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FC Bayern:Mentalitätsmonster

Darmstadt begrüßt seine Gegner mit Schweißfuß-Romantik, die Bayern erledigen beim 3:0 trotzdem unbeeindruckt ihren Job.

Pep Guardiola duckt sich unter die Schräge der Haupttribüne, Kies und Sand knirschen unter den Sohlen seiner polierten Glattlederschuhe, das fahle Licht der Neonröhren weist dem Bayern-Trainer den Weg. Nein, das ist nicht der erste Satz eines billigen Kriminalromans, sondern die Realität in der Fußball-Bundesliga, seit der SV Darmstadt 98 aufgestiegen ist. Hier müssen sie alle durch im Stadion am Böllenfalltor, die Weltmeister und Champions-League-Sieger, vorbei an dem alten Waschtrog aus geflecktem Stein, an den Lüftungsrohren, an dem Gerümpel des Platzwarts - Harke, Rechen, Schubkarre - bis zur Tür mit dem verbeulten Metallschild "Kabine 1". An deren gepflegtem Zustand besteht allerdings kein Zweifel. Rüdiger Fritsch, der 98-Präsident, hat vor dem Spiel ja angekündigt, man werde "noch mal durchwischen" für Pep Guardiola. Und selbst wenn Fritsch dann nicht persönlich mit dem Putzlappen angerückt ist, so kann er doch berichten, vor Spielbeginn habe "alles schön nach Meister Proper gerochen".

Nur, weil sie jetzt in der ersten Liga spielen, kaufen sich die Darmstädter keinen neuen Tisch

Nach Spielende riecht es wieder wie immer, nach Bratwurst und Schweißfüßen, doch es dringt Musik durch die Tür. Musik und Männer-Gesang. Sogar ein erwartbares 3:0 (1:0) in Darmstadt setzt bei den Profis des FC Bayern offenkundig Glückshormone frei. Da will auch Karl-Heinz Rummenigge nicht fehlen, doch als er sich mit seiner Entourage der Kabine 1 von der Rückseite nähert, steht dort eine strenge Frau und sagt: "Sie dürfen hier nicht rein, ich muss Ihre Ausweise sehen." Er dürfe hier schon rein, sagt Rummenigge. Es hilft aber nichts. Die Tür ist abgeschlossen. Und auch der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG, Jahresumsatz 528 Millionen Euro, muss sich nun hineinbegeben in das finstere Böllenfalltor-Labyrinth.

Fussball 1. Bundesliga/ SV Darmstadt 98-FC Bayern Muenchen 0-3

"Er verdient es, bei diesem Verein zu spielen", sagt Bayern-Trainer Guardiola über Sebastian Rode (am Ball), den Torschützen zum 3:0.

(Foto: Frank Hoermann/Sven Simon)

Für Pep Guardiola geht es ebenfalls bald weiter, vorbei an einem leeren Terrarium, einem klapprigen Hutständer ohne Hut, rein in den Presseraum. Dort quetscht sich Guardiola in die Nische eines Mauervorsprungs und setzt sich an einen zerschlissenen Holztisch, der aussieht, als habe er schon die Vereinsgründung 1898 erlebt. Heute dient er für die Pressekonferenz. Neben Guardiola hängt ein Plakat mit der Aufschrift: "Wir Lilien. Aus Tradition anders."

Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der Slogan "Aus Tradition anders" lediglich eine verklärende Umschreibung für Investitionsstau. Im Jahr 2008 mussten die Lilien durch ein Benefizspiel des FC Bayern vor der Insolvenz gerettet werden, noch 2013 wären sie fast aus der dritten Liga abgestiegen. Jetzt sind die Bayern tatsächlich zum Punktspiel hier, erstmals seit gut 33 Jahren. Aber es liegt wohl in der Natur der Sache, dass sie in Darmstadt nicht gleich einen neuen Tisch kaufen, bloß weil sie jetzt in der ersten Liga spielen. Das wäre nun wirklich größenwahnsinnig.

1. Liga  2015/2016, 05. Spieltag Hinrunde, SV Darmstadt 98 vs. FC Bayern München

Rode spielte in der Jugend ein Jahr lang für Darmstadt 98 - der altertümliche Charme des Stadions am Böllenfalltor ist ihm also vertraut.

(Foto: nordphoto)

Außerdem hofft der listige 98-Trainer Dirk Schuster, dass er in dieser Saison noch ein paar Branchengrößen erschrecken kann durch die Schweißfuß-Romantik am Böllenfalltor. Bei Guardiola hat das allerdings nicht funktioniert. Er hat seinen Job gemacht wie immer. Und obwohl Schuster hinterher sehr stolz ist, "dass der Manuel Neuer sich ein paar Mal strecken musste" nach gelungenen Angriffsaktionen, muss er doch feststellen: "Es ist das Normalste der Welt passiert: Der FC Bayern hat in Darmstadt gewonnen."

Ob sich das Ambiente komisch anfühle, wird Guardiola gefragt, als er da in dem Mauervorsprung klemmt. Doch nicht das kleinste selbstgefällige Grinsen entlockt ihm diese Frage. Komisch? "Ich habe als Trainer in der vierten Liga angefangen. Vergleiche dieses Stadion mit der vierten spanischen Liga: Dann ist dieses Szenario der Wahnsinn." Das haben bisher nicht alle so gesehen. Markus Gisdol von der TSG 1899 Hoffenheim haben sie in Darmstadt zum Beispiel als bemerkenswert hochnäsig in Erinnerung, zur Strafe haben sie Hoffenheim ein 0:0 abgetrotzt.

Guardiola ist nicht hochnäsig. Er ist immer gleich. Und das ist jetzt durchaus eine schlechte Nachricht für den Rest der Liga.

Etwas Hochnäsigkeit wäre ja sicher vonnöten, damit die Bayern in dieser Saison mal wieder in Bedrängnis geraten. Beim herbstlichen Tingeln über die Dörfer kann man eine Menge Punkte liegen lassen, wenn man mit dem Kopf in der Champions League und mit dem Körper in Darmstadt ist; die älteren im Team können davon noch erzählen. Aber seit einigen Jahren haben die Münchner ja auch diese Form der Schludrigkeit abgeschafft, sie haben dafür ja jetzt Spieler wie Joshua Kimmich, 20, und Sebastian Rode, 24, im Kader - und damit ist die Geschichte dieses 3:0 auch schon fast erzählt.

Es ist weniger die Geschichte der Premieren-Treffer von Arturo Vidal (1:0, 20. Minute, Weitschuss) und Kingsley Coman (2:0, 62., Weitschuss) für ihren neuen Klub. Es ist eher die Geschichte der zweiten Garde, die sehr viel Lust hat zu spielen, sich aber auch sehr verständnisvoll ins Nicht-Spielen fügt. Guardiola: "Ich freue mich für Kimmich und Rode. Sie haben heute gezeigt, dass sie es verdienen, bei diesem Verein zu sein." Kimmich hat in Darmstadt einen ziemlich reifen Sechser gegeben, Rode einen vitalen Achter mit Drang nach vorne, das 2:0 bereitete er vor, das 3:0 erzielte er selbst. Rode sei ein "Mentalitätsmonster", sagt hinterher der Sportvorstand Matthias Sammer, und Guardiola ergänzt: Welche Aufgabe auch immer man Rode anvertraue - "es ist da ein großes Lachen". Mit genau diesem Lachen setzt sich Rode am Dienstag gegen Wolfsburg wieder auf die Bank.

Im Fall von Javier Martínez - das ist die andere Geschichte dieses Samstags in Darmstadt - ist ein Platz auf der Bank hingegen nicht vorgesehen. Der Spanier wurde 13 Monate nach seinem Kreuzbandriss wieder eingewechselt, "ich habe ihn sehr vermisst", sagt Guardiola. Der Trainer sieht ihn vor allem als zweiten Innenverteidiger neben Jérôme Boateng. Martínez hat die Bayern mal 40 Millionen Euro gekostet, für so viel Geld könnte man am Böllenfalltor alles abreißen und neu bauen. Und man kann nur hoffen, dass das so bald nicht geschieht.

© SZ vom 21.09.2015
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