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FC Bayern München:Pizza alla Kovac

Nach dem Aus des FC Bayern im Achtelfinale der Champions League offenbaren sich zwischen Trainer und Mannschaft unterschiedliche Auffassungen von der richtigen taktischen Ausrichtung.

Mats Hummels griff sich mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger ans Kinn, er senkte den Kopf, in dieser Pose verharrte er. Es war eine bedenkliche Körperhaltung angesichts der Lage des FC Bayern. Hummels gilt als Denker und Mahner des deutschen Fußballs, nun verstärkte er diesen Eindruck, dafür genügten die drei Finger am Kinn. Hummels schwieg, auch dieses Schweigen verstärkte er. Er sagte: "Da brauche ich ganz kurz."

Und so stand Hummels, Innenverteidiger des FC Bayern, kurz vor dem Ausgang der Münchner Arena als lebendes Warnschild, wenige Minuten vor Mitternacht.

Eine knappe Stunde zuvor hatte Hummels mit seiner Mannschaft das Rückspiel im Achtelfinale der Champions League 1:3 (1:1) gegen den FC Liverpool verloren, nach dem 0:0 im Hinspiel bedeutete dies das frühe Aus. Über die Niederlage selbst musste Hummels aber nicht nachdenken, er bezeichnete sie als "verdient", weswegen es auch "nicht so ein bitteres Ausscheiden wie in den letzten Jahren" sei, als der FC Bayern noch ein Abonnement auf das Halbfinale zu haben schien. Bitter war diese Niederlage allenfalls, weil sie offenlegte, dass dieser FC Bayern nicht mehr zu den besten Mannschaften des Kontinents zählt. Aber auch das war keine ganz überraschende Erkenntnis, zumindest nicht für einen wie Hummels, der den Lauf der Fußballwelt zu hinterfragen pflegt. Dass er nun so angestrengt nachdachte, lag daran, dass er seine Analyse nicht zu grundsätzlich halten wollte.

FC Bayern Muenchen v Liverpool - UEFA Champions League Round of 16: Second Leg

Herr Mané bittet zum Tanz: Liverpools Stürmer hat Manuel Neuer mit einer Bewegung verladen. Er vollendet die filigrane Aktion mit einem Chip ins Bayern-Tor.

(Foto: Lars Baron / Bongarts / Getty Images)

Es habe nicht der Wille gefehlt, hatte Hummels vor seinem Schweigen gesagt. "Es ist eine rein fußballerische Angelegenheit, die ich jetzt aber auch nicht zu ausführlich diskutieren möchte." Es folgte ein erstes Schweigen. "... ohne dass ich dafür morgen auf die Mütze krieg'!" Nun folgte das längere Schweigen.

Als Denker und Mahner lebt Hummels nicht immer gemütlich, unter anderem auch deshalb, weil er selbst in seinen Ausführungen meist ganz gut wegkommt, zum Beispiel im Januar, als er zur Eigenwerbung ein paar Statistiken twitterte, die ihn als wichtigsten Innenverteidiger des FC Bayern kennzeichneten (den Tweet löschte er schnell wieder). Oder als er nach der Niederlage im Herbst in Dortmund erklärte, er habe aufgrund einer "schweren Erkältung" im Kopf "für alles etwas länger gebraucht als sonst". Am Mittwoch aber ging es ihm bei seinem Nachdenken nicht darum, die eigene Leistung schönzureden (die ohnehin eine der besseren war, auch wenn er bei den Treffern zum 1:2 von Virgil van Dijk und dem 1:3 durch Sadio Mané der nächste Gegenspieler war). Mats Hummels war einfach darum bemüht, nicht allzu öffentlich zu machen, wie gravierend offenbar die Ursachen dieses Ausscheidens sind.

Also schwieg er. Und als er dann sprach, war das, was er sagte, immer noch stark genug, um zu verstehen, wie sehr Hummels gerade an den Spielen der eigenen Mannschaft leidet. Es ist das Leiden eines Denkers, der ein Spiel nicht als Ansammlung von Einzelaktionen sieht, sondern als gruppendynamische Strategieaufgabe.

Am Mittwoch endete die Ära des FC Bayern als große europäische Fußballmannschaft, und kurz vor Mitternacht sagte Hummels schließlich: "Ähem", Pause, "wir haben eine gewisse Spielweise, sage ich mal, die gegen", Pause, "pressende Mannschaften", Pause, "nicht immer", Pause, "zum hundertprozentigen", Pause, "Erfolg führt." Dann hatte er fertig gedacht, den nächsten Satz sagte er wieder flüssig: "Da täten uns vielleicht ein, zwei andere Begebenheiten in unserem Spiel ganz gut."

Das kann doch nicht wahr sein: Das Spiel lief nicht so, wie Münchens Trainer Niko Kovac sich das vorgestellt/gewünscht hatte.

(Foto: Günther Sschiffmann / AFP)

Welche Begebenheiten er meinte, ließ er offen. Aber früher am Abend hatte er über das gesprochen, was er wohl erneut meinte: das Offensivspiel der Münchner. "Wenn eine Mannschaft so spielt wie Liverpool, muss man diese Pressinglinie überspielen", hatte er gesagt. "Wir haben es nicht geschafft, das Tempo nach vorne zu bringen, so dass wir auch mal auf eine ungeordnete Abwehrreihe getroffen wären."

Dass der FC Bayern scheiterte, lag nicht daran, dass Liverpool so übermächtig war. Es lag auch daran, dass der FC Bayern sich selbst blockierte. Aus einer Ansammlung von begabten Individualkönnern ist in dieser Saison kein Gefüge geworden, davon hat zuletzt die Aufholjagd in der Bundesliga abgelenkt. Mängel wie im Offensivspiel gegen Liverpool waren auch in der Liga oft zu beobachten gewesen.

Die Mannschaft stand insgesamt nah am eigenen Tor, sodass der wichtigste Spiel-Eröffner, Thiago, sich weit zurückziehen musste, um den Ball zu bekommen. Das führte zu einer Kettenreaktion, weil auch James Rodríguez, letzter Zuspieler vor Angreifer Robert Lewandowski, sich an der Mittellinie aufhalten musste. Da die Außenbahndribbler Franck Ribéry und Serge Gnabry an der Linie klebten, bestand die Offensive des FC Bayern im Wesentlichen aus einem riesigen Loch. "Wir haben in beiden Spielen zu defensiv gespielt", klagte Lewandowski. Torwart Manuel Neuer vermisste "den Mut, die zweite, dritte Reihe zu überspielen, um in die Gefahrenzone zu kommen". Wie so oft in dieser Saison wirkte das Spiel der Bayern wie eine Pizza, bei der auf einen soliden Teig viele gute Zutaten geworfen sind, allerdings ohne vorher zu überlegen, ob es geschmacklich zusammenpasst. Es war bezeichnend, dass das 1:1 ein durch Gnabrys Einzeldynamik erzwungenes Eigentor von Liverpools Joel Matip war.

firo :  13.03.2019, Fußball, Fussball: UEFA, Champions League, CL,Saison 2018/2019 , Achtelfinale, Rückspiel, FC Bayern München - FC Liverpool

Volle Streckung: Sadio Mané sorgt zum Entsetzen von Mats Hummels (links) und Rafinha (hinten) für den Endstand in München.

(Foto: firo Sportphoto)

Trainer Niko Kovac, der nach dem 0:0 im Hinspiel für seine defensive Taktik gelobt worden war, gestand, dass Liverpool "uns die Grenzen aufgezeigt" hat. Warum diese Grenzen sichtbar wurden, verriet Kovac indirekt, als er nach Abpfiff seine Spielidee erklärte. Er stellte sie vor im Tonfall des defensiv denkenden Trainers, der er immer war und der er wohl noch lange zu bleiben gedenkt. Er stellte sie vor als ein Trainer der Negation, der bewusst nicht das machen will, was dem Gegner nützen könnte -der aber keine schlüssige Offensividee für die eigene Mannschaft austüftelt. "Wir wollten kontrolliert nach vorne spielen, ohne hinten frühzeitig aufmachen zu müssen", sagte er. Und: "Wir wollten nicht die Fehler machen, die der Gegner braucht, um sein Spiel aufzuziehen. Wir wollten nicht unbedingt permanent durch die Mitte spielen, weil sie dort lauern. Wir haben daher versucht, mit Spielverlagerungen zu arbeiten, um eine Überzahl zu schaffen. Das ist uns nur teilweise gelungen." Hätte er mehr auf Spielverlagerungen setzen wollen, hätte er zum Beispiel Jérôme Boateng statt Niklas Süle in der Innenverteidigung spielen lassen können. Das aber war Kovac zu riskant.

Kurz vor Mitternacht wurde Hummels gefragt, warum die Mannschaft offensiv nicht das gezeigt habe, was sie gebraucht hätte. Er sprach sofort und ungefragt über Kovac. "Da muss ich den Trainer auch mal in Schutz nehmen. Der Trainer fordert das oft, aber es klappt nicht immer so gut, wie er es von uns auf dem Platz sehen möchte."

Warum nicht? "Ich bleib' bei der Aussage von gerade" wich Hummels aus. "Alles, was ich jetzt sage, wäre eigentlich inhaltlich spannend, aber ich weiß ja, was am Ende daraus gemacht wird. Wenn wir jetzt hier einen Fußballpodcast machen würden, wo wir eine halbe Stunde lang über Taktik sprechen, würde ich darüber reden." Dann verabschiedete er sich, zufrieden, dass er niemandem die Schuld zugeschoben hatte.

Die Taktik, über die er nur in einem Podcast sprechen würde, das weiß aber auch Hummels, verantwortet der Trainer.