FC Bayern:Ratlos über Ursache und Wirkung

Der FC Bayern kann sich das 0:5 in Gladbach nicht wirklich erklären. War es nur ein Unfall? War die Borussia so stark? Thomas Müllers Fehleranalyse bleibt lückenhaft, Gladbachs Max Eberl glaubt an banalere Gründe.

Von Philipp Selldorf, Mönchengladbach

"Vereint voran" steht auf den Teambussen des FC Bayern, ein Motto, das gleichermaßen zu den überaus stattlichen Betriebsfahrzeugen passt wie zu den expansiven Ansprüchen des Unternehmens. Aber in Mönchengladbach ging erstmal gar nix voran. Noch um Mitternacht standen die beiden Busse hinter dem verschlossenen Stadiontor, an dem sich eine Gruppe von Münchner Fans versammelt hatte. Die Menschen am Gitter waren aber nicht der Grund für den Stillstand, sie waren nicht als Demonstranten gekommen, sondern bloß als Schaulustige. Sie wollten den Hauch der Geschichte spüren, der an diesem Abend an der Hennes-Weisweiler-Allee wehte. Als sich schließlich der Stau am Borussia-Park auflöste und die roten Transporter endlich in Gang kamen, machten die Fans brav Platz, aber natürlich nicht, ohne ein paar Fotodokumente anzufertigen. Die können sie eines Tages ihren Kindeskindern zeigen: Schaut's, so fuhren sie in die Nacht, die Rekordverlierer.

Borussia Mönchengladbach fünf, Bayern München null, so stand es auf der Anzeigetafel, unter der die Hausherren knapp anderthalb Stunden zuvor ihre Ehrenrunde gedreht hatten. Es gab an diesem Abend große Gewinner und große Verlierer, Heldengeschichten wie die von Breel Embolo, Ramy Bensebaini und Jonas Hofmann und bewegende Einzelschicksale wie die von Dayot Upamecano und Lucas Hernández, aber der Star des Abends war eindeutig das Schlussresultat. Dass die Bayern im zweiten Jahr hintereinander in der zweiten Runde aus dem DFB-Pokal geflogen sind, das ist bereits eine Spitzen-Meldung für Presse, Funk und Fernsehen in aller Fußballwelt, doch das Ergebnis lässt die eigentliche Nachricht verblassen.

Wie es am Mittwoch um die schwer versehrte Gewinner-Seele der Münchner stand, das ließ sich am Torwart Manuel Neuer ablesen. Als er in der 57. Minute das fünfte Tor kassierte, machte er sich nicht mehr die Mühe, den längst weltberühmten Reklamier-Arm zu betätigen, mit dem er Einspruch gegen die Rechtmäßigkeit von Gegentreffern einzulegen pflegt. Neuer sah, wie Embolo den Schuss abgab, und er sah, dass er den Ball nicht würde halten können, und so ließ er regungslos geschehen, was nicht zu verhindern war: den nächsten Treffer, die Niederlage, die Schmach, das 0:5.

Neuer glaubt augenscheinlich an eine Ausnahme-Erscheinung

Gegentore können Neuer die Laune verderben, selbst wenn seine Mannschaft hoch gewonnen hat. Aber am Mittwochabend hat der Torwart keinen seiner Vorderleute berührt oder geschüttelt, er hat keine Brüllanfälle bekommen (wie beim 0:6 der deutschen Nationalmannschaft in Spanien) und keinen Gegenspieler angefallen. Er hat auch nicht, wie die Mitspieler, nach dem Schlusspfiff eilig in der Kabine Zuflucht gesucht, stattdessen plauschte er noch mit einem Gladbacher Betreuer. Auch nach dem Umziehen machte er einen ausgesprochen entspannten Eindruck, als er an der Seite des Borussen Hofmann im Stadionkeller mit Bekannten beisammenstand. Neuer lächelte und Neuer lachte.

FC Bayern: Selten sah man einen Bayern-Spieler so offensichtlich leiden wie Joshua Kimmich.

Selten sah man einen Bayern-Spieler so offensichtlich leiden wie Joshua Kimmich.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Küchenpsychologisch darf man das Verhalten des Nationaltorwarts wohl so deuten, dass er den Pokalabend als Unfall einordnete, ein Unfall mit hohem Material- und Imageschaden zwar, aber eben nur ein Unfall, der nicht verhindern wird, dass es am Samstag auf gewohnte Weise mit einem gewohnten Sieg weitergehen sollte. Dann tritt der FC Bayern in Berlin beim 1. FC Union an, und dann werde "eine Reaktion kommen, da bin ich mir sicher", versprach der Mann, der auf der Pressekonferenz neben Gladbachs Coach Adi Hütter saß. Dino Toppmöller war um diesen Platz nicht unbedingt zu beneiden, er musste exponiert eine Bayern-Niederlage von historischer Tragweite kommentieren, die er kraft Dienstrang allenfalls nachgeordnet zu verantworten hatte. Aber Toppmöller machte als Vertreter des in Quarantäne befindlichen Julian Nagelsmann eine gute Figur und sagte gleich das Richtige: Er richtete Glückwünsche an die Gladbacher und stellte fest, die Borussia habe "einen hochverdienten Sieg" gelandet. Kein Wenn und kein Aber.

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Kouadio Koné erzielt nach einem Fehlpass von Alphonso Davies und einem starken Ballgewinn die frühe Führung für Gladbach.

(Foto: Action Pictures/Imago)

Wie bei den vorigen, jeweils 4:0 gewonnenen Spielen hatte Nagelsmann aus seinem Oval Office in seiner Küche die Partie beobachtet, er war dabei eng verdrahtet mit dem Schauplatz. Die Matchplan-Sitzung hatte er tags zuvor mit Toppmöller gemacht, während des Spiels hielten die Analysten Kontakt zum Chef. Technisch war der FC Bayern somit bestens gerüstet, aber inhaltlich war das Ergebnis der Kooperative nicht überzeugend. Dass es nach 21 Minuten 0:3 stand, das war einerseits die Folge eines Gladbacher Auftritts, den Hütter "fast perfekt" fand und den die Akteure, so Jonas Hofmann, "wie im Rausch" erlebten. Bensebainis 2:0 entstammte einer Kombination, die über acht Stationen lief und dafür höchstens vier Sekunden benötigte.

Andererseits war dieser inflationär anmutende Rückstand das Ergebnis einer spektakulär schlechten Münchner Abwehrleistung. Besonders das französische Duett Upamecano und Hernández präsentierte sich im Zentrum der Deckung nicht als Traumpaar des FC Hollywood. "Wir waren nie in der Mannbindung drin", befand Toppmöller. Von einem schnellen Eingreifen nach rigider Felix-Magath-Manier sahen der Aushilfscoach und sein Regisseur in München dennoch ab. Auch nach der Pause blieb die Startelf-Formation erhalten. Toppmöller sagte später, der 0:3-Rückstand habe "keine Frage des Systems" aufgeworfen, "es war einfach ein rabenschwarzer Tag - Mönchengladbach hat uns mit seiner Emotionalität förmlich überrannt". Der VfL-Sportdirektor Max Eberl traute sich kaum, das revolutionäre Geschehen in Worte zu fassen: "Wir haben sie teilweise ein wenig an die Wand gedrückt."

Ramy BENSEBAINI, MG 25 11m scores, shoots goal , Tor, Treffer, 3-0, Manuel NEUER, goalkeeper FCB 1 in the DFB Pokal mat

Ramy Bensebaini erwischt auch noch beim Elfmeter Neuer auf dem falschen Fuß.

(Foto: ActionPictures/Imago)

Letzteres traf in Wahrheit mehr als nur teilweise zu, jedes Kompliment für die euphorischen Borussen war angebracht, ein personeller Wechsel wenigstens zur Pause hätte den Bayern trotzdem nicht geschadet, denn so beteiligten sich die derangierten Artisten Upamecano & Hernández auch noch am vierten Gladbacher Treffer, der den durchaus noch vorhandenen Münchner Überlebensgeist endgültig erlöschen ließ. Gemeinsam machten die beiden Unglücklichen den Weg frei für Embolo, der zur Krönung dem Welttorwart Neuer den Ball durch die Beine schoss.

Toppmöller nimmt Upamecano in Schutz

Erst dann hatte der Trainerstab ein Einsehen, Upamecano durfte gehen. Den Verteidiger, der im Kalenderjahr 2021 sowohl in Leipzig als auch in München schon einige wechselhafte Vorstellungen geboten hat, nahm Toppmöller soweit in Schutz, wie das möglich war: "Gestern war er noch Supermecano", erinnerte er, "heute hat er mit Sicherheit kein gutes Spiel gemacht." Das konnte, kleiner Trost, auch kein anderer Bayern-Profi von sich sagen. "Wir wurden in der ersten Halbzeit zerpflückt von A bis Z", stellte Thomas Müller fest. Selbst Müller, Doktor der Raum- und der Spieldeutung, bekannte sich ratlos über Ursache und Wirkung dieses irren Abends.

Normalerweise wisse die Mannschaft nach einer Niederlage zu reagieren, sagte er mit Blick aufs nächste Wochenende, aber ob das auch diesmal gelingen werde? "Normalerweise ist man es von uns auch gewohnt, dass wir nach Rückständen anders reagieren." Manuel Neuers Unfall-Theorie schien Müller fürs Erste nicht zu überzeugen.

Letztlich verhält es sich vielleicht so banal, wie Max Eberl den Fall analysierte: "Die Bayern sind auch nur Menschen." Menschen, die genervt im Stau stehen wie andere Menschen. Menschen, die auch mal 0:5 verlieren wie andere Menschen.

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