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FC Bayern in der Champions League:Grotesk turbulente Niederlage

FC Bayern Munich v Paris Saint-Germain - UEFA Champions League Quarter Final: Leg One

Zu selten effektiv vorm PSG-Tor: der FC Bayern mit Kingsley Coman.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Im Winter-Spektakel verlieren die Bayern ihr Viertelfinal-Hinspiel gegen Paris 2:3. Es geht fast all das schief, was beim Finalduell im vergangenen Jahr noch geklappt hatte.

Von Christof Kneer

Dieses Wetter! Als Hasan Salihamidzic vor Spielbeginn vor die Mikrofone trat, um zur Zukunft des Trainers Hansi Flick nichts zu sagen, schneite es ihm auf den Trenchcoat, der womöglich aus dem Kleiderschrank seines ehemaligen Trainers Ottmar Hitzfeld stammte. War dieses Wetter ein gutes Omen, weil sie in München sicher mehr vom Wintersport verstehen als in Paris? Oder musste man sich Sorgen machen, weil die Bayern im Schneetreiben zuletzt zwei recht unerfreuliche Spiele absolviert hatten - gegen Bielefeld reichte es nach wilder Schlittenfahrt gerade noch zu einem 3:3, beim Zweitligisten in Kiel flogen die Bayern sogar aus dem DFB-Pokal.

Als die Münchner und ihr aktueller Viertelfinal-Gegner Paris Saint-Germain letztmals aufeinandertrafen, reichte bei feinster portugiesischer Sommerabendbrise der leichte Pullover, und nach dem Sieg im Finale saßen David Alaba, Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Trainer Flick im Halbdunkel in der Nähe des Mittelkreises und tranken Bier. Diesmal hätten sie sich beim Sitzen mehrere Erkältungen eingefangen, aber es war auch kein Abend, der nach einem Feierbier verlangte.

Obwohl er genau so anfing: Nach einer Minute und 28 Sekunden schoss Bayerns Linksverteidiger Lucas Hernandez ans Außennetz, nach einer Minute und 55 Sekunden traf Eric Maxim Choupo-Moting, der Vertreter des verletzten Robert Lewandowski, per Kopf die Latte. Ja klar, so startet ein Champions-League-Sieger, der den Verlierer vom August gleich wieder beeindrucken will.

Nach zwei Minuten und 31 Sekunden stand es 1:0 für Paris. Es war ein Gegentor, das eines Champions-League-Siegers doch etwas unwürdig war: Die Bayern waren absurd in Überzahl, aber während Kimmich, Alaba und Goretzka den Brasilianer Neymar verfolgten, wich Süle vor ihm zurück - Neymar hatte genügend Zeit, um den anderen Weltstar im PSG-Team, Kylian Mbappé, zu finden.

Und Mbappé? Der hat schon viel erlebt, aber das wohl noch nicht: Manuel Neuer machte so etwas wie einen Fehler. Der Ball rutschte, flutschte (oder glitschte?) ihm durch die Beine. Paris führte. Und sie führten tatsächlich bis zum Ende: Die Bayern verloren ein turbulentes Hinspiel 2:3, sie waren klar überlegen, stürmten viel, verschleuderten ihre Chancen aber, als seien sie die Nationalmannschaft. Und sie verteidigten in den entscheidenden Momenten viel zu fehlerhaft.

Champions League - Quarter Final First Leg - Bayern Munich v Paris St Germain

Extrem effizient: Marquinhos entwischt David Alaba und erzielt das 2:0 für Paris.

(Foto: KAI PFAFFENBACH/REUTERS)

Mit 2:0, 3:1 oder 4:3 müssen die Münchner nun in Paris gewinnen, wenn sie ohne Verlängerung und Elfmeterschießen weiterkommen wollen, und Hansi Flick begann mit dem Aufbauprogramm schon unmittelbar nach Schlusspfiff. Man könne "positiv nach Paris schauen", sagte er, "die Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball gespielt hat, war top. Mit den Chancen, die wir hatten, hätten wir trotz der drei Gegentore ein gutes Ergebnis erzielen können". Thomas Müller meinte dasselbe, er sagte es so: "Wenn das hier 5:3 oder 6:3 ausgeht, kann sich keiner beschweren".

Ende August, im Champions-League-Finale, hatte Neuer noch alles gehalten, die Pariser waren spektakulär verzweifelt. 0:0 stand es damals zur Halbzeit, und nun machte sich dieser schneereiche Aprilabend in Fröttmaning einen Spaß daraus, das krasse Gegenteil von damals aufzuführen. Es entwickelte sich eine kreischbunte erste Hälfte, jede Szene legte Wert darauf, noch turbulenter zu sein als die Szene davor. Julian Draxler, etwas überraschend in der Startelf der Franzosen aufgetaucht, jubelte über das Tor zum 2:0 (12.), aber er stand um eine Winzigkeit im Abseits. Davor hatte Müller eine gute Chance für die Bayern (10.), es folgten Gelegenheiten für Goretzka (19.) und Pavard (20.), aber der Pariser Torwart Keylor Navas hatte mit Neuer die Rollen getauscht. Er hielt alles.

Bedenklicher, ironischer Zwischenstand

Auch ohne Lewandowski und den an Covid erkrankten Serge Gnabry spielte die Bayern nun phasenweise wie der amtierende Champions-League-Sieger, sie zeigten jetzt ihren gewohnten Hansi-Flick-Fußball. Sie attackierten früh und gaben den Franzosen wenig Luft zum Atmen, in der Fachsprache sagt man, dass jetzt ein Tor in der Luft liegt.

Das stimmte zwar, nur behielt dieser Abend seinen eigenen Kopf. Der Ball lag kurz darauf schon wieder im Tor der Münchner. Nach einem PSG-Eckball klärte Choupo-Moting per Kopf, Bayerns Abwehr rückte in geschlossener Formation nach vorne, aber Neymar fand mit seiner Flanke genau den Mitspieler, der nicht im Abseits stand. Marquinhos, obwohl Verteidiger, vollendete eiskalt. Im Finale von Lissabon war er kurz vor Schluss an Neuer gescheitert.

Auf der Anzeigetafel stand: Bayern 0, Paris 2 - ein angesichts der Auswärtstor-Regel bedenklicher, aber auch durchaus ironischer Zwischenstand. Jene brutale Effizienz, die sonst die Bayern auszeichnet, hatte zumindest für diesen Abend die Seiten gewechselt - gnadenlos war erst mal nur PSG. Immerhin kamen die Bayern kurz darauf zum überfälligen Anschlusstreffer: Choupo-Moting nickte Pavards Flanke zum 1:2 ins Netz (37.).

Aber das war's noch nicht, wie Uli Hoeneß sagen würde: Zu dieser grotesken ersten Hälfte gehörten auch drei Auswechslungen, Marquinhos, Goretzka und Süle verließen angeschlagen den Platz. Bei den Bayern kamen Davies und Boateng; Alaba rutschte auf Goretzkas Platz ins Mittelfeld, Hernandez rückte in die Innenverteidigung, Davies übernahm seine Lieblingsrolle links hinten.

Die zweite Hälfte stand nun extrem unter Druck, sie wollte mit der ersten Hälfte ja mithalten, und sie gab sich Mühe. Das Spiel blieb sehr unterhaltsam, für Bayern-Verhältnisse aber viel zu wild. Den Münchnern gelang es trotz exzellenter Offensivmomente nie, Kontrolle und Ruhe auszustrahlen, defensiv blieben sie anfällig.

Kleiner Auszug: Davies verhindert auf der Linie einen höheren Rückstand (52.), eine Minute später scheitern Alaba und Pavard an diesem Neuer namens Navas. Kurz darauf war der Costa Ricaner im Tor aber doch geschlagen, nach Kimmichs Freistoß legte Müller die Leidenschaft all seiner Bayern-Jahre in einen Kopfball - der verdiente Ausgleich nach einer Stunde (60.). Nun würde der Champions-League-Sieger aber doch wohl ...? Würde er nicht. Acht Minuten später führte Paris schon wieder - viel zu leicht schaffte es Di Maria durchs Mittelfeld, Mbappé verzögerte beim Schuss und traf durch Boatengs Beine.

Choupo-Moting, Alaba, Müller, sie alle hatten noch großen Chancen, aber es blieb dabei: Die Bayern werden am Dienstag in Paris gegen eine Niederlage anspielen müssen. Und die 31 Torschüsse aus dem Hinspiel werden ihnen dabei nicht helfen.

© SZ/jkn/tbr
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