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FC Bayern:Perisic plus X

Dezente Freude beim Pflichtsieg in Cottbus: Torschütze Leon Goretzka (links) mit Serge Gnabry

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Nach dem Pflichtsieg im Pokal in Cottbus und derr Verpflichtung des kroatischen Angreifers von Inter Mailand bemühen sich die Münchner um Philippe Coutinho vom FC Barcelona.

Niko Kovac verdrehte die Augen und lächelte, so ist das beim Trainer des FC Bayern. In jeder spontanen Gefühlsregung steckt immer etwas Freundliches. Es war schon fast Mitternacht in der Lausitz, das ungefährdete 3:1 im DFB-Pokal gegen Energie Cottbus war fertig erklärt, da wurde Kovac zum bevorstehenden Transfer von Ivan Perisic befragt: Augenrollen, Lächeln - Transferfragen sind für Kovac seit dem Maulkorb durch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in der Causa Leroy Sané besonders heikel.

Perisic war am Montag bereits in München beim Medizincheck gesichtet worden. "Sollte das alles gut laufen und die ganzen Papiere hin- und hergeschickt werden, sollte er Spieler von uns werden", sagte Kovac schließlich in gebotener Vorsicht. Diese Lektion hatte er gelernt: Ob und wann die Bayern Papiere verschicken, kann man nie so genau wissen.

Am Dienstagvormittag kam dann die Bestätigung: Der FC Bayern leiht den Kroaten Perisic, 30, ein Jahr lang von Inter Mailand aus. Für 2020 haben sich die Münchner eine einseitige Kaufoption auf den WM-Zweiten des Vorjahres gesichert. "Ivan wird uns mit seiner langjährigen Erfahrung auf internationalem Top-Niveau sofort weiterhelfen. Er ist in der Offensive flexibel einsetzbar", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der wegen der Abwicklung des Transfers gar nicht zum Pokalspiel am Montag mitgefahren war.

Sofort helfen, also beim Bundesliga-Auftakt am Freitag gegen Hertha BSC, wird Perisic allerdings garantiert nicht. Weil er in seinem letzten Spiel in der Serie A seine insgesamt fünfte gelbe Karte sah, muss er auch in der Bundesliga ein Spiel pausieren.

Torwart Neuer findet nach dem 3:1 in Cottbus: "Es war besser als letztes Jahr in Drochtersen."

Als Ein-Mann-Führungsetage war Kovac nach Cottbus gereist. Auch kein Uli Hoeneß, kein Karl-Heinz Rummenigge. Kovac schlüpfte daher in mehrere Rollen. Noch bevor der Ball die erste Umdrehung im Stadion der Freundschaft machte, wurde der Trainer zum Mahner und übte Medienkritik - eine Aufgabe, die sonst die Klubbosse mit Leidenschaft erfüllen: Perisic als "B-Lösung" zu bezeichnen, sei respektlos, befand Kovac, "du kriegst den einen nicht, dann den anderen nicht. Dann hast du am Ende womöglich eine XY-Lösung. Ich finde, das ist nicht schön."

Allerdings ist es auch schwierig, nach vorherigen Körben die neu Angetraute als Traumfrau zu verkaufen. Sané, der Bayerns Königstransfer des Sommers hätte sein sollen, bleibt nach seiner schweren Knieblessur wohl in Manchester. Der Marokkaner Hakim Ziyech, 26, Kandidat aus Amsterdam, erklärte am Montag in niederländischen Medien, dass er auch aufgrund des Zögerns der Bayern ("in der Tat") seinen Vertrag bei Ajax verlängert habe. Und auch beim Leipziger Nationalstürmer Timo Werner, der durchaus noch in München landen könnte, hat das lange Abwarten der Bayern in diesem Transfersommer die innere Entschlossenheit zu einem Wechsel zumindest nicht forciert.

Dass die Offensive der Bayern weitere inspirierende Zugänge gut gebrauchen könnte, zeigte sich auch in Cottbus. Zu Chancen kamen die Münchner nach anfänglichem Geruckel natürlich, doch der gerade erst aus der U19 von Union Berlin geliehene Lennart Moser erwischte im Cottbus-Tor einen glänzenden Tag. "Es war kein Riesen-Glanzstück, aber für eine erste Pokalrunde absolut in Ordnung", bilanzierte FCB-Stürmer Thomas Müller.

Manuel Neuer erinnerte sogar an die Startschwierigkeiten vor einem Jahr: "Besser als gegen Drochtersen/Assel war es auf jeden Fall", sagte der Torwart. Damals hatten die Bayern im Pokal erst in der 81. Minute das 1:0 erzielt. Vergleichswert Drochtersen/Assel, darauf muss man erst mal kommen! Kovac zog in Cottbus auch Wohlgefallen aus der Tatsache, dass die Partie verletzungsfrei gemeistert wurde. Unterm Strich bilanzierte der Coach: "Ich finde, wir haben es gut gemacht."

Ein Sonderlob erhielt der neue Innenverteidiger Benjamin Pavard. Der 23-Jährige kam zu seinem Startelfdebüt und sicherte den Bayern-Strafraum durch einige beherzte Aktionen: "Top-Leistung auf Top-Niveau", sagte Kovac zum Franzosen, "man sieht, dass er nicht nur außen rechts spielen kann." Dass Pavard nun innen an der Seite von Niklas Süle auftauchte, wird auch Jérôme Boateng registriert haben.

Schon vor einem Jahr waren sich die Münchner mit Pavard einig - aus heutiger Perspektive erstaunlich weitsichtig. Der zweite neu verpflichtete Weltmeister für die Münchner Abwehr, 80-Millionen-Import Lucas Hernandez (von Atlético Madrid), durfte im Pokal nach langer Knieverletzungspause in den Schlussminuten ein Kurzdebüt geben.

Auch über den neuen Kollegen Perisic hatten die Bayern-Spieler in Cottbus einiges zu erzählen: "Er ist ein Spieler, der die Bundesliga sehr gut kennt", erinnerte Manuel Neuer an die vier Jahre des Kroaten in Dortmund und Wolfsburg. "Er ist in der Offensive stark und im Kopfballspiel", betonte David Alaba, "er weiß, wie man auf höchstem Level spielt. Dass er das Potenzial hat, uns zu helfen, steht außer Frage."

Mit 30 gehört Perisic zwar nicht unbedingt in eine "Generation Umbruch", das mindert aber nicht seine läuferische Qualität: Bei der WM 2018 legte er so viele Kilometer wie kein anderer Spieler zurück. Und dekoriert mit Erfolgen ist er auch: 2012 Doublegewinner mit dem BVB, 2015 Pokalsieger mit Wolfsburg - und eben WM-Finalist mit der Mannschaft Kroatiens, für die er auch schon spielte, als der Nationaltrainer Niko Kovac hieß.

Barcelona würde Coutinho lieber mit einer Rückkehr von Neymar aus Paris verrechnen

Manuel Neuer, der wie Torjäger Lewandowski zuletzt öffentlich eine Qualitätssteigerung im Bayern-Kader erbeten hatte, sagte jetzt: "Ich war mir immer sicher, dass da noch was kommen wird." Um den Angreifer Perisic sind die Bayern jedenfalls schon mal reicher kurz vor dem Liga-Auftakt am Freitag gegen Hertha BSC. Die Anschlussfrage lautet: Kommt da kurzfristig sogar noch mehr?

"Noch ein, zwei Spieler" seien bis Transferende vorstellbar, sagte Kovac in Cottbus. Auch der Brasilianer Philippe Coutinho vom FC Barcelona ist ein Anwärter. Ein Sprecher des spanischen Meisters bestätigte der SZ, dass die Bayern Interesse an dem 27-Jährigen angemeldet haben. Allerdings verdient Coutinho, der 2018 für weit mehr als 100 Millionen Euro aus Liverpool gekommen war, in Barcelona dem Vernehmen nach pro Jahr zwölf Millionen Euro - netto. Für die Bayern sind das kaum erfüllbare Gehaltsvorstellungen. Zudem würde Barça Coutinho lieber an Paris Saint-Germain abgeben, um die schwer finanzierbare Rückkehr von Neymar aus Paris leichter stemmen zu können (am Dienstag reiste eine Klubdelegation aus Barcelona für Verhandlungen in die französische Hauptstadt). Außerdem ist auch bei Coutinho, der zuletzt für Brasilien eine schwache Copa América gespielt hat, unklar, inwieweit er überhaupt Lust auf München hätte.

Niko Kovac sagte zu Spekulationen in Cottbus nichts Substantielles. Er lächelte, mal mit Augen-Verdrehen, mal ohne.