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FC Bayern München:Badstubers letztes Comeback

Im Pokalspiel gegen Augsburg wird der Bayern-Verteidiger nach 259 Tagen Pause kurz vor Schluss eingewechselt. Ein Moment im Stadion, der jeden berührt.

Aus dem Stadion von Matthias Schmid

Als Holger Badstuber am Mittwochabend gerade sein Inneres nach außen kehrte, vergrub Mario Götze hinter ihm sein Gesicht in seinen Händen - der Dortmunder hatte in der Verlängerung gegen den 1. FC Union Berlin einen Freistoß nicht nur über die Mauer, sondern auch weit über das Tor gezirkelt. Badstuber interessierte sich nicht für das Spiel, das in seinem Rücken über den Bildschirm flimmerte. In diesem Moment wurde einmal mehr deutlich, dass eine vergebene Chance so klein und nichtig ist, wenn man die Leiden eines Fußballers wie Holger Badstuber kennt. Eines Fußballers, der in den vergangenen Monaten und Jahren mehr Zeit in Rehabilitationszentren und Arztpraxen verbracht hat, als auf dem Rasen, der für ihn die Welt bedeutet.

Eifrige Statistiker haben herausgefunden, dass der 27-jährige Badstuber fast die komplette und drei Jahre andauernde Ära von Pep Guardiola beim FC Bayern wegen verschiedenster Verletzungen verpasst hat, nur in 25 von 161 möglichen Spielen wirkte er mit. Badstuber kommt seit 2012 auf mittlerweile mehr als 1000 Ausfalltage. Zuletzt hatte ihn eine komplizierte Knöchelverletzung samt Operation vom Sport befreit.

Badstubers Haare werden dünner, während seine Krankenakte dicker wird

Am Mittwochabend kehrte er nun nach 259 Tagen im Pokalspiel gegen den FC Augsburg (3:1) in den letzten zehn Minuten wieder auf den Platz zurück. Es war ein Moment im Stadion, der jeden berührte, "der den Fußball liebt", wie es Bayern-Kapitän Philipp Lahm ausdrückte. Schon als Cheftrainer Carlo Ancelotti Badstuber zum Warmmachen schickte, brandete in der Arena ein Jubel auf, als hätte der FC Bayern gerade seine 27. Meisterschaft gewonnen. "Das geht natürlich unter die Haut, und so etwas vergisst man auch nicht", gestand Badstuber hinterher. Der gebürtige Allgäuer ist einer der beliebtesten Spieler beim FC Bayern - "und jeder wünscht ihm, dass er mal über einen längeren Zeitraum hinweg ohne Verletzung bleibt", sagte sein Verteidigerkollege Mats Hummels.

Die Haare auf Badstubers Kopf sind dünner geworden, seine Krankenakte dagegen ist stetig angewachsen, auf die Dicke der Bibel. Aber sonderlich zu beeindrucken scheint ihn das nicht, zumindest nicht nach außen. Er gibt sich weiter so kämpferisch und klar, wie er Fußball spielt. Und doch überraschte er mit einem Satz, der aufhorchen ließ. "Heute ist das letzte Mal gewesen, dass ich zurückkomme, das habe ich für mich beschlossen", sagte Badstuber.

"Ich kenne mich und meinen Körper"

Will er wirklich aufhören und alles hinschmeißen bei der nächsten größeren Verletzung? Nein, beschwichtigte er und schüttelte den Kopf. "Ich arbeite nur daran, dass ich dauerhaft auf dem Platz stehen und die Mannschaft unterstützen kann." Genauer darauf eingehen wollte er nicht, er blieb im Ungefähren. Er sagte lediglich, dass er einen Weg für sich gefunden habe. "Ich kenne mich und meinen Körper und arbeite nun daran, auf meine Signale besser zu hören und an meinen Defiziten zu arbeiten."

Holger Badstuber hat nach zwei Kreuzbrandrissen und anderen größeren und kleineren Blessuren schon eine gewisse Übung darin, sich in den Alltag zurückkämpfen zu müssen. Er kennt das Prozedere nach einer Verletzung, das Ruhigstellen, das Humpeln mit und ohne Krücken, die Einheiten in der Rehabilitation, das Alleinsein, die guten Tage, die schlechten Tage, das Gefühl im Training wieder erstmals den Rasen riechen und sanft gegen den Ball treten zu dürfen. Er hat die ganze Plackerei mal wieder durchgestanden. Wieder einmal.

Anders war diesmal, dass er sich mehr Zeit genommen hat als früher. Auf der USA-Tour hatte er Ende Juli gegen den AC Mailand schon wieder knapp eine halbe Stunde gespielt. Doch überstürzte er seine Rückkehr in den Pflichtspielbetrieb nicht, er gönnte sich weitere Pausen und Ruhe. "Ich habe mittlerweile ein gutes Gefühl für meinen Körper und meine Situation", findet Badstuber selbst. Auch er ist ja nur ein Mensch, der psychische und physische Grenzen nicht ewig überschreiten kann. "Ich bin zuversichtlich", sagte er am Ende noch, "dass ich jetzt dauerhaft gesund bleibe."

© SZ.de/vbol/mane
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