (20 Punkte) und seine Kollegen brachten im dritten und vierten Viertel fast überhaupt nichts mehr zustande. „Wir waren unkonzentriert, hatten schlechte Würfe, keine gute Ballverteilung. So gewinnt man keine Spiele“, sagte ihr Trainer Sergio Scariolo später bei der Pressekonferenz. Direkt nach dem Italiener würdigte Münchens Coach Gordon Herbert die bislang beste Saisonleistung seiner Mannschaft: „Die Jungs haben viel Resilienz gezeigt, es war ein Sieg des Charakters, ein toller Sieg auch für die Teamatmosphäre und für unser Publikum.“

Bayern-Geschäftsführer Marko Pesic:„Ich bin über meine Grenzen gegangen“
Nach 14 Jahren Verantwortung hört Marko Pesic bei den Basketballern des FC Bayern auf. Er erklärt, wie ihn Uli Hoeneß geprägt hat, wie die Mannschaft in der kommenden Saison aussieht – und ob er Vizepräsident der Münchner werden will.
Der Kanadier Herbert stellt nicht gerne Spieler heraus, für den 66-Jährigen geht der Erfolg nur über eine intakte Mannschaft. In dieser Hinsicht sind die Bayern gerade dabei, sich zu finden. Das führt direkt zum ersten Puzzleteil, das sich gegen Madrid gut ins Bild fügte: Münchens Rückkehrer Johannes Voigtmann. Nach nur zwei absolvierten Trainingseinheiten schenkte Herbert dem 33-jährigen Welt- und Europameister, der sich beim EM-Turnier am Knie verletzt hatte, operiert werden musste und zwei Monate lang ausfiel, ausgerechnet gegen den Topklub Madrid das Vertrauen. Voigtmann machte dann nicht nur den ersten Dreier, sondern half enorm, indem er seine Mitspieler freiblockte, Räume öffnete, Rebounds fischte und dem Gegner die Bälle stahl. „Seine Führung in der Kabine und auf dem Feld haben wir benötigt. Er ist einer der besten Spieler, die ich je gecoacht habe“, lobte Herbert Voigtmann, den er jahrelang auch im Nationalteam betreut hatte.
Voigtmann, der ein paar Minuten später mit dickem Eisbeutel am Knie durch den Umkleidetrakt der Halle lief, mochte solche Hymnen über sich gar nicht gerne hören, da sei wohl die Emotion des Sieges in Herberts Worten mitgeschwungen, sagte der Center. Voigtmann analysierte lieber, was den Münchnern in dieser Saison im Vergleich zur vergangenen Spielzeit bislang noch fehlt: „Letztes Jahr hatten wir Spieler, die jedes Viertel auseinandernehmen konnten. Diese Saison haben wir das auch noch, aber nicht mehr so extrem. Deshalb müssen wir mit mehr Energie und Fokus spielen. Und wir brauchen Spieler, die den Ball reinschmeißen können.“
Dieser Satz führt direkt zu zwei anderen Puzzleteilen, die noch nicht so richtig einzuordnen sind, aber entscheidend sein können im Laufe der nächsten Monate. Das eine heißt Isiaha Mike – und spielte mit Madrid als Topscorer der Münchner in der Offensive Katz und Maus. 29 Punkte gelangen dem Kanadier, sieben Rebounds außerdem. Für Herberts Wunschspieler, der bislang Licht und Schatten zeigte, war es bislang die mit Abstand beste Partie im Bayern-Dress. Den Ball reinschmeißen, das konnte er an diesem Abend wie kein Zweiter.
Und dann schob sich auch noch der neueste Zugang in der Halbzeitpause ins Bild, jedenfalls sendete er via Videowürfel eine Grußbotschaft aus dem Flugzeug ans Publikum. „Ich bin gerade gelandet“, rief Spencer Dinwiddie von dort oben herab, im dritten Viertel tauchte der 32-jährige US-Amerikaner dann leibhaftig in der Halle auf – und feierte nach der Schlusssirene mit seinen neuen Kollegen. Dinwiddie gilt nicht nur wegen der im Vergleich mit Madrids Lyles ähnlich hohen Anzahl an NBA-Spielen als großes Versprechen in München. Er soll die Bayern nach der Kreuzbandverletzung von Rokas Jokubaitis auch als Spielmacher in die Euroleague-Playoffs führen. „Mit Spencer habe ich gerade das erste Mal etwas sprechen können. Er geht jetzt schlafen, er ist etwas müde. Morgen werden wir ein paar Sachen mit ihm durchgehen und dann entscheiden. Die Hoffnung ist, dass er ready ist“, sagte Herbert. Dinwiddie könnte also schon am Donnerstag im nächsten Euroleague-Heimspiel gegen Bologna im Kader der Bayern stehen.
Es wäre ein Zeichen des Aufbruchs zur rechten Zeit, in einer Phase, in der die Münchner nach sieben Euroleague-Spielen, drei Siegen und vier Niederlagen nur auf Platz 16 der Tabelle stehen. Sie brauchen dringend Siege, um die Playoffs nicht frühzeitig aus den Augen zu verlieren. Zumal im November und Dezember sehr viele Auswärtsspiele auf sie warten. „Der November nimmt dir viel Energie, draußen ist es dunkel, du bist ständig auf Reisen, deshalb müssen wir jetzt einen Energie-Boost mitnehmen“, sagte Voigtmann noch, bevor er unter die Dusche sprang. Wenn er sich etwas wünschen dürfte? „Den Anfang einer Siegesserie und einer tollen Saison.“ Und dass die Mannschaft weiter zusammenwächst: „Wir wissen noch nicht so genau, wie wir Sachen machen in einzelnen Situationen, was gute und keine guten Würfe sind. Da müssen wir langsam hinkommen, dass wir das auch untereinander kommunizieren.“
Gegen Madrid hat das alles schon ziemlich gut funktioniert. Sogar den schönsten Wurf des Abends konnten sie genießen, auch wenn er vom gegnerischen Spielmacher Facundo Campazzo kam. Rückwärts über den Kopf traf er fast übers ganze Feld den Münchner Korb – aber erst, nachdem die Halbzeitsirene erklungen war. Johannes Golla hatte auch daran sicher seine Freude. Schade nur, dass der Handballer am Donnerstag selbst gefordert ist beim ersten Länderspiel gegen Island in Nürnberg. Auf seine Prognose müssen Münchens Basketballer gegen Bologna umständehalber verzichten.

