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FC Bayern München:Durchs Fenster fliegt ein Flügelflitzer

Der kriselnde FC Bayern verstärkt überraschend die Offensive: Außenstürmer Arjen Robben von Real Madrid soll kommen.

J. Càceres / M. Kielbassa

Vermutlich hat Uli Hoeneß den 31.August oft verflucht in den vergangenen Wochen, weil der Stichtag noch so weit entfernt war und bis dahin durch das geöffnete Transferfenster täglich heiße Luft zum nervtötenden Thema Franck Ribéry in sein Managerzimmer hereinwehen konnte. Nun jedoch hat Hoeneß das offene Fenster selbst genutzt, und statt den Mittelfeld-Filou Ribéry zu Real Madrid zu transferieren, hat sich der FC Bayern seinerseits im königlichen Sortiment der Spanier bedient.

Arjen Robben (25) gilt als ausgezeichneter Außenstürmer. Im Starensemble von Real Madrid hat der niederländische Nationalspieler jedoch keinen Platz mehr.

(Foto: Foto: ddp)

Außenstürmer Arjen Robben, 25, wechselt - vorbehaltlich der Klärung letzter Details - von Madrid nach München. Der Niederländer, offenbar rund 25Millionen Euro teuer, soll bis 2013 unterschreiben und ein kraftvolles Signal sein nach Bayerns schwächstem Saisonbeginn der Bundesliga-Geschichte. Und Robben ist ein überraschender Kauf, in jeder Hinsicht.

"Mit Real sind wir uns einig. Wenn alles optimal läuft, kommt Robben Freitag auf die Transferliste, und wir hoffen, dass er am Samstag gegen Wolfsburg spielen kann", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß bei einem PR-Termin am Donnerstagabend im Deutschen Museum. Die Ausgaben der Münchner bei der Transferoffensive dieses Sommers steigen damit auf geschätzte 75 Millionen Euro. Erwartet hatte die Branche allerdings - als Reaktion auf den besorgniserregenden Start - eher Stützkäufe für die poröse Defensive (Torwart, Rechtsverteidiger).

Beim 3:1-Testspielsieg am Mittwoch gegen den Zweitligisten Union Berlin legte Sportdirektor Christian Nerlinger jedoch ein unerwartetes internes Analyse-Resultat vor: "Uns fehlte in den ersten Spielen Durchschlagskraft in der Offensive, wir brauchen eine andere Spielanlage, müssen mehr Chancen kreieren und dominanter auftreten." Die Frage nach der Konfusion in der Abwehr parierte Nerlinger trocken: Die mache ihm weniger Sorgen, denn "das zieht sich ja immer von vorne nach hinten durch". Gerüchte über die Verpflichtung von Nationalkeeper Robert Enke (Hannover) oder den holländischen Abwehr-Allrounder John Heitinga, der beim Samstags-Gegner VfL Wolfsburg im Gespräch ist, wies Hoeneß zurück: "In der Defensive hatten wir nie vor etwas zu tun."

Gefunden haben sie den Flügelflitzer Robben. Der Eileinkauf verabschiedete sich Donnerstagfrüh in Madrid von den Real-Kameraden. In München ist Robben, der schon bei der Transferwelle 2007 (Ribéry, Toni & Co.) ein Kandidat war, der dritte Holländer im Kader. Bereits mit 16 Jahren debütierte er in der heimischen Eredivisie für Groningen; über Eindhoven kam er zum FC Chelsea. Robbens Wechsel zu Real 2007 wurde mit 36 Millionen Euro taxiert, in Hollands Elftal kam er bisher 43 Mal (elf Tore) und bei drei großen Turnieren zum Einsatz.

Das sind die Eckdaten eines dribbelfreudigen, spurtstarken Offensivmanns, der im Vollbesitz seiner Schaffenskraft Champions-League-Format hat. In Madrid aber kam Robben nie kontinuierlich zum Einsatz, wegen dauernder Verletzungen, meist muskulärer Art. Real setzte den Angreifer (Nettogehalt: 4,5 Millionen Euro) daher auf die Streichliste. In der Vorbereitung hinterließ Robben zwar einen guten Eindruck beim neuen Trainer Pellegrini, dennoch begann Vater Hans, der ihn berät, dieser Tage die Verhandlungen mit Madrids Bossen und mit FC-Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Auch Manchester United, das Linksaußen Cristiano Ronaldo an Real verloren hat, soll an Robben interessiert gewesen sein, bot aber angeblich zu wenig Ablöse. Der FC Bayern überzeugte Robben: "Sie ließen mich wissen, dass ich dort mehr als willkommen bin. Ich wollte nicht weg von Real, aber ich will spielen. Bayern ist die beste Wahl für mich", sagte er vor dem Abflug nach München, wo der Medizincheck geplant war. Mutmaßungen, im Gegenzug könnte für 2010 ein Ribéry-Transfer zu Real verabredet worden sein, dementierte der FC Bayern.

Welcher Mosaikstein jedoch soll Robben im offensiv bereits umfangreich besetzten Bayern-Team sein? In Berlin erprobte Trainer Louis van Gaal sein Lieblingssystem, ein 4-3-3 mit den formstärksten Angreifern: Ivica Olic links, Thomas Müller rechts, Mario Gomez in der Mitte. Robben hat Linksaußen gelernt, er kann Flanken aus vollem Lauf schlagen, wie sie sich van Gaal wünscht, er ist ein typisch holländischer Flügelangreifer mit Kreidespuren an den Schuhen, weil er sich im Spielaufbau konsequent ganz außen an der Linie anbietet. Der FC Bayern hat aber bereits den dribbelnden Linksaußen Ribéry, mit dem van Gaal bisher als Zehner plante - und den dribbelnden Linksaußen Olic. Robben soll daher als Rechtsaußen wirken, das beherrscht er ebenfalls.

Statt einer starken Mittelachse, van Gaals ursprünglichem Plan, könnte nun eine Flügelzange zur Waffe werden - in mehreren Systemvarianten. Im 4-3-3, mit Ribéry auf seiner linken Paradeseite (oder Olic), Robben rechts und Gomez in der Mitte, wäre man vorzüglich aufgestellt - zumindest vorne. Auch in einem 4-4-2 oder 4-5-1 könnte Robben am Seitenstreifen agieren, denn Hoeneß klassifiziert ihn ausdrücklich als "einen der besten offensiven Mittelfeldspieler Europas".

Der Konkurrenzkampf wird noch härter, für Mittelfeldspieler wie den stagnierenden Bastian Schweinsteiger. Und im Angriff. Zwei Stürmer in der Mitte, deutete Krisenanalyst van Gaal bereits an, seien "nicht unbedingt das, was wir brauchen". Der formschwache Miroslav Klose fiel beim Berliner Test aus der Startelf, er war bereits gegen Bremen vom zornigen van Gaal ausgewechselt worden, weil er bei Flanken "den ersten Pfosten nicht besetzte".

In der Abwehr, wo bisher kein Flecken sorgfältig besetzt war, kamen in Berlin zwei neue Anwärter zum Einsatz: Breno verdrängte den zuletzt indiskutablen Daniel van Buyten aus der Innenverteidigung. Und der fehlerhafte Michael Rensing musste das Tor für Jörg Butt räumen - ein Wechsel, der auch am Samstag vollzogen werden könnte. Auch weitere Käufe der waidwunden Bayern sind nicht auszuschließen. Bis Montag ist das Fenster geöffnet.

© SZ vom 28.08.2009/thi
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