Bayern-Basketballer in der EuroleagueDie fatalen 40 Sekunden von Belgrad

Lesezeit: 4 Min.

Auch die zwischenzeitlich enorme Treffsicherheit von Carsen Edwards (links) bei den Dreipunktewürfen half den Bayern am Ende nicht.
Auch die zwischenzeitlich enorme Treffsicherheit von Carsen Edwards (links) bei den Dreipunktewürfen half den Bayern am Ende nicht. (Foto: Aleksandar Djorovic/Imago)

Ein Rekord von Carsen Edwards reicht nicht: Die Bayern vergeben bei der knappen Pleite gegen Tel Aviv eine riesige Chance auf die Playoffs der Euroleague – es droht ein komplizierter Umweg.

Von Ralf Tögel

Gordon Herbert ist nicht gerade für emotionale Ausfälle bekannt, der Kanadier vermag seine Gefühle in der Regel recht gut zu verbergen. Als er aber am Donnerstagabend den Pflichttermin vor dem Mikrofon der Euroleague absolvierte, geriet der nicht nur äußerst kurz. Den eingefrorenen Gesichtszügen des Trainers der Basketballer des FC Bayern war auch eine gewisse Fassungslosigkeit zu entnehmen, so direkt nach der 90:93-Niederlage bei Maccabi Tel Aviv. Denn die Münchner hatten gerade ein Spiel verloren, das der ein oder andere Protagonist angesichts eines furiosen dritten Durchgangs und eines 74:61-Vorsprungs wohl etwas leichtfertig und vorzeitig abgehakt hatte.

Und es kam tatsächlich zum Totalschaden, als die Gastgeber das Spiel nach dem 87:87-Ausgleich in den letzten 40 Sekunden noch drehten. „Wir hatten ein gutes drittes Viertel und fanden einen Weg zurückzukommen. Dann hatten wir vorn ein paar Ballverluste, sie trafen einige Dreier und waren zurück im Spiel. Und dann hatten sie einige große Situationen.“ Mehr wollte der gezeichnete Herbert nicht beitragen, damit war aber auch die Geschichte des Spiels erzählt.

Interview mit Johannes Voigtmann
:„Jetzt sitzen wir da und sind alle unzufrieden mit dem vierten Platz“

Basketball-Nationalspieler Johannes Voigtmann spricht über das enttäuschende Abschneiden bei Olympia. Er erklärt, wie es mit dem Nationalteam weitergeht – und warum er sich für den FC Bayern entschieden hat.

SZ PlusInterview von Ralf Tögel

Dabei erschien die Münchner Mannschaft vom Willen und der immensen Moral des Gegners übertölpelt, was insofern nicht hätte passieren dürfen, da dies keinesfalls überraschend kam. Natürlich kann man bei Auswärtsaufgaben bei Maccabi nicht von Heimspielen sprechen, denn der israelische Serienmeister hält diese wegen des Nahost-Krieges in der Heimat im serbischen Asyl ab. Tel Avivs Heimstatt ist die Aleksandar-Nikolic-Halle in Belgrad, doch anstatt der dort üblichen hitzigen Atmosphäre vor 8000 Zuschauer verlieren sich bei Partien der Israelis im Schnitt 200 Zuschauer auf den Rängen, aus Sicherheitsgründen finden die Spiele quasi ohne Publikum statt. All das war bekannt, auch die Atmosphäre von Geisterspielen ist seit der Corona-Pandemie nichts Neues.

Wie auch die Tatsache, dass sich Maccabi längst aus dem Kampf um die Playoffs verabschiedet hat, es also seit Wochen sportlich um nicht mehr viel geht. Und dennoch ist die Mannschaft gerade in jüngerer Vergangenheit durch große Moral und starke Leistungen auffällig geworden – etwa bei Heimsiegen gegen die Spitzenteams Monaco und Fenerbahce. Die Akteure in den kanariengelben Trikots treibt zudem an, dass sie in jedem Spiel im Euroleague-Schaufenster stehen und sich für andere Klubs empfehlen können. Wie zuletzt Center Wenyen Gabriel, der im Dezember vom Euroleague-Titelanwärter Panathinaikos Athen abgeworben wurde, was Maccabi dem Vernehmen nach immerhin 350 000 Dollar Ablöse einbrachte.

Die Bayern werden im letzten Viertel von der Moral der Israelis, für die es um nichts mehr geht, übertölpelt

All das hätten die Münchner antizipieren müssen, dennoch geriet schon der Auftakt ins Spiel schleppend. Es war ein teils wildes Hin und Her, mit vielen Fehlern und schwachen Abwehrleistungen auf beiden Seiten. Die Gäste konnten sich vornehmlich bei Shabazz Napier, der mit 17 Punkten zweitbester Münchner Schütze war, bedanken, dass sie dennoch nach den ersten zehn Minuten (22:17) und auch zur Halbzeit (48:44) knapp vorn lagen. Der US-Guard mit NBA-Erfahrung, der sich immer besser mit seiner Backup-Rolle zu arrangieren scheint, kaschierte auch die bis dahin schwache Leistung von Carsen Edwards. Der Münchner Unterschiedsspieler war in der ersten Halbzeit völlig abgetaucht, aber sein Trainer fand offenbar die richtigen Worte, um seinen besten Punktesammler für den Rest der Partie zu reanimieren.

Plötzlich stand jener Edwards auf dem Euroleague-Parkett, der in der gesamten Königsklasse zweitbester Schütze ist. Edwards traf aus jeder Lage, versenkte famose acht Dreier bei neun Versuchen, erzielte 26 Punkte im dritten Viertel – beides neue Euroleague-Bestwerte. Edwards war einfach nicht zu stoppen, führte sein Team zu einem 74:61-Vorsprung vor dem finalen Durchgang – und gaukelte den Kollegen damit offenbar ein bisschen zu viel Sicherheit vor.

Wieder da, aber noch nicht in Bestform: Center Devin Booker (li.) kehrte nach zweimonatiger Verletzungspause in die Startformation zurück.
Wieder da, aber noch nicht in Bestform: Center Devin Booker (li.) kehrte nach zweimonatiger Verletzungspause in die Startformation zurück. (Foto: Aleksandar Djorovic/Imago)

In den letzten zehn Minuten verloren die Bayern-Akteure jedenfalls völlig ihre Linie, Maccabi traf aus der Distanz, war im Spiel unter den Körben aggressiver und zielstrebiger und gewann so das wichtige Reboundduell. Und das, obwohl Devin Booker nach zweimonatiger Verletzungspause zurückgekehrt war und von Trainer Herbert sofort in die Startformation beordert wurde. Aber dem Center war trotz einiger gelungener Aktionen die fehlende Spielpraxis anzumerken. So wurden mit jedem Punkt, den Tel Aviv näher kam, die Münchner Aktionen wilder und fehlerhafter. Selbst Edwards agierte hektisch, nahm sich schwere Würfe und verfehlte im letzten Versuch das Ziel.

Der FC Bayern rutschte nach dieser unnötigen Pleite um einen Rang nach unten auf den sechsten Platz, nun hängt alles vom letzten Hauptrundenspiel im SAP Garden gegen Fenerbahce ab. Die Türken zählen zu den heißen Titelanwärtern und sind als Tabellenzweiter bereits für die Runde der letzten Acht qualifiziert. Die Bayern haben, einen Sieg vorausgesetzt, ebenfalls noch die Chance auf den direkten Einzug ins Viertelfinale. Sollte das misslingen, bleibt immerhin der Umweg über die Playins, in denen die Teams auf den Rängen sieben bis zehn die beiden letzten Playoff-Teilnehmer ausspielen.

Für den Endspurt kommt der australische Nationalspieler Jack White – er darf aber nur Bundesliga spielen

Dort warten aber ebenfalls sehr schwere Gegner, wie Shabazz Napier weiß: „Mit der Niederlage machen wir es uns natürlich schwer, aber wir müssen jetzt einfach das nächste Spiel gegen Fenerbahce angehen. Das Spiel wollen wir gewinnen. Das wird schwer, aber es ist nie einfach, in die Playoffs zu kommen.“

Dass der FC Bayern in der Bundesliga die Endrunde erreicht, steht außer Frage, dennoch wurde der australische Nationalspieler Jack White bis Saisonende verpflichtet. Der 27-Jährige kommt von Melbourne United, spielte von 2022 bis 2024 für die Denver Nuggets, mit denen er NBA-Meister wurde. In der Euroleague darf White aber nicht spielen – die Wechselfrist ist abgelaufen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

ExklusivBasketballer Niels Giffey
:„Das war für mich der letzte Sommer mit der Nationalmannschaft“

Der 118-malige deutsche Basketballnationalspieler Niels Giffey spricht über den Schock am Ende der Sommerspiele in Paris, den FC Bayern München, zu große Belastungen im Profisport – und er verkündet seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

SZ PlusInterview von Ralf Tögel und Sebastian Winter

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: