Süddeutsche Zeitung

Tanguy Nianzou verlässt den FC Bayern:Abschied von der Vollgranate

Lesezeit: 3 min

Tanguy Nianzou verlässt den FC Bayern und wechselt zum FC Sevilla. Die hohen Erwartungen konnte er nicht erfüllen - und für die Transferstrategie dieses Sommers ist sein Verkauf wichtig.

Von Sebastian Fischer

Als der FC Bayern vor ein paar Wochen den 17 Jahre jungen Stürmer Mathys Tel von Stade Rennes verpflichtete, waren die Parallelen kaum zu übersehen. Ein französischer Juniorennationalspieler kam da nach München, in ersten Kurzeinsätzen in der Ligue 1 bewährt und in der Branche hoch geschätzt. "Eines der größten Talente in Europa" nannte ihn Sportvorstand Hasan Salihamidzic - wortgleich wie zwei Jahre zuvor einen jungen französischen Innenverteidiger.

"In unseren Augen ist er eines der größten Talente in Europa", sagte Salihamidzic im Sommer 2020 über Tanguy Nianzou, damals 18 Jahre alt und bei Paris Saint-Germain sogar schon in der Champions League eingesetzt. In der Mitteilung über den Wechsel nach München samt Vierjahresvertrag fand sich außerdem eine gewagte Prognose des Sportchefs: "Wir sind sicher, dass er bei uns eine große Karriere machen wird."

Das mit der großen Karriere beim FC Bayern hat vorerst nicht geklappt. Nianzou, inzwischen 20 Jahre alt, hat für den FC Bayern in den vergangenen zwei Jahren nur fünfmal über 90 Minuten gespielt. In der kommenden Saison wird er für den FC Sevilla in Spanien auflaufen; der FC Bayern gab den Transfer am Mittwochabend bekannt.

Vergleicht man den Wert des Verteidigers Nianzou für den FC Bayern mit jenem des Stürmers Tel, gibt es neben vielen Parallelen allerdings auch einen wesentlichen Unterschied: Tel kostete den FC Bayern 20 Millionen Euro Ablöse; Nianzou kam 2020 ablösefrei und kostet den FC Sevilla laut Kicker nun angeblich 20 Millionen. Damit passt das Geschäft zur Transferstrategie des Rekordmeisters in diesem Sommer.

Der FC Bayern hat für Gravenberch, de Ligt, Mané und Tel viele Millionen ausgegeben, Salihamidzic hält aber die Einnahmen dagegen

Angesprochen auf die hohen Ausgaben für neue Spieler in diesem Sommer - 18,5 Millionen Euro für Ryan Grevenberch, 67 Millionen für Matthijs de Ligt, 32 Millionen für Sadio Mané und besagte 20 Millionen für Tel - hat Salihamidzic zuletzt mit den Transfereinnahmen dagegengehalten. Er erwähnte nicht nur den Abschied von Robert Lewandowski zum FC Barcelona, sondern auch die zusammengerechnet angeblich mehr als 30 Millionen Euro teuren Verkäufe der Ergänzungsspieler Marc Roca (Leeds United), Omar Richards (Nottingham Forest) und Chris Richards (Crystal Palace). In dieser Reihe steht nun auch Nianzou.

Der Franzose war nach seinem Wechsel nach München nicht nur von Salihamidzic, sondern auch von der Konkurrenz gelobt worden. "Er ist ein Ausnahmetalent und wird einer der besten Innenverteidiger der nächsten zehn Jahre", sagte etwa Ralf Rangnick, der Nianzou wohl als Manager auch gerne zu RB Leipzig geholt hätte. "Er ist das größte Talent, das ich je gesehen habe", sagte Zsolt Löw, damals Assistent von Thomas Tuchel in Paris. Und Bayerns ehemaliger Kaderplaner Michael Reschke nannte den Verteidiger eine "Vollgranate".

Dass Nianzou in München niemals vollgranatenmäßig einschlug, lag zum einen an Verletzungen, die ihn zurückwarfen, darunter ein Muskelbündelriss im Oberschenkel in seiner ersten Saison. Es lag aber zumindest in seiner zweiten Saison auch an seinen Leistungen. Im Training würde Nianzou sich zwar viel zutrauen, aber "den einen oder anderen Fehler zu viel" machen, sagte Nagelsmann im Oktober. Im Februar sagte er: "Er hat immer wieder Situationen, in denen er haarsträubende Fehler macht." Und im April wechselte Nagelsmann Nianzou nach einem harten, mit gelber Karte bestraften Foul gegen Bielefeld aus, nannte es eine "erzieherische Maßnahme" und erklärte: "Er ist ein sehr aggressiver Spieler, aber er muss gut abwägen, wann er diese Aggressivität aufs Feld bringt."

Nur in 28 Pflichtspielen wurde Nianzou in München insgesamt eingesetzt. In dieser Saison wäre es für ihn mindestens genauso schwierig geworden, Erfahrung zu sammeln. Matthijs de Ligt soll der neue Abwehrchef werden, bislang sind aber auch Lucas Hernández und Dayot Upamecano in starker Form - genauso wie Rechtsverteidiger Benjamin Pavard, der auch innen spielen kann. Und so gehörte Nianzou wie Stürmer Joshua Zirkzee und Rechtsverteidiger Bouna Sarr schon seit geraumer Zeit zu den letzten Verkaufskandidaten dieses Sommers.

Über Zirkzee, 21, sagte zuletzt Borussia Mönchengladbachs Sportchef Roland Virkus, er sei "ein guter Spieler", was natürlich Gerüchte nährte, genauso wie die Aussage von Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat, Zirkzee sei "definitiv ein hochspannender Spieler". Für den Fall eines Transfers von Sasa Kalajdzic würde der VfB Ersatz benötigen.

Dass es sich auch bei Nianzou um einen talentierten, in der Fußballsprache also "spannenden" Spieler handelt, der Auffassung sind sie in München übrigens weiterhin. "Wir haben Tanguy Nianzou vor zwei Jahren verpflichtet, weil wir an sein großes Potential glauben. Daran hat sich nichts geändert", so wird Salihamidzic in der Mitteilung vom Mittwoch zitiert. Die Transfervereinbarungen mit Sevilla, darauf weist der FC Bayern ausdrücklich hin, beinhalten eine "Rückholoption".

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