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FC Bayern München:Endlich mit einem Plan

Das Weiterkommen in Florenz war eine Zitterpartie. Aber dennoch zeigt sich, dass die Bayern etwas haben, das ihnen jahrelang fehlte: ein zukunftsfähiges Konzept.

Es war ein maßgerechtes Ambiente für Louis van Gaal: Florenz, die Stadt der Medici, von Michelangelo und Macchiavelli. Und ein Mitternachtsbankett im Grand Hotel am Arno-Ufer. Dunkelste Ironie wäre es gewesen, wenn der Trainer mit dem fürstlichen Ego just in dieser prunkvollen Kulisse den frühen internationalen K.o. hätte erleben müssen.

Ein Aus im Achtelfinale der Champions League wäre der zweite dramaturgische Bruch in van Gaals erster Saison beim FC Bayern gewesen. Wieder in Italien, und genauso plötzlich und unerwartet wie das 4:1 vor Weihnachten in Turin, die Wende zum Guten. Florenz, so viel ist gewiss, war keine Wende zum Schlechten.

Mit dem Viertelfinale ist in van Gaals Jahreszeugnis das erste Soll schon erfüllt; weiter kam seit 2002 in der Champions League keiner seiner Vorgänger. Und obwohl der zittrige Dienstagabend offenbart hat, dass der Weg hinauf zur kontinentalen Spitze noch weit und steinig sein könnte (herrje, die Abwehr!), so liegen dennoch Welten zwischen der aktuellen Darstellung der Mannschaft - und jenem 0:4-Fiasko von Barcelona, das 2009 das zeitige Ende der Nicht-Ära Klinsmann einleitete.

Van Gaal hat reellere Chancen, eine Epoche zu begründen. Sie haben sich angenähert, der stolze Mia-san-mia-Klub und der sendungsbewusste Ich-bin-ich-Trainer. Und vorerst stört kein Misserfolgs-Rumoren diesen gerade erst begonnenen Prozess, in den beide Seiten ihre Bausteine einbringen: die Bayern ihre in den letzten Jahren lustvoll forcierte Starpolitik, van Gaal seinen taktischen Handschriftfußball, sein radikales Leistungsprinzip und seine Kompetenz als Jugendförderer - Letzteres sehr zur Freude der Vereinsbosse.

Aus diesem Schmelztiegel soll eine sportliche Gesamtchoreographie entstehen, die den Bayern ihr altes Selbstverständnis von europäischer Größe zurückgibt, auch wenn sie vorläufig gut beraten sind, bescheidener Außenseiter zu bleiben. Ein neuer internationaler Erfolgszyklus - auf Augenhöhe mit Barcelona, Real, Chelsea - beginnt nicht durch Handauflegen. Immerhin haben die Bayern wieder ein Pfand in der Hand, das ihnen jahrelang fehlte: einen Plan. Und jeder Etappenerfolg verschafft Zeit zur Fortentwicklung.

Sportdirektor Christian Nerlinger spricht vom "Zwei-Säulen-Modell": Topspieler (Ribéry, Robben, Gomez, Olic) plus Talente aus dem Hausinternat (Badstuber, Müller, Contento, Alaba). Van Gaal ist dabei, ein Team mit zukunftsfähigen Alters- und Befehlsstrukturen zu modellieren. Bei den Personalentscheidungen der nächsten Monate geht es um Nachbessern mit Sinn und Verstand - und nicht nur mit dem traditionell dicken Scheckheft. All dies - auch die Personalie Ribéry - kann nun gelassener moderiert werden, als wenn Florenz misslungen wäre.

© SZ vom 11.03.2010

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