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FC Bayern München:Guardiolas verschleppte Revolution

FC Bayern, Pep Guardiola, Bundesliga

Lehrer des spanischen Fußballs: Pep Guardiola.

(Foto: AFP)

Mit dem teuren Transfer von Verteidiger Mehdi Benatia im Sommer-Schlussverkauf lindert der FC Bayern seine schlimmsten Personalsorgen. Doch insgesamt fehlen klare Signale im Sinne jener fußballerischen Kultur-Revolution, die Trainer Pep Guardiola plant.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Einer der Begriffe, die sich im Wortschatz von Pep Guardiola einen Stammplatz gesichert haben, ist ein technokratischer: Gerne nennt Guardiola es "kontra-kulturell", was er in seiner ersten Münchner Spielzeit zu erledigen hatte. Doch obwohl der Katalane zugibt, dass ihm das Kontra-Kulturelle oft den Schlaf raubte, war die erste Saison, die er in deutscher Sprache moderierte, eine erfolgreiche: Mit vier von sechs möglichen Trophäen reicherte Guardiola die Vitrinen des FC Bayern an. Und dies im chronisch schweren Jahr des Übergangs, nach dem Champions-League-Sieg 2013 unter seinem Vorgänger Jupp Heynckes.

Trotzdem: Ob Guardiola wirklich angekommen ist in Deutschland, in der Bundesliga, beim FC Bayern, wird die zweite Spielzeit zeigen müssen. Denn dieses Kontra-Kulturelle, das ist ja längst nicht überwunden, im Gegenteil. Vereinfacht meint Guardiola damit: Die Deutschen - auch einst die Heynckes-Bayern - spielen Fußball nach dem Polizei-Prinzip: Sicherheit geht vor, besser ein Verteidiger mehr als einer zu wenig, lieber kontrollieren und kontern.

Die Spanier hingegen, besonders einst das Guardiola-Barcelona, lieben Fußball nach dem Torero-Prinzip: den Gegner wie einen Stier hinterm Tuch herlaufen lassen, bis er müde ist. Bis ihn, wie einst im Guardiola-Barcelona, der Lionel Messi dann zur Strecke bringt. Laut Guardiola verhält es sich - technokratisch - in etwa so: Der Spanier liebt die Aktion, der Deutsche liebt die Reaktion.

Guardiola ist angetreten, das zu ändern. Er hat sich auf das Experiment eingelassen, die Systeme zu kreuzen. Mehr Torero, weniger Polizei. Das klappte auf Anhieb. Gastspiele vom Herbst 2013 bei Manchester City (3:1) oder auf Schalke (4:0) verliefen in beeindruckender Eintönigkeit. Der FC Bayern-Barcelona war auf Tournee.

Ein Jahr später nun steigen die Münchner zwar wieder als Titelfavorit in die Saison ein, aber so ganz klar ist es nicht, welchen Fußball sie heute wollen. Das verrät ihr Handeln auf dem Transfermarkt: Sie haben mehr Polizisten als Matadore engagiert. Gut, der teure Transfer von Verteidiger Mehdi Benatia im Sommer-Schlussverkauf ist eine Reaktion auf den monatelangen Ausfall von Javier Martínez. Aber insgesamt fehlen klare Signale im Sinne jener Kultur-Revolution, wie sie Guardiola plant.

In Toni Kroos verließ ein Ballbesitz-Spieler den Klub, den der Trainer zu seinen wichtigsten Interpreten zählte. Ein zweiter, Thiago, ist dauerhaft verletzt. Ein dritter, Mario Götze, hat eine leitende Rolle noch nicht angenommen. Beim 2:1-Auftaktsieg gegen Wolfsburg fiel auf, dass es den Bayern schwer fällt, sich vorne festzukrallen, wie es dem Trainer in seiner Vision vom schönen Spiel vorschwebt. Und so ist der erste Eindruck der Saison in Bezug auf Guardiola sogar kontra-kulturell: Denn zunächst einmal regelt wieder die Polizei den Verkehr.

© SZ vom 27.08.2014/abb/jkn
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