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Champions-League-Sieg des FC Bayern:Mit dem Gefühl der Unschlagbarkeit

Paris Saint-Germain v Bayern Munich - UEFA Champions League Final

Reaktionen nach dem Schlusspfiff. Die Mannschaft des FC Bayern jubelt über den Sieg in der Champions League.

(Foto: Getty Images)

Selten hat eine Mannschaft so überlegen und verdient die Champions League gewonnen wie der FC Bayern. Während und nach dem Finale zeigt sich ein besonderer Teamgeist, der selbst die abgezocktesten Profis rührt.

Von Martin Schneider

Wenn der Schiedsrichter so ein Champions-League-Finale abpfeift, weiß man gar nicht, wo man hingucken soll, es passiert einfach so viel gleichzeitig. Robert Lewandowski sank auf die Knie und hämmerte mit beiden Fäusten auf den Rasen, David Alaba umarmte den weinenden Neymar, der sein Gesicht an die Schulter des Österreichers drückte. Corentin Tolisso und Niklas Süle jagten den natürlich völlig aufgedrehten Thomas Müller und brachten ihn schließlich zum Stillstand, Philippe Coutinho hatte sich auf Thiago geworfen, Thomas Tuchel humpelte auf einem Bein zu seinen Krücken, man konnte sein Gesicht nicht sehen und Hansi Flick ging, statt direkt zu jubeln, umher und klatschte mit jedem Pariser Spieler ab. Das hatte Jürgen Klopp ein Jahr vorher auch schon getan - als Trainer weiß man vielleicht besser, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen.

Ein paar Momente später, Neymar war immer noch untröstlich, er saß auf der Ersatzbank, Tränen liefen über sein Gesicht. Kylian Mbappé, der von Nationalmannschafts-Kollege Lucas Hernandez getröstet wurde, wirkte gefaster. Er ist 21, wahrscheinlich weiß er, dass er noch eine Gelegenheit auf den Pokal mit den großen Ohren bekommen wird. Den stemmte dann Manuel Neuer erstmals als Kapitän in die Höhe, später sicherte er sich das Tornetz als Souvenir. Thiago lag irgendwann im Konfetti und schaute auf sein Handy, später schrieb er auf Twitter, er habe mit seiner Familie telefoniert.

Flick flog noch, geworfen von seiner Mannschaft, durch die Luft von Lissabon, Alaba facetimete derweil mit Franck Ribéry, Neuer und Müller kamen dazu - und als die Lichter im Stadion schon ausgingen, kamen Joshua Kimmich (mit einer Trommel um den Bauch), Serge Gnabry (mit Hut und Bierflasche), Alaba und später auch noch Flick aus der Kabine und setzten sich in den Mittelkreis. Die letzten bekannten Feierbilder postete dann Coutinho um 4:30 Uhr morgens Ortszeit auf Instagram. Von der Party ist bekannt, dass Alphonso Davies mit einer Kanada-Fahne als Superhelden-Cape auf der Tanzfläche stand.

Mit so einem Champions-League-Sieg lösen sich ganz viele Geschichten auf, man sieht es auf dem Rasen wie auf einem riesigen Gemälde. So was geht dann auch den abgezockteren Profis nah, sogar Thomas Müller wurde im Interview emotional, sprach über den Teamgeist, den Zusammenhalt der Mannschaft, die Familien der Spieler und meinte "jetzt wird's ein bisschen schnulzig" und nahm erst einmal einen großen Schluck aus der Wasserflasche.

Müllers Geschichte zu diesem Finale ist ja die: Ausgemustert aus der Nationalmannschaft, ausgemustert von Ex-Trainer Kovac und als Notnagel bezeichnet, unter Flick Stammspieler, Antreiber, Spielertrainer und nun zusammen mit Alaba, Neuer, Martinez und Boateng Doppel-Triple-Sieger - diese Spieler waren schon 2013 dabei. "Natürlich freue ich mich, dass ich noch mal zeigen konnte, dass ich nicht auf den Altglas-Container gehöre, sondern noch ein bisschen was im Tank hab'", sagte Müller dazu. Und zum Spiel: "Wir hatten sicherlich auch ein Quäntchen Glück und Manuel Neuer zwischen den Pfosten."

Das Spiel - es war eines der engeren und spektakuläreren Europapokal-Finalspiele und es war erneut ein Jammer, dass keine Fans im Stadion dabei sein konnten, um es zu erleben. Hansi Flick wollte nach der Partie partout keinen Spieler herausheben - und er hatte damit natürlich recht, wer würde ihm in diesen Tagen auch widersprechen wollen. Aber drei Akteure kann man vielleicht ein klitzekleines bisschen herausheben.

Einmal, wie von Müller erwähnt, Manuel Neuer. In der 18. Minute rettete er per Doppeltat gegen Neymar. Er kam raus, wehrte erst mit der linken Hand ab, die schneller am Boden war, als das ein anderer Torhüter gekonnt hätte, den Nachschuss blockte er nach einem geschmeidigen Hechtsprung mit dem Fuß ab. Kurz vor dem Ende verkürzte Neuer dann gegen Marquinhos stark, klappte irgendwie seinen rechten Unterschenkel runter und wehrte den Ball ab - zwei Weltklasseparaden. "Das war auch ein bisschen Wettbewerbsverzerrung. Manu ist auf jeden Fall zum falschen Moment in absoluter Topform", sagte Tuchel dazu. Glück brauchte Neuer nur einmal - als Kylian Mbappé vor der Pause nach einem Horror-Fehlpass von David Alaba ihm einfach in die Arme schoss.

Dann natürlich Kingsley Coman - der Torschütze. Geboren in Paris, ausgebildet in der Jugendakademie von Paris Saint-Germain. Er bekam ein bisschen überraschend den Vorzug vor Ivan Perisic. Aber wie alles in diesen Tagen klappte auch dieser Schachzug von Flick - Coman gewann viele Duelle gegen seinen Gegenspieler Thilo Kehrer, spielte seine Geschwindigkeitsvorteile aus und war nach der Kimmich-Flanke zum goldenen Tor zur Stelle.

Und dann noch Thiago, der mutmaßlich sein letztes Spiel für den FC Bayern machte. Seine Ruhe am Ball, seine Abgeklärtheit, seine Arbeit nach hinten waren nach der Mannschaftsleistung der wichtigste Faktor, weshalb die Münchner die zweite Halbzeit ins Ziel brachten. Flick sprach nach dem Spiel lange mit seinem Regisseur, als er nach dem Inhalt des Gesprächs gefragt wurde, sagte Flick: "Er hat mir gesagt, dass er bleibt", wartete einen Moment und löste dann den Scherz auf: "Ich weiß es nicht, er weiß es selbst auch noch nicht, weil wir uns alle auf dieses Champions-League-Finale konzentriert haben zu 100 Prozent."

Flick wäre dann natürlich der vierte Akteur, den man herausheben müsste. Er ist offensichtlich der Architekt dieser Mannschaft, die nach seinem Amtsantritt durch diese Champions-League-Saison mehr gerollt ist als alles andere. 7:1 nach Hin- und Rückspiel gegen Chelsea, 8:2 gegen Barcelona, 3:0 gegen Lyon - und am Ende Paris niedergerungen. Selten hat eine Mannschaft so überlegen die europäische Konkurrenz deklassiert, eigentlich noch nie. Natürlich muss man die besonderen Umstände bei der Wertung berücksichtigen - Corona-Pause, Final-Turnier im K.o.-Modus - aber der Gedanke, dass es auch anders geklappt hätte, ist bei mittlerweile 30 ungeschlagenen Spielen nacheinander nicht so weit weg. "Wir hatten ein Gefühl der Unschlagbarkeit", sagte Kimmich. Das sah man.

Der FC Bayern hat mit dieser Saison seine eigene Referenzgröße nach oben verschoben. Jeder Beobachter erkennt, dass die Erzählungen vom besonderen Teamgeist kein Gerede sind. "Wenn man mit Brüdern so einen Titel gewinnt, ist es das Maximum, das man erreichen kann", meinte Kimmich nach dem Sieg.

Nach dem Maximum kann ja eigentlich nichts mehr kommen. Am 11. September geht die neue Saison schon los, der FC Bayern spielt im DFB-Pokal gegen den 1. FC Düren, sieben Tage später in der Bundesliga gegen Schalke. Wie soll man in so kurzer Zeit umschalten können, Hansi Flick? "Es gibt einen schönen Spruch: Erfolg ist nur gemietet - und die Miete ist jeden Tag fällig. Und genau das ist eine Sache, die die Mannschaft in ihrer Einstellung jeden Tag zeigt." Sie haben im Moment auf alles eine Antwort.

© SZ.de/tbr
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