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FC Bayern München:Ein später Weckruf - und dann der Überfall

Bundesliga - Bayern Munich v 1. FSV Mainz 05

Kaum zu glauben, auch für den Schützen selbst: Sogar Bayern-Verteidiger Niklas Süle (Mitte) steuert ein Traumtor bei zum 5:2 gegen Mainz.

(Foto: Andreas Gebert/REUTERS)

Der FC Bayern wird von frechen Mainzern eine Halbzeit lang hergespielt. Doch dann machen die Münchner Ernst - und aus einem 0:2 ein 5:2.

Aus dem Stadion von Sebastian Fischer

Als der FC Bayern vor wenigen Monaten diese Bundesliga-Saison mit einem Heimspiel gegen einen unterlegenen Gegner begann, da war zumindest der Tabelle vorher noch nicht zu entnehmen, wie dieser Gegner einzuschätzen war. Mit 8:0 schlugen die Münchner Mitte September dann den FC Schalke 04, und die Frage war hinterher, ob die Schalker so schwach - oder die Bayern wenige Wochen nach dem Champions-League-Sieg schon wieder so gut spielten. Diesmal, dreieinhalb Monate später, war die Ausgangslage etwas anders.

Am Sonntagabend hat der deutsche Rekordmeister das Jahr 2021 mit einem Heimspiel gegen Mainz 05 begonnen; gegen den Tabellenvorletzten und den einzigen Bundesligisten also, der in dieser Spielzeit bislang ein ähnlich dankbarer Gegner war wie die weiterhin sieglosen Schalker. Die vermeintliche Mainzer Schwäche war also schwarz auf weiß dokumentiert. Doch wie gesagt, es war diesmal vieles anders: Die Münchner gewannen zwar mit 5:2 (0:2). Doch der Sieg war zwischenzeitlich viel mehr in Gefahr, als das klingt. Sein Team habe ihn "erzwungen mit Mentalität", räumte Trainer Hansi Flick anschließend ein.

32 Minuten waren gespielt, da geschah, was schon in den vergangenen sieben Münchner Ligaspielen geschehen war: Der Favorit geriet mit 0:1 in Rückstand. Der Mainzer Jonathan Burkardt lief Verteidiger Jérôme Boateng davon und überwand Manuel Neuer. Die Münchner reklamierten zwar heftig ein Foulspiel Burkardts, der tatsächlich mit seiner Schulter in Boatengs Rücken gestoßen war. Doch als Foul wertete Schiedsrichter Markus Schmidt die Szene nicht.

Joshua Kimmich kehrt in die Startelf zurück, dafür verletzt sich Serge Gnabry

Auch das Muster, ein Konter nach einem langen Pass gegen die weit aufgerückte Münchner Abwehr, ähnelte vielen der 19 Liga-Gegentore zuvor. So weit, so normal also, konnte man glauben - doch die Umstände sind in diesen Tagen eben andere, ungewöhnliche. Der FC Bayern hatte wie alle anderen Teams auch nur gut eine Woche Winterpause. Und nach einem strapaziösen Jahr 2020, mit fünf Titelgewinnen und Spielen alle paar Tage, war schon im Dezember der Verschleiß bemerkbar gewesen.

Diesmal kehrte zwar Joshua Kimmich nach seiner Operation am Meniskus in die Startelf zurück. In Kingsley Coman fehlte allerdings wieder ein Stammspieler verletzt, mit einer leichten Zerrung. Und den gesunden Münchnern auf dem Platz war in der ersten Hälfte deutlich anzumerken, dass sie gerade in fragiler Verfassung sind.

Zwölf Minuten nach dem 0:1 rempelte Boateng seinen Gegenspieler Burkardt in der eigenen Hälfte um. Nach dem anschließenden Freistoß aus dem Halbfeld, eigentlich eine vergleichsweise leichte Verteidigungsaufgabe, kam der Mainzer Alexander Hack frei zum Kopfball - und traf. Hack rutschte jubelnd Richtung Eckfahne. Und die Kommentatoren von Funk und Fernsehen riefen die Sensationsmeldung durch die leere Arena: Zwei zu null für Mainz! Tatsächlich hatte Torwart Neuer zuvor sogar noch ein paar Mal gut reagiert, um mehr Tore der Gäste zu verhindern.

Bundesliga - Bayern Munich v 1. FSV Mainz 05

Nach dem Mainzer 0:1 durch Jonathan Burkardt war die Münchner Stimmung noch nicht so gut.

(Foto: Andreas Gebert/REUTERS)

Die Mainzer haben die kurze Winterpause in Anbetracht ihrer bedrohlichen Lage für diverse Personalwechsel auf der sportlichen Entscheidungsebene genutzt, Sportvorstand Rouven Schröder musste genau wie Trainer Jan-Moritz Lichte gehen, Christian Heidel kehrte als neuer Sportvorstand zurück und brachte in Martin Schmidt einen weiteren Rückkehrer als neuen Sportdirektor mit. Bevor in den kommenden Tagen ein neuer Coach übernimmt, trug am Sonntag der Nachwuchs-Cheftrainer Jan Siewert die Verantwortung. Offenbar hatte er die Mannschaft nahezu perfekt eingestellt. Die Verteidigung der Gäste stand tief und verstellte die Räume, die schnellen Mainzer Angreifer um den 20 Jahre jungen Burkardt waren dafür umso mutiger.

Die Bayern hatten zwar in der ersten Hälfte auch ein paar Torchancen, Corentin Tolisso etwa vergab zwei davon in rätselhaft kläglicher Art und Weise. Doch die Führung für die Gäste war keineswegs unverdient. Sein Team, fand Siewert, habe die Bayern "extrem gereizt und in der ersten Halbzeit ein tolles Gesicht gezeigt". Dann, zum Start der zweiten Hälfte, vergab der Mainzer Danny Latza gleich mal die große Gelegenheit zum 3:0. Er stand ganz frei am Fünfmeterraum, als wäre er für seine Gegenspieler unsichtbar - und schoss an den Pfosten.

Erst danach begann ein wütender, beeindruckender Münchner Sturmlauf: Innerhalb von rund zehn Minuten glichen die Bayern aus. Zunächst traf Kimmich mit einem Kopfball nach Vorarbeit von Robert Lewandowski (50.), dann schloss Leroy Sané einen Angriff mit einem Schuss aus zwanzig Metern ab (56.). Zwar hatten die Mainzer auch noch eine Großchance, Robin Quaison traf mit einem Distanzschuss die Unterkante der Latte (59.). Doch die Überlegenheit des Favoriten war nun so drückend, wie man sich das vorher vorgestellt hatte. Zwei Wechsel zur Pause trugen dazu bei: Niklas Süle und Leon Goretzka kamen für Boateng und Benjamin Pavard; Kimmich spielte nun rechts außen in der Abwehr.

Bundesliga - Bayern Munich v 1. FSV Mainz 05

Sorgen nach dem Foul: Serge Gnabry musste mit einer Prellung am Schienbein ausgewechselt werden.

(Foto: Andreas Gebert/REUTERS)

In der 70. Minute traf Verteidiger Süle mit einem beachtlichen Volleyschuss zur Führung. Nach einem Foul an dem danach mit einer Prellung am Schienbein ausgewechselten Serge Gnabry erhöhte Robert Lewandowski per Strafstoß in der 76. Minute auf 4:2. In der 83. Minute traf der Weltfußballer auch noch zum 5:2. Und Trainer Flick jubelte mit geballter Faust so erleichtert, wie er das vor diesem Abend wohl auch nicht unbedingt erwartet hatte.

© SZ/cca
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