Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Ein Abwehrzentrum zum Furcht einflößen

Niklas Süle kehrt nach seinem Kreuzbandriss so geradlinig zurück wie vor seiner Verletzung. Beim Finalturnier in Lissabon hat Trainer Hansi Flick ein unverhofft starkes Team zur Verfügung.

Von Benedikt Warmbrunn

Niklas Süle war schon immer ein Mann, der den direkten Weg schätzt. Auf dem Rasen verdrückt er sich vor keinem Zweikampf, manchmal ist es auch so, dass seine Gegenspieler dem Zweikampf nicht entgehen können, so breit und schnell und wuchtig rauscht Süle dann an.

Neben dem Platz scheut er sich nicht davor, zu sagen, was er denkt; das kann dann auch mal heißen, dass er von den Freuden des Essens erzählt, obwohl bei ihm ohnehin immer alle den Körper nach überflüssigen Kilos überprüfen.

Ein Dreivierteljahr war Süle, 24, aus der Öffentlichkeit verschwunden, nach einem Kreuzbandriss im Oktober. Am Samstag, beim 4:1 des FC Bayern gegen den FC Chelsea, kehrte er zurück, und er war sofort wieder so geradlinig wie vor seiner Verletzung.

In der 63. Minute war der Innenverteidiger für den angeschlagenen Jérôme Boateng in die Partie gekommen, nicht der 80-Millionen-Mann Lucas Hernández - Trainer Hansi Flick erklärte später, dass er "positionsgetreu" Rechtsfuß für Rechtsfuß einwechseln wollte. Süle spielte 27 Pässe, von denen 27 ankamen, zudem schoss er einmal energisch und auf dem direktesten Weg aufs Tor.

Nach dem Spiel drückte er sich auch nicht vor dem Auslaufprogramm, er sprintete auf dem Rasen hin und her, wodurch er sich einen Handschlag von Fitnessleiter Holger Broich verdiente. Als ihn dann noch der Pressesprecher zu den Kameras bat, guckte Süle nicht gerade euphorisch, aber was gemacht werden muss, muss gemacht werden. Also räumte er einmal kräftig die Nase frei, lief zur Kamera des Bezahlsenders, antwortete zügig, auch auf die letzte Frage, ob denn der FC Bayern beim Turnier in Lissabon die Champions League gewinnen werde.

Süle zögerte nicht, er sagte sofort: "Ja!"

294 Tage lang war der Innenverteidiger ausgefallen, als er sich im Herbst 2019 das Kreuzband gerissen hatte, war das ein Schock für den ganzen Klub. Süle war der Stabilisator in der Abwehr, und das in einem Team, das unter dem damaligen Trainer Niko Kovac nie eine richtige Einheit geworden war. Ein paar Tage später trennten sich die Bayern von Kovac, Flick übernahm, er erfand den Linksverteidiger David Alaba als neuen Abwehrchef, außerdem fand er eine frühere Version von Boateng.

Süle bleibt erstmal die Rolle als Zuarbeiter

Und so reist der FC Bayern nach Lissabon mit einem furchteinflößend besetzten Abwehrzentrum. Dass Süle schon im Viertelfinale am Freitag gegen den FC Barcelona in die Startelf rücken könnte, den Anspruch erhob am Samstag nicht einmal Süle selbst. Über Boateng sagte er: "Ich hoffe, dass bei ihm alles okay ist, denn wir brauchen ihn in dem Turnier."

Süle fügt sich also erst einmal in seine Rolle als Zuarbeiter, und das zu Flicks Zufriedenheit. "Wirklich hervorragend" habe Süle das gemacht, lobte der Trainer. Da zusätzlich Einwechselspieler Corentin Tolisso ein Tor erzielt sowie Einwechselspieler Álvaro Odriozola ein Tor vorbereitet hatte, freute sich Flick über "die Erkenntnis, dass wir von der Bank nachlegen können".

Dass Süle wieder stabil auftritt, das ist für die Bayern auch mittelfristig eine wichtige Erkenntnis. Alaba hat seinen Vertrag noch nicht verlängert, ein Wechsel im Sommer ist nicht ausgeschlossen. Ob Boateng bleibt, ist wie in jeder der jüngsten Wechselperioden offen. Flick braucht Süle also in dessen Paraderolle als Abwehrchef bereits zur nächsten Saison, und die beginnt in fünf Wochen.

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SZ vom 10.08.2020/ska
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