Meisterschaft des FC Bayern:Weit mehr als ein Trostpreis

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Meisterschaft des FC Bayern: So fühlt sich das also an: Julian Nagelsmann nach seinem ersten Meistertitel mit dem FC Bayern.

So fühlt sich das also an: Julian Nagelsmann nach seinem ersten Meistertitel mit dem FC Bayern.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Der zehnte Meistertitel für den FC Bayern ist für seinen Trainer Julian Nagelsmann der erste - der ihm am Ende eines schwierigen Jahres viel bedeutet. Seine erste Bilanz fällt selbstkritisch aus.

Aus dem Stadion von Andreas Liebmann

Eine eisige Kälte nahm von Julian Nagelsmann Besitz. Sie ließ ihn schaudern. Sie kroch seine Hosenbeine hinauf, drang durch jede Pore seines schwarzen Shirts. Er war ihr völlig ausgeliefert.

So fühlt sich das also an, deutscher Meister mit den Bayern zu werden. Nagelsmann kannte das bisher nicht, er hat die Meisterschaft als junger Fußballtrainer noch nie zuvor gewonnen, was sich einigermaßen plausibel dadurch erklären lässt, dass er nie zuvor Trainer jenes Vereins war, der den Titel nun bereits im zehnten Jahr nacheinander gepachtet hat - und der seine Erfolge mit ausgiebigen Weißbierduschen zu feiern pflegt.

Es hat schon auch Vorteile, wenn eine Meisterschaft mal länger spannend bleibt, am besten bis zum letzten Spieltag Mitte Mai, wenn es draußen warm ist. So war der 34-Jährige nun also nass bis zur Unterhose, und es half ihm auch nichts mehr, dass es hier im Presseraum etwas wärmer war als im Stadion. Trotzdem: Es habe sich gut angefühlt dort draußen, berichtete er, und es sei wichtig gewesen, diesen Titel genau jetzt gesichert zu haben. An diesem kühlen April-Tag, im ausverkauften Heimstadion gegen den ärgsten Rivalen Borussia Dortmund - mit 3:1 (2:0).

Überwiegend dominant waren sie aufgetreten, bis auf eine Phase nach dem Dortmunder Anschlusstreffer durch einen von Joshua Kimmich verursachten Elfmeter, als sie etwas die Kontrolle über ein dann doch rasantes Spitzenspiel verloren. "Das rückt die Saison in ein besseres Licht", fand er; eines, das sie ohnehin verdient habe. So gesehen fror Nagelsmann jetzt gerne.

Die Spieler hätten ihm aus tiefstem Herzen und sehr ehrlich gratuliert, erzählt der Trainer

Draußen war es Benjamin Pavard, der ihn als Erster erwischt hatte. Das spielte nun zwar keine Rolle mehr, aber es war vielleicht auch kein Zufall. Zum einen, weil der französische Verteidiger in dieser dritten Halbzeit zu Höchstform auflief, den acht Dirndlträgerinnen ihre frisch aufgefüllten Riesengläser förmlich aus den Händen riss, um damit in ungewohntem Offensivdrang jedem nachzusprinten, den er noch nicht überschüttet hatte.

Seit Corona gab es diese Tradition in München nicht mehr, und nun feierten sie sich dort draußen ein bisschen jenen Frust von der Seele, den das Champions-League-Aus im Viertelfinale gegen Villarreal hinterlassen hatte, und die Euphorie, mit der sie das taten, zeigte doch, dass der Meistertitel auch für die Spieler mehr war als ein Trostpreis. Und zum anderen hatte Pavard ja auch während der Partie schon ein paar Gegner schwer erwischt: Dortmunds Julian Brandt zum Beispiel, was ihm eine dunkelgelbe Karte hätte einbringen müssen; und vor allem Jude Bellingham: Für die Grätsche gegen ihn wäre eigentlich ein zweiter Dortmunder Strafstoß zum möglichen 2:2 fällig gewesen. Doch in beiden Momenten erkannte Schiedsrichter Daniel Siebert kein Foul.

"Das ist ein bedeutender Moment für mich", versicherte Nagelsmann dann bei der Pressekonferenz. "Es war schon nicht ganz einfach", dieses Jahr, einige Nackenschläge habe es gegeben, "die für mich Ehrgeizling nicht so leicht zu verkraften sind". Er führte das nicht weiter aus, aber das frühe Ausscheiden aus dem DFB-Pokal gegen Mönchengladbach, das Viertelfinal-Aus gegen Villarreal, die Impfdebatten, Ausfälle wegen Corona, der Disput mit Freiburg nach einem Wechselfehler und die schwer erklärlichen Phasen von schlechter Laune im Kader - es gibt wohl wirklich leichtere erste Jahre.

Seine Spieler hätten ihm "aus tiefstem Herzen" und "sehr ehrlich" gratuliert, erzählte er, und dann folgte ein Satz, der zeigte, wie jung dieser Trainer tatsächlich ist: "Die haben auch alle mal den ersten Titel gewonnen und wissen, wie das ist." Thomas Müller, 32, hat diese Erfahrung jetzt schon elf Mal gemacht.

Zum Abschluss gibt es Nachdenkliches: Seine häufigen taktischen Umstellungen werde er ein wenig zurückfahren

Es gab dann allerdings kein volles Glas Euphorie im Presseraum, sondern im Gegenteil: viel Nachdenkliches. In mancher Debatte hatte sich der eloquente Nagelsmann zuletzt etwas vergaloppiert, trotzdem wolle er seinem Stil da treu bleiben, erklärte er, weiter seine Meinung kundtun und versuchen, dabei auch die Meinung des Vorstands "mitzutransportieren", mit dem er sich eng austausche. Und ganz vielleicht ist dieser junge Trainer ja auch in taktischen Dingen bisweilen etwas weit gegangen.

Meisterschaft des FC Bayern: Die Schale gab's diesmal nur als Pappvariante - die echte bekommen die Bayern am letzten Spieltag in Wolfsburg.

Die Schale gab's diesmal nur als Pappvariante - die echte bekommen die Bayern am letzten Spieltag in Wolfsburg.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Die Mannschaft, erläuterte Nagelsmann, sei es in den zurückliegenden Jahren gewohnt gewesen, im Wesentlichen immer "das Gleiche zu spielen", was nun nicht zwingend nach großem Kompliment klang - ihr aber in kritischen Momenten Sicherheit gebe. Zwar sei er keiner, der an der Taktiktafel die Magneten nur deshalb durch die Gegend schiebe, um zu zeigen, was er taktisch könne, er werde sich auch die Option der Dreierkette nicht ganz abgewöhnen. Und natürlich gebe es immer viele knifflige Dinge in ein Gleichgewicht zu bringen, wenn etwa Alphonso Davies mal monatelang ausfalle, Kingsley Coman am liebsten links, Leroy Sané aber gerne halblinks und Pavard sowieso am allerliebsten in der Innenverteidigung spiele.

Aber ja: Seine häufigen taktischen Umstellungen, die werde er künftig wohl "etwas zurückfahren". Womöglich war das ein Zwischenergebnis der vergangenen zwei Wochen, in denen viel analysiert und gemeinsam aufgearbeitet worden sei.

In den ausstehenden Partien will Julian Nagelsmann nun noch den Fleiß jener Spieler belohnen, die zuletzt kaum Einsatzzeit bekommen haben, kündigte er an. Einfach dürfte die Zeit bis Mitte Mai dennoch nicht werden - schon wegen der offenen Vertragsangelegenheiten bei Serge Gnabry und Robert Lewandowski, den Schützen der ersten beiden Münchner Tore (15., 34.). Gnabry hatte trotz Magenproblemen eine Stunde lang ausgezeichnet gespielt, Lewandowski einige Chancen erarbeitet und viele Bälle gesichert.

Danach aber wurde der Pole zu seiner ausstehenden Vertragsverlängerung befragt - und sagte im Pay-TV-Sender Sky, dass er nicht recht viel mehr wisse, als dass es bald ein Treffen gebe. Dass noch kein Wort mit ihm gesprochen worden und es keine leichte Situation für ihn sei. Und dass man doch besser den Verein dazu befragen müsse, ob der ihn unbedingt halten wolle. Es klang, als wäre die Gesprächsatmosphäre mit den Verantwortlichen ähnlich erkaltet wie Trainer Nagelsmann nach den Weißbierduschen. Zumindest im Laufe der folgenden Nacht dürfte beim Meisterfeiern allen etwas wärmer geworden sein.

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