Es nahm fast 30 Minuten in Anspruch, bis die Münchner Basketballer endlich auftauten. Das hatte wohl weniger damit zu tun, dass nach dem Spiel gegen den Mitteldeutschen BC der Popsänger Zartmann mit seiner Band im BMW Park ein Konzert gab. Der Sänger ist beim jüngeren Publikum beliebt, die Bayern bringen unter dem Label „Music meets Basketball“ immer wieder Topacts zu Basketballspielen in die Halle. Natürlich hatte Zartmann, der kürzlich den Publikums-Bambi gewann und seinen richtigen Namen und sein Alter zum Schutz seiner Privatsphäre nicht preisgibt, seinen Nummer-eins-Hit „Tau mich auf“ im Gepäck, die Ball spielende Vorgruppe hatte dies erst spät inspiriert.
Wenyen Gabriel ist 28 Jahre alt und heißt Wenyen Gabriel, einen Publikums-Bambi hat er nicht gewonnen. Aber es war der südsudanesisch-US-amerikanische Basketballprofi, der die Zuschauer in der mit 6600 Zuschauern ausverkauften Halle rechtzeitig in Stimmung brachte, als er im letzten Viertel den Ball gleich mehrmals in den gegnerischen Korb hämmerte. Bis dahin hatte das Spitzenspiel in der Basketball-Bundesliga (BBL) zwischen Meister FC Bayern und Pokalsieger Mitteldeutscher BC die wenigsten Zuschauer inspiriert, vielmehr blieb das Spiel des Tabellenführers gegen den Zweiten lange auf überschaubarem Niveau.

Basketballer Dinwiddie bei den Bayern:Stromstoß aus der NBA
Die Bayern-Basketballer holen in Spencer Dinwiddie den nächsten großen Namen aus der NBA – das hat auch mit der Geduld von Sportdirektor Dragan Tarlac und den Verbindungen von Trainer Gordon Herbert zu tun.
Letztlich reichte es noch zu einem deutlichen 83:62-Sieg der Gastgeber. Wie die Kollegen der Fußballsparte ist der Meister der Konkurrenz weit enteilt, schon jetzt droht Langeweile. Ein paar energische Minuten im letzten Viertel genügten dem Favoriten, um die Partie nach schwachem Beginn und einem 27:30-Rückstand zur Pause auf seine Seite zu ziehen. Die Dunkings von Gabriel, der mit 21 Punkten einen persönlichen BBL-Bestwert erzielte und zudem 13 Rebounds sammelte, sowie ein Dreierwurf von Justinian Jessup mit der Schlusssirene des dritten Viertels läuteten einen 18:0-Lauf ein, dem die Weißenfelser nichts entgegenzusetzen hatten. Bis dahin war es phasenweise ein Gewürge, in dem die deutlich besser besetzten Münchner unter ihren Möglichkeiten blieben.
Spencer Dinwiddie, der aufsehenerregende Zugang aus der NBA, blieb lange trotz seiner zwölf Punkte und sechs Assists unauffällig. Welt- und Europameister Andreas Obst machte den tapferen Gästen erst in den letzten Minuten mit drei sehenswerten Dreiern in Serie den Garaus. Einen wie Dinwiddie hat die BBL bisher nicht gesehen, allein fünf aktuelle Europameister stehen im Kader, zudem Spitzenspieler wie der serbische Spielmacher Stefan Jovic oder Xavier Rathan-Mayes, der von Real Madrid kam.
In Belgrad buhen die Fans die eigene Mannschaft aus, aber die es sind die Bayern, die die Nerven verlieren
Zur Wahrheit gehört auch, dass in diesem Ensemble an Einzelkönnern das Mannschaftsspiel im Argen liegt. Unübersehbar waren die Defizite in der Abstimmung, immer wieder flogen Pässe ins Aus. Neben den Ballverlusten und Missverständnissen waren die Wurfquoten zu Beginn miserabel, nur acht von 31 Versuchen fanden in der ersten Halbzeit ins Ziel. In Partien gegen Teams aus der BBL genügt den Bayern diese individuelle Klasse, international sieht das anders aus, da verlieren die Basketballer im Gegensatz zu den Fußballern den Anschluss.
In der Euroleague werden Durchhänger gnadenlos bestraft. Jüngstes Beispiel war die Partie bei Partizan Belgrad, die den Münchnern nach starkem Beginn noch 85:92 entglitt. Dabei war die Gelegenheit so gut wie nie: Das schwächelnde Partizan-Team hatte kurz vorher Trainer Zeljko Obradovic entlassen, der neunmalige Euroleague-Sieger wird in Belgrad wie ein Heiliger verehrt. Ein unverzeihlicher Akt aus Sicht der serbischen Fans, die ihr eigenes Team bis ins Schlussviertel ausbuhten. Dennoch waren es die Münchner, die die Nerven verloren und nervös und fehlerhaft agierten.
Es war die fünfte Niederlage in Serie, der FCB ist auf Rang 18 abgerutscht, acht Ränge hinter dem ersten sogenannten Play-in-Platz, dem ausgegebenen Mindestziel. Die Gründe liegen auf der Hand: Neben der fehlenden Vorbereitung müssen die Bayern mit einer nicht enden wollenden Verletztenmisere umgehen. Der litauische Spielmacher Rokas Jokubaitis, um den die Mannschaft aufgebaut werden sollte, kehrte mit einem Kreuzbandriss von der EM zurück. Welt- und Europameister Johannes Voigtmann ist nach einer Knieverletzung nicht bei hundert Prozent, derzeit fallen Kamar Baldwin und Rathan-Mayes aus.
Mehr noch: Die Europameister Justus Hollatz und Oscar da Silva, zuletzt im Nationalteam noch mit starken Leistungen, kommen im Klub nicht so recht in Tritt. Isiaha Mike steckt in einem Leistungstief, Jovic und Vladimir Lucic sind im Herbst ihres Schaffens. Und Nachverpflichtungen wie der serbische Nationalspieler Aleksa Radanov oder US-Center David McCormack kamen bisher kaum zum Einsatz. Zu allem Überfluss musste auch Trainer Gordon Herbert wochenlang passen, er hatte sich eine Corona-Infektion eingefangen und fehlte bei sechs Spielen.
Bei einem Klub wie dem FC Bayern drohen bei Misserfolg schnell Konsequenzen
Am Sonntag immerhin tigerte der Weltmeister-Macher wieder an der Seitenlinie auf und ab. Was er sah, wollte ihm allerdings nicht gefallen: „Ich bin froh, zurück zu sein“, sagte er. „Mir geht es gut, und ich hoffe, dass wir bald besseren Basketball spielen. Es ist gar nicht so wichtig, ob wir gewinnen oder verlieren, aber wir müssen besser werden.“ Herbert weiß, dass ihm zumindest international schwere Zeiten ins Haus stehen, denn der Spielplan mit bis zu drei Spielen pro Woche und zuletzt sechs Auswärtspartien nacheinander lässt weder Erholung noch stilbildendes Training zu. Noch sei im engen Euroleague-Rennen alles möglich, so Herbert, man müsse aber schleunigst wieder Siege verbuchen.
In einem Klub wie dem FC Bayern drohen bei anhaltendem Misserfolg schnell Konsequenzen, das wissen alle Beteiligten. Das fest eingeplante nationale Double kann nicht alles kaschieren – sofern es gelingt. Erste Konsequenzen stehen an, ließ Sportdirektor Dragan Tarlac wissen: Ob die Verträge mit Radanov und McCormack über das Jahresende hinaus gültig bleiben, oder ob sie mit anderen Spielern getauscht werden, „müssen wir mit dem Trainerstab diskutieren“. Man müsse jetzt überlegen, „wo wir den Kader vielleicht verbessern müssen“, sagte Tarlac. Klar sei hingegen, dass „wir schnell die Balance im Team finden müssen“. Es gehe nicht darum, die Spieler glücklich zu machen, sondern bessere Ergebnisse zu erzielen.

