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FC Bayern München:Nah dran ist nicht nah genug

Trotz Überlegenheit des FCB bereitet der SC Paderborn dem Favoriten Probleme. Denn das vom zielgerichteten Schöngeist Coutinho geprägte Offensivspiel der Münchner rutscht defensiv mitunter aus der Verankerung.

Von Philipp Selldorf, Paderborn

Die "Benteler"-Arena in Paderborn wird vermutlich keinen Architekturpreis gewinnen. Sie ist, das darf man offen und ehrlich sagen, kein Schmuckstück der Stadionkultur, sondern ein Muster für preisgünstiges und zweckmäßiges Bauen. Auch die Innenraum-Gestaltung richtet sich nach einfachen Erfordernissen, auf den besseren Tribünenplätzen ist es eng, wenn auch nicht überall ganz so eng wie auf dem Platz, auf dem Karl-Heinz Rummenigge am Samstag gesessen hat. Den Vorstandschef des FC Bayern hatten die Gastgeber mitten ins heimische Publikum gesetzt, und so hat Rummenigge in der zweiten Hälfte häufig nur die Hintern seiner Vordersassen gesehen, nachdem sich die Sitznachbarn wieder mal in wilder Anteilnahme von ihren Plätzen erhoben hatten.

Rummenigge ist dann ebenfalls aufgestanden, um nichts zu verpassen, denn dieses Spiel des FC Bayern beim SC Paderborn war nicht nur bis zum Ende spannend, sondern auch eines, in dem sich Übliches sehenswert mit Unüblichem mischte.

Lewandowski erzielt sein zehntes Saisontor - "quasi auf dem Weg zur Auswechselbank"

Üblich war, dass der FC Bayern dank seiner spielerischen Klasse und einer überwiegend angemessen energischen Spielweise weite Teile der Partie beherrschte und bis zur Pause genügend Chancen erwirtschaftete, um einen Kantersieg zu landen. Einen "Zu-Null-Kantersieg", wie Torwart Manuel Neuer später säuerlich präzisierte, der Kapitän war nicht amüsiert über die Abenteuer, die ihm in Ostwestfalen widerfuhren. Man wird es niemals erleben, dass Neuer großzügig über ein Gegentor hinwegsieht, auch nicht dann, wenn die eigene Elf zehn Mal getroffen hat. Am Samstag aber waren die Gegentreffer Anlass für eine grundsätzliche Beschwerde: "Coolness und Cleverness" vermisste Neuer, Basiselemente einer Spitzenmannschaft.

So ergaben sich Szenen eines Fußballspiels, die der ständige Meister in seinem Herrschaftsgebiet, der Bundesliga, nicht schätzt. Die Bayern wurden gefordert. Gegen Ende hätten sie "einfach Bälle weggeschlagen", berichtete Paderborns Kapitän Uwe Hünemeier stolz. "Die hatten nicht so viel Bock, die letzten Minuten gegen uns zu spielen", glaubte der junge Abwehrspieler Luca Kilian festgestellt zu haben. Diese Darstellungen waren nicht unzutreffend, und jedes Kompliment an das nie die Courage verlierende Paderborner Team hatte Berechtigung. Doch am besten traf der nüchterne Befund des SC-Trainers Steffen Baumgart den Sachverhalt: Man sei "nah dran" gewesen, "aber nicht nah genug".

Wenn die Bayern für Coutinho 120 Millionen zahlen, was passiert dann mit Sané oder Havertz?

Spannend war diese unterhaltsame Partie vor allem wegen der Bayern, die zwar konsequent die notorisch riskant formierte Deckung der Paderborner ausspielten, aber ebenso konsequent keinen Gebrauch von ihren Groß- bis Riesenchancen machten. 15 000 Besucher wurden bereits nach sieben Minuten Zeugen eines Wunders: Robert Lewandowski verfehlte nach einer Kombination über Philippe Coutinho und Serge Gnabry das leere Tor, übrigens mit seinem bis dahin ersten Ballkontakt.

SC Paderborn 07 - FC Bayern München

Ein Nachmittag in Ostwestfalen: Der starke Coutinho erzielt das 2:0 der Bayern in Paderborn.

(Foto: David Inderlied/dpa)

Dies war nicht der Tag des Mittelstürmers, aber es war dann auch wieder typisch für ihn, dass er - "quasi auf dem Weg zur Auswechselbank", wie Hünemeier mitteilte - nach einem Tiefenpass von Niklas Süle doch noch auf meisterliche Art sein zehntes Saisontor erzielte. Zum zweiten Mal schien der Spielausgang damit geklärt zu sein, doch wie nach Coutinhos 2:0 kam Paderborn noch mal zurück. Auf Lewandowskis 3:1 (80.) folgte Jamilu Collins' tadelloser Fernschusstreffer (86. Minute).

Andererseits konnten sich die Bayern einen allenfalls halbguten Lewandowski locker leisten, weil hinter ihm ein oft sehr guter Coutinho zauberte, über dessen Auftritt Trainer Niko Kovac mutmaßen durfte, dass ihn wohl die Fans beider Seiten "genossen" hätten. Im Gegensatz zu seinem nach Madrid zurückgekehrten Quasi-Vorgänger James ist Coutinho nicht nur ein versierter Schönspieler, sondern ein zielgerichteter Schönspieler. Nicht alles funktionierte, es gab ab und zu Missverständnisse mit den Kollegen, aber wenn es funktionierte, dann sah es hochelegant aus und brachte zugleich konkreten Nutzen.

Coutinhos Pass zu Serge Gnabry vor dem 1:0 war ein simpler Pass auf den freien Mitspieler, doch in dieser Ausführung war er auch ein kleines Zauberstück. Nebenbei verändert Coutinho in seinem Vorwärtsdrang das Spiel der Bayern: Er rückt es nach vorn, was dann auch mal dazu führen kann, dass es defensiv aus der Verankerung rutscht. Dies wiederum kollidiert möglicherweise mit grundlegenden Auffassungen des Münchner Trainers.

In Paderborn reagierte Kovac, beim Pausenstand von 1:0 offenbar um die Sicherheit besorgt, indem er den luftig herumschwirrenden Thiago durch den getreuen Abräumer Javier Martinez ersetzte. Man habe es "nicht geschafft, Kontrolle im Mittelfeld" zu erlangen, kritisierte Sportchef Hasan Salihamidzic später. Speziell Thiago hatte an Coutinhos leichtfüßigem Stil offenbar Gefallen gefunden, auch er streute lässige Momente ein, manche davon gerieten zum Risikofall. Höhepunkt: Thiago No-Look-Rückgabe zum Torwart, die Neuer niemals erreichen konnte, dafür aber leise den Pfosten touchierte - Paderborns beste Chance in der ersten Hälfte.

Rekordmann: Robert Lewandowski feiert sein zehntes Saisontor.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Coutinho, 27, steht noch am Anfang seiner Bayern-Karriere, doch man fragt sich schon jetzt, wie lange diese Karriere wohl dauern wird. Wenn er so ansehnlich und zugleich so ergiebig weiterspielt, nicht nur gegen Paderborn, sondern auch in Dortmund und in der Champions League, dann tut sich womöglich ein Dilemma auf für die Münchner. Sie müssten dann entscheiden, ob sie den aus Barcelona geliehenen Brasilianer dauerhaft übernehmen, wofür sie dann allerdings die im Vertrag festgelegten 120 Millionen Euro herausrücken müssten. Bisher war Coutinhos Wechsel in die Bundesliga eine wunderbar praktische Lösung für alle Beteiligten, der Transfer war die Reaktion auf Zwänge, die beide Klubs und den Spieler belasteten. Wenn es aber demnächst um die Kader-Planung der nächsten Jahre geht, ist die Lage für die Münchner weniger übersichtlich.

Sie müssten aktiv werden und wegweisende Fragen beantworten. Zum Beispiel: Wenn Coutinho 120 Millionen kostet - sind dann noch (mindestens) 100 Millionen für Kai Havertz, 20, oder Leroy Sané, 23, zur Hand? In solchen Dimensionen haben selbst die Bayern keine Erfahrung.

Probleme, die man rund um die wackere "Benteler"-Arena auch mal gerne hätte.

© SZ vom 30.09.2019
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