Dass Wolfsburg als Party-Location nur sehr bedingt taugt, wissen Beobachter des örtlichen Bundesligisten nur zu gut. Man denke nur an die Eskapaden des heute bei Werder Bremen reüssierenden Max Kruse, oder auch an die Bemerkungen von Julian Draxler (heute bei Paris St.-Germain) über die schönste Ecke der VW-Stadt: Plattform 5 am Bahnhof, wo der ICE nach Berlin abfährt.
Dem FC Bayern ist derlei einigermaßen egal, er feiert die Feste, wie sie fallen. Am Samstag machte der deutsche Rekordmeister den 27. Titel der Vereinsgeschichte halt in Wolfsburg perfekt - durch ein 6:0 (3:0) beim VfL, der sich weiterhin massiv in Abstiegsgefahr befindet. Ein bisschen Euphorie war auch zu spüren, als die Spieler in die Kabine liefen. "¿Dónde está el alcohol?", brüllte Thiago Alcántara, nachdem er mit den restlichen Bayern in der Kurve mit den Fans einen unerhörten Triumph gefeiert hatte: Der FC Bayern ist zum ersten Verein in der Bundesliga-Geschichte gereift, der fünf Titel aneinanderreihen konnte. "Deutscher Meister wird nur der FCB", skandierten die Anhänger der Bayern. Nie war es so wahr wie heute, da die Wettbewerbskraft der Bundesliga am Boden liegt. Denn die Bayern sind Meister, obschon noch drei Spieltage ausstehen.

FC Bayern:Lewandowski grüßt Aubameyang
Der Pole ist wieder im Tor-Modus, Arjen Robben muss sich zu einem Lächeln zwingen und Joshua Kimmich grätscht wie der Teufel. Der FC Bayern in der Einzelkritik.
Dass dieser 31. Spieltag die Gelegenheit bereit halten würde, die Meisterschaft perfekt zu machen, hatten die Bayern vor der Partie auf dem Rasen der Wolfsburger Arena erfahren. Denn die Kunde vom 0:0 von RB Leipzig, der einzigen Mannschaft, die noch eine theoretische Chance darauf hatte, den Titelgewinn hinauszuzögern, erhielten sie bei der Platzbegehung, als sie noch Joggingschuhe und Ausgehanzüge anhatten. Das Remis der Leipziger gegen Ingolstadt ließ sie locker, selbstbewusst und gut gelaunt wirken; die Erinnerungen an das Aus in der Champions League in Madrid und den Pokal-K.-o. unter der Woche gegen Borussia Dortmund waren wenigstens vorübergehend verblasst. Das ermöglichte einen Gemütszustand, der zu einem ungefährdeten Sieg führte. Zu einem Monolog, der letztlich sinnbildlich für die nationale Übermacht der Bayern stand.
Kimmich zieht zusammen mit Thiago die Fäden
Die Überlegenheit des FC Bayern war von der ersten Sekunde an greifbar. Trainer Carlo Ancelotti hatte auf sein A-Team verzichtet; er setzte auf zahlreiche Komparsen. Xabi Alonso reiste zwar mit, stand wegen einer Erkältung aber nicht im Kader, und Arturo Vidal setzte sich bloß auf die Bank. Stattdessen zogen Thiago Alcántara und Joshua Kimmich im Mittelfeld die Fäden, sie verlagerten immer wieder das Spiel; unter anderem mit langen Bällen auf Kingsley Coman, der Franck Ribéry ersetzte.
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Die erste Torchance gab es nach zehn Minuten, als Thomas Müller im Strafraumzentrum eine Hereingabe von Lewandowski verpasste, die nur knapp am Tor vorbeistrich. Die Führung der Bayern war freilich nur aufgeschoben, sie folgte durch einen aus 23 Metern direkt verwandelten Freistoß von Alaba - wobei die Mauer der Wolfsburger sehr weit weg vom Tatort stand. Dass die Bayern es nicht dabei bewenden lassen wollten, wurde nur zwei Minuten später deutlich, als Koen Casteels spektakulär eine Doppelchance von Lewandowski und Müller vereitelte.
Wolfsburg brach nach dem zweiten Gästetor in sich zusammen, als Lewandowski nach einem Müller-Pass in den Rücken der Abwehr aus 15 Metern völlig freistehend einschießen konnte. Und auch beim 3:0 der Bayern standen die Wolfsburger für Lewandowski nur Spalier, als er ebenfalls am Strafraum von Coman flach angespielt wurde. "Das war gefühlt Männerfußball gegen Jugendfußball", sagte Wolfsburgs Stürmer Mario Gomez nach der Partie.
Nach dem 4:0 gönnt sich Bayern-Boss Rummenigge das erste Bierchen
In der Tat hätte die Gesamtlage es den Bayern erlaubt, in der Halbzeitpause bereits die ersten Perlwein-Flaschen zu köpfen. Doch sie spielten die Partie mit Professionalität herunter. Es war zwar nichts Samtseidenes mehr dabei. Es reichte, dass sie den Ball beharrlich in den eigenen Reihen zirkulieren ließen. Denn die Wolfsburger wirkten zunehmend so, als hätten sie unter der Woche nicht mit einem Ball, sondern mit Radkappen aus der VW-Produktion trainiert. In der 66. Minute erzielte Arjen Robben ein typisches Robben-Tor, weil er nicht attackiert wurde, als er von rechts ins Zentrum zog, um flach zum 4:0 einzuschießen.
Größeren Nachrichtenwert hatten da schon die Auswechslungen: Der seit Wochen angeschlagene Mats Hummels durfte nach 68 Minuten gehen, für Kapitän Philipp Lahm war nach 71 Minuten Schicht. Das war auch der Zeitpunkt, zu dem sich Bayern-Boss Karlheinz Rummenigge auf der Ehrentribüne das erste Sieger-Bier gönnte - und sich an der Seitenlinie Renato Sanches darauf vorbereitete, Thiago zu ersetzen.
Luiz Gustavos grotesker Ausraster
Der Portugiese sollte noch eine tragende Rolle spielen, weil Wolfsburgs Kapitän Luiz Gustavo ihn im Mittelfeld zu Fall brachte - ein taktisches Foul, das die zweite Verwarnung für den Brasilianer nach sich zog, er hatte schon in der ersten Halbzeit wegen Meckerns Gelb gesehen. Dem Schiedsrichter Felix Zwayer applaudierte er nicht nur höhnisch, er musste von vier Wolfsburger Kameraden im Stile von Sondereinsatz-Kommandos niedergerungen werden, er wäre dem Referee sonst wohl an die Wäsche gegangen. Damit fehlt Luiz Gustavo kommende Woche in Frankfurt - und womöglich noch länger, sein Landsmann Neymar wurde neulich in Spanien für eine ähnliche Aktion für drei Spiele gesperrt. Dass dann noch die Gegentore fünf und sechs folgten - durch Thomas Müller (80.) und Joshua Kimmich (85.) -, war aus Bayern-Sicht bloße Dreingabe. Bei ein bisschen mehr Konsequenz hätte das Resultat noch höher ausfallen können.
"Wir sind wegen der letzten 15, 20 Tage natürlich noch ein wenig traurig", sagte Trainer Carlo Ancelotti, der mit Blick auf die Spiele gegen Real Madrid und Borussia Dortmund sogar Lothar Matthäus zitierte: Den Bayern habe "a little bit lucky" gefehlt. Vereinsboss Rummenigge ordnete die fünf Titel in Serie ein: "Das ist etwas Außergewöhnliches. Ich habe zehn Jahre bei Bayern München gespielt und in zehn Jahren zwei Mal den Titel gewonnen." Nun also ein Fünferpack, der erst in München richtig gefeiert werden sollte. Doch der Blick eilt schon voraus. "Wir können jetzt in Ruhe die nächste Saison planen", sagte Trainer Ancelotti.

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Nur einer war unzufrieden: Mats Hummels hätte zur Feier des Tages gerne einen Gin-Tonic getrunken. Den gab's in Wolfsburg aber nicht. Einige Sachkundige hätten ihm das bestimmt schon vorher sagen können.
