FC Bayern München "Ferguson? Capello?"

Bayern-Trainer Louis van Gaal antwortet auf die Kritik von Sportdirektor Christian Nerlinger - und kokettiert vor dem Spiel beim SC Freiburg mit seinem Rauswurf.

Von Fabian Heckenberger

Louis van Gaal ist Trainer des FC Bayern München, seit kurzem auch Autor eines Fußballlehrbuchs und in beiden Berufen ein Verfechter kalkulierbarer Taktik, einstudierter Spielsysteme und verlässlicher Fakten. Er habe die Minuten gezählt, die seine Spieler am Wochenende und am Mittwoch auf der ganzen Welt für ihre Nationalmannschaften auf dem Platz standen, sagt van Gaal. Nach akribischer Addition kommt der Trainer zu dem Schluss: "Die letzten Tage waren gut für den FC Bayern." Ein Beispiel: "Miroslav Klose hat nur 15 Minuten gegen Finnland gespielt und Bastian Schweinsteiger gar nicht."

Da kam es doch überraschend, dass van Gaal unvermittelt von Fakten zur Fiktion wechselte. Der 58-Jährige fühlte sich bemüßigt, vor dem Bundesligaspiel am Samstag in Freiburg darüber zu sinnieren und improvisieren, was passieren könnte, sollten die Bayern nach drei Pflichtspielen ohne Tor auch im Breisgau nicht treffen und mit einem Remis oder gar einer Niederlage zurückkehren: "Sie können mich rauswerfen, und dann? Es gibt keinen Trainer mit einem besseren Lebenslauf. Wenn ich jetzt weg wäre, wen sollte Bayern dann verpflichten? Ferguson? Capello? Die sind vielleicht erfolgreicher, aber besetzt."

Nervös ist er nicht

Den Ausflug in ein Zukunftsszenario, mit dem sie sich beim FC Bayern eigentlich gar nicht beschäftigen wollen, unternahm van Gaal mit einem ironischen Lächeln. Er weiß, dass er provoziert mit diesen Sätzen. Er will mit ihnen Gelassenheit demonstrieren in einer Situation, in der Bayern München auf Platz acht der Tabelle steht und der Sportdirektor Christian Nerlinger drei Punkte einfordert.

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Er sei Druck gewöhnt, er habe immer bei Vereinen gearbeitet, "die oben in der Liste stehen", sagt der Niederländer. Soll heißen: auf einer Stufe mit den Fergusons und Capellos. Dass sein Arbeitgeber von der Spitze der deutschen Liste derzeit acht Punkte entfernt ist? "Ich bin froh, dass erst acht Spieltage vorbei sind, aber nervös bin ich nicht", antwortet van Gaal. Für wen Entlassung keine Option ist, der hat keinen Grund zur Nervosität.

Van Gaal versteht sich selbst als "Prozesstrainer", das betont er immer wieder. Seine Mannschaften brauchen Zeit, bis sie so spielen, wie er es vorsieht. "Wir stehen erst am Anfang, wir sind noch nicht so weit", sagt er über den Entwicklungsstand der Münchner Mannschaft. Seine Spieler könnten zwar den Gegner dominieren, aber das, was van Gaal "Phase vier" eines Spielzugs nennt, funktioniert noch nicht nach Plan. Phase vier ist der Pass auf den freien Mann, der eine Torchance eröffnet.

Phase vier wird nach zuletzt 274 Minuten ohne Tor an der Säbener Straße derzeit verstärkt trainiert. Bis zur idealen Umsetzung braucht es aber Zeit. "Es ist jetzt am FC Bayern, mir diese Zeit zu geben oder nicht", sagt van Gaal - was als Antwort verstanden werden kann auf Nerlinger, der neulich sagte: "Wir brauchen kurzfristigen Erfolg, das bedeutet, wir brauchen ab sofort Ergebnisse und sollten Meister werden."

Robben schon fit, Ribéry nicht

Bei der Umsetzung dieses Vorhabens muss sich van Gaal derzeit selbst in Geduld üben, ihm fehlt weiterhin wichtiges Personal. Arjen Robben erholt sich zwar unverhofft schnell von seiner Knieoperation vor zwei Wochen, wird aber in Freiburg wohl nur auf der Bank sitzen. Franck Ribéry dagegen fällt wegen einer hartnäckigen Entzündung der Patellasehne weiterhin "auf unbestimmte Zeit" aus, wie der Verein mitteilte, und damit vermutlich auch am nächsten Mittwoch in der Champions League bei Girondins Bordeaux.

Da auch Ivica Olic fehlt, wird der Trainer sein System auf zwei Spitzen umstellen und muss entscheiden, ob der zuletzt degradierte Luca Toni oder der bei der Nationalmannschaft ausgepfiffene Mario Gomez stürmen darf. Stabilität soll in dieser Gemengelage der nach einem Zehenbruch genesene Mark van Bommel bringen. "Ich erwarte von Mark, dass er unsere Ordnung bewacht, auch verbal. Das ist wichtig, das hat uns zuletzt etwas gefehlt", sagt van Gaal über den Kapitän, schränkt aber ein: "Er ist noch nicht fit genug, um das 90 Minuten lang machen zu können." Auch am Samstag in Freiburg bleibt also Raum zur Improvisation.